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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Zurück mit gemischten Gefühlen

UN-Organisation hilft Afrikanern bei der freiwilligen Rückkehr

Wenn der Traum vom besseren Leben in Libyen oder Spanien platzt, verzweifeln viele Migranten. Manche gestehen sich schweren Herzens ihr Scheitern ein – und nehmen Hilfe für die Rückkehr in Anspruch. Eine Erfolgsgarantie gibt es nicht. Von Odile Jolys

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Abflug (Symbolfoto) © MiG

Adrettes weißblaues Hemd, schickes Handy: El Hadji Mamadou Guèye ist stolz auf sein blitzblankes Büro. Der 32-Jährige verkauft in der senegalesischen Hauptstadt Dakar Versicherungen. Vor vier Monaten schuftete er noch als Erntehelfer auf Feldern nahe der spanischen Stadt Valencia. Guèye war erschöpft und verzweifelt, als er mit dem Büro der Internationalen Organisation für Migration (IOM) in Madrid Kontakt aufnahm. Schließlich gewährte ihm die UN-Organisation eine Starthilfe für eine neue Existenz und brachte ihn zurück in seine Heimat.

Im vergangenen Jahr kehrten 1.880 Migranten mit Hilfe der IOM in den Senegal zurück. Die meisten kamen aus den Transitländern Niger und Libyen, wenige aus Europa. „Es geht ausschließlich um eine freiwillige Rückführung“, sagt Jo-Lind Roberts-Sène, die Direktorin des senegalesischen IOM-Büros. Die Migranten könnten noch am Flugzeug oder am Bus umkehren. „Bis zum Einsteigen können sie nein sagen“, versichert sie.

Der geplatzte Traum

Guèye zögerte nicht. Er hatte im Senegal bereits Versicherungswirtschaft studiert. Über seine Zeit in Spanien spricht er heute mit Bitterkeit. Nach einem ersten gescheiterten Versuch, in Europa Fuß zu fassen, kehrte er 2015 auf eigene Faust in den Senegal zurück, mit der festen Idee, sich für eine zweite Reise besser vorzubereiten. 2016 war es soweit. Doch in Valencia, wo er sich an einer Hochschule zu einem Studium für Handelswesen angemeldet hatte, suchte er vergeblich Arbeit.

Guèye fand nur einen Job im Ost- und Gemüsebau. Es war Schwarzarbeit, er benutzte die Papiere eines anderen Senegalesen. Sein Traum war geplatzt, an Studieren war nicht mehr zu denken. Und was er verdiente, reichte kaum zum Leben. An die schwere körperliche Arbeit auf dem Feld war der Großstadtmensch nicht gewöhnt. „Ich fühlte mich schwächer und schwächer“, sagt er.

Rückkehrer erhalten einmalig 1.000 bis 3.000 Euro

Seine Mutter drängte ihn zurückzukommen. Das war ein Glück, es erleichterte seine Rückkehr. „Ich habe mir dennoch einiges anhören müssen“, seufzt er. „Als ich zurückkam, war mein Bruder verheiratet und in seiner Arbeit weiter vorangekommen, und was habe ich so lange gemacht?“

Das Rückkehrprogramm der IOM gab ihm Rückhalt. Jetzt kann er beweisen, dass er hart arbeiten kann. Schon bei der IOM in Madrid musste er über sein Berufsprojekt in Dakar entscheiden und bekam eine dreitägige Schulung in Management. Die Rückkehrer erhalten zudem 1.000 bis 3.000 Euro als einmalige Unterstützung – für das Anmieten einer Boutique, den Kauf von Vieh oder für Büroausstattung. Guèye ist dankbar dafür.

„Was du verdienst, gibst du gleich wieder aus“

Doch sein 31-jähriger Landsmann Abdou Diop ärgert sich. Er ging 2013 nach Marokko, wo er arbeitete, aber um den Lohn betrogen wurde. Dann war er in Algerien, wo der Lebensunterhalt aber zu teuer war. Schließlich landete er 2015 in Libyen: „Was du verdienst, gibst du gleich wieder aus, damit du am Leben bleibst“, sagt er über diese Zeit. Diop kam Anfang 2016 mit Hilfe der IOM zurück und bezog eine Starthilfe für eine Geflügelfarm, gemeinsam mit anderen Rückkehrern.

Doch bald starben alle Tiere an der Geflügelpest. „Jetzt sitze ich mit nichts da“, schimpft er. Man spürt, wie schwer es ihm fällt, sich über Wasser zu halten. Nun will er es mit Freunden wieder mit Geflügel versuchen – in einem Migrantenverein, wie er von vielen Senegalesen gegründet wurde, die ohne die IOM zurückkehrten. „Zwei Bekannte sind gerade wieder nach Libyen zurück“, erklärt er. „Obwohl sie aus eigener Erfahrung wissen, dass dort die Hölle ist.“

„Die Rückkehr ist eine Herausforderung“

Die IOM-Direktorin weiß um die Schwierigkeiten: „Die Rückkehr ist eine Herausforderung“, sagt sie. „Auf den Migranten lastet der Druck der Familie und der Gemeinschaft.“ Manche hätten Schulden wegen der Reise oder litten unter schlimmen Erlebnissen. „Und nicht jeder ist zum Unternehmer geboren“, räumt Roberts-Sène ein.

Um die Rückkehr erfolgreicher zu gestalten, will die IOM eine neue Strategie anwenden: „Statt nur dem Migranten zu helfen, wollen wir Familien- oder Gemeinschaftsprojekte unterstützen.“ Dies wird vom Afrika-Treuhandfonds der Europäischen Union finanziert, die die Rückführung der geschätzten 1,5 Millionen Einwanderer ohne Papiere beschleunigen will. (epd/mig)

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