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„Der Film zementiert antiziganistische Klischees“

Sie kennen doch das Stereotyp des verschlagenen, diebischen, schmuddeligen Roma. Und ihnen ist doch klar, dass es zutiefst rassistisch ist, nicht!? Es schreibt eine Geschichte fort, die seit Jahrhunderten zur Menschenverachtung und zur Zementierung alter Machtverhältnisse dient.

Keine Frage, dass wir unsere Kinder nicht damit aufwachsen lassen. Keine Frage, dass wir ihnen erklären, warum so viele Sinti und Roma in den Ländern Europas in Armut und Ausgrenzung leben. Vielleicht erzählen wir Ihnen gar von anderen Europäischen, Sinti oder Roma. Von Herrn Meier aus dem Supermarkt, der Frau aus der Schule, von Politikern, wie Romeo Franz (Grüne), von Wissenschaftlern, wie Ian Hancock, Sängerinnen, wie Marianne Rosenberg oder – ach was soll´s: Menowin Frölich, von DSDS.

Um seine Kinder von derartigen Klischees über Roma und Sinti fern zu halten, muss man derzeit leider auch das Öffentlich-rechtliche Fernsehen umgehen. Dieses strahlt bald den Film „Nelly´s Abenteuer“ aus und verteidigt dieses Vorhaben gegen heftige Kritik. Der Film, der im vergangenen Jahr in deutschen Kinos lief, wird im Kinderkanal und im SWR laufen.

Der Zentralrat deutscher Sinti und Roma übt scharfe Kritik an dem Werk und hat zu ihrer Untermauerung wissenschaftliche Gutachten dazu in Auftrag gegeben. So Urteilt der Slavistik-Professor Urs Heftrich von der Universität Heidelberg, der Film sei geeignet, „antiziganistische Klischees zu zementieren“.

Pavel Brunßen vom Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin schreibt, Roma seien in dem Film ausschließlich dargestellt „als Kleinkriminelle, Trickbetrüger, Bettler, beim Aufführen ‚traditioneller‘ Tänze, als Kindesentführer usw. Roma in anderen Lebenssituationen, wie etwa in ‚regulären‘ Berufen oder als Studierende, werden im Film nicht gezeigt. Hängen bleibt das Bild von den kriminellen, unzivilisierten, disziplinlosen und triebgesteuerten Roma, die keine Moral kennen.“

Vielleicht fragen Sie sich an dieser Stelle, wo die genauere Beschreibung des Filmes selbst und seiner strittigen Szenen bleibt. Wie sollten sie sich sonst ein Bild davon machen, ob der Zentralrat deutscher Sinti und Roma mit seiner Kritik richtig liegt? Aber darum geht es überhaupt nicht.

In einer Stellungnahme des Programmdirektors des SWR, Christoph Hauser, gegenüber des Magazins VICE, welches am 20.09.2017 über den Fall berichtete, sagte dieser, man habe sich seitens des Senders mit dem Zentralrat „zusammengesetzt“. Man habe den Vertretern „ausführlich dargelegt“ der Film werde „auf der Basis gegenseitiger kultureller Wertschätzung erzählt“ – und werde gesendet. Hauser wird weiter mit den Worten zitiert, er weise den Vorwurf, der Film enthalte rassistische oder antiziganistische Züge, „entschieden zurück“.

Darum geht es! Diese Stellungnahme enthält den mehrheitsgesellschaftlichen Reflex, die Deutungshoheit über eine Gewalttat dem Opfer zu entziehen und sie an sich zu reißen. Die Möglichkeit, dass dieser Film Verletzungen verursacht und Kindern ein falsches – weil antiziganistisches – Bild von Sinti und Roma vermittelt, reicht aus, um ihn in Frage zu stellen.

Dabei gilt hier und überall eine sehr einfache Regel: Der Maßstab für empfundenes Leid kann und darf nie vom potentiellen Aggressor ausgehen.

Oder, wie es meine Kinder ausdrücken würden:

Hey! Das heißt „Tschuldigung“!