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Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

"Ablenkungsmanöver"

Parteien diskutieren über AfD-Berichterstattung der Öffentlich-Rechtlichen

Für ihre AfD-Berichterstattung haben ARD und ZDF von Politikern mehrerer Parteien vor laufender Kamera Schelte bekommen. Die Sender geben den Ball zurück: Die Parteien müssten sich selbst fragen, wie sie zum Erstarken der AfD beigetragen hätten.

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Bildschirm © martinhoward auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Die Chefredakteure von ARD und ZDF haben Kritik an der AfD-Berichterstattung ihrer Sender zurückgewiesen. „Vieles, was wir am Wahltag gehört haben, hat natürlich mit dem Wahltag und den Enttäuschungen über die Wahlergebnisse zu tun und das sollte man vielleicht auch hinter sich lassen“, sagte ZDF-Chefredakteur Peter Frey am Mittwoch im Morgenmagazin des Senders. Vertreter mehrerer Parteien hatten den Umgang der Öffentlich-Rechtlichen mit der AfD im Bundestagswahlkampf kritisiert. Die Vorwürfe sollen offenbar auch im ZDF-Fernsehrat eine Rolle spielen.

„Wir alle haben Anlass dazu, darüber nachzudenken, was die AfD stark gemacht hat“, sagte Frey. Nicht nur die Medien, sondern auch Parteien und zivilgesellschaftliche Kräfte wie Kirchen und Gewerkschaften müssten sich fragen, was eigentlich so viele Wähler zur AfD gebracht habe. Das ZDF benutze auch niemanden, um seine Quoten nach oben zu betreiben: In der Talkshow Maybrit Illner seien seit Anfang 2016 bei knapp 400 Gästen lediglich elf AfD-Vertreter eingeladen worden.

Auch ARD-Chefredakteur Rainald Becker wies die Kritik erneut zurück. „Es ist nicht an uns, eine Partei groß- oder kleinzumachen, sondern es geht darum, über einen Wahlkampf zu berichten“, sagte Becker am Dienstagabend in den ARD-Tagesthemen. Die AfD brauche die öffentlich-rechtlichen Medien nicht. Sie spielten für die Information der Anhänger der Partei eine eher untergeordnete Rolle, betonte Becker mit Verweis auf soziale Netzwerke.

Diskussion im ZDF Fernsehrat

Die Kritik soll wohl auch im ZDF-Fernsehrat angesprochen werden. „Wir werden über diese Frage bestimmt im nächsten Fernsehrat diskutieren“, sagte Franz Josef Jung (CDU), ehemaliger Verteidigungsminister und Mitglied im Fernsehrat, der Heilbronner Stimme. Das Gremium tagt am Freitag.

Politiker hatten ARD und ZDF vorgeworfen, der AfD zu viel Sendezeit eingeräumt zu haben. Die Sender hätten so zum guten Wahlergebnis der Partei beigetragen. Der CSU-Spitzenkandidat Joachim Herrmann sagte am Sonntagabend in der Berliner Runde von ARD und ZDF, es werde zu diskutieren sein, „in welchem Ausmaß die öffentlich-rechtlichen Sender in den letzten Wochen massiv dazu beigetragen haben, in der Tat nicht die AfD kleinzumachen, sondern großzumachen, in einer Art und Weise der Diskussion, die völlig fehl am Platz ist.“ Der scheidende Grünen-Bundestagsabgeordnete Hans-Christian Ströbele forderte im ZDF, die Sender sollten „nicht jeden Furz oder jeden Spruch, den ein AfDler loslässt“, aufgreifen.

Experte verteidigt ARD und ZDF

Mit ihrer Kritik an ARD und ZDF versuchten die Politiker „letztlich auch von tiefergehenden Ursachen und zum Teil eigenen Problemen abzulenken“, sagte der Münchner Kommunikationswissenschaftler Carsten Reinemann dem Evangelischen Pressedienst. Die Alternative, dass die öffentlich-rechtlichen Sender weniger über die AfD hätten berichten können, sehe er nicht. „Hätten die öffentlich-rechtlichen Medien nicht über die AfD berichtet, sie sogar nicht zu Talkshows eingeladen, dann hätte sich die AfD in eine Opferrolle flüchten können“, sagte Reinemann, der an der Ludwig-Maximilians-Universität in München lehrt. Es sei außerdem nicht die Aufgabe der Medien, eine Partei „kleinzuhalten“. Stattdessen sollten sie Kritik üben und anprangern.

Die AfD zieht mit 12,6 Prozent der Stimmen, die sie bei der Bundestagswahl erhalten hat, als drittstärkste Kraft ins Parlament ein. In Sachsen wurde die rechte Partei sogar knapp vor der CDU stärkste Kraft. (epd/mig)

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