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Migration und Integration in Deutschland

In allen Zielstaaten der Arbeitsmigration weisen die Eltern der als Migranten erfassten Jugendlichen eine kürzere Schulbesuchszeit und einen geringeren ökonomischen, sozialen und kulturellen Status auf als die Eltern von Nichtmigranten. Nirgendwo ist dieser Unterschied … aber so stark wie in Deutschland.

Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Glücksspiele

Migranten häufiger von Spielsucht betroffen als Deutsche

Menschen mit Migrationshintergrund sind anfälliger für Spielsucht, sie fallen schneller in die Fänge von Online Casinos und Spielhallen. Trotzdem sind Beratungs- und Hilfsangebote in ausländischer Sprache Mangelware.

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Wettbüro © surfvienna.net auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Die Internetseite der Landesstelle Glückspielsucht in Bayern informiert nicht zufällig in acht Fremdsprachen, darunter Türkisch und Arabisch. Experten schätzen den Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund an der Gesamtzahl von circa 500.000 spielsüchtigen Personen in Deutschland auf etwa 40 Prozent. Zum Vergleich: Der Anteil der Personen mit Migrationshintergrund an der Gesamtbevölkerung ist nur halb so hoch und liegt bei etwa 20 Prozent.

Warum Personen mit Einwanderungsgeschichte in Deutschland anfälliger für Glücksspiele sind als Deutsche, erklären Experten anhand statistischer Daten. In Deutschland haben Menschen mit Migrationshintergrund ein niedrigeres Bildungsniveau, entsprechend sind sie häufiger arbeitslos oder arbeiten häufiger im Niedriglohnsektor. Kriterien, die Menschen dazu verleiten, das Glück vom Geld auf dem Roulettetisch im Casino zu erspielen.

Perspektivlose anfällig

Insbesondere Arbeitslose sind Studien zufolge empfänglich für Glückssiele. Die Perspektivlosigkeit ist nur ein Grund, wichtiger ist der Gedanke vom schnellen Geld sowie der Adrenalinschub beim Spielen. Dank dieser „Kicks“ entkommen die Menschen zumindest für eine kurze Zeit ihrem tristen Alltag, der häufig von Langeweile geprägt ist.

Etwaige Sprachbarrieren sind beim Zocken nahezu bedeutungslos, die Regeln von Poker und Black Jack sind weltweit bekannt und überall gleich. Hinzu kommt, dass im Internet die Hürden zum Mitspielen sehr niedrig sind. Anbieter von Online Casinos und sogenannten Slot-Spielen locken potenzielle Spieler mit unkomplizierten und einer Fülle von Angeboten.

Niedrige Einstiegshürden

Der Einstieg ist so einfach wie möglich gestaltet, nach einer kurzen Registrierung kann sich der Spieler auch schon einloggen und losspielen. Viele Online-Anbieter bieten den Spielern zudem an, kostenlos, also ohne echten Geldeinsatz zu spielen. Um mitzumachen erhält der Spieler vom Online Casino sogenanntes „Spielgeld“ und darf so auf den Geschmack kommen. Im Gegensatz zum Spiel in einer Spielbank oder einer Spielothek kann der Spieler online anonym spielen. Soziale Kontrolle durch andere Spieler oder Mitarbeiter findet nicht statt, was bei vielen Betroffenen dazu führt, finanzielle Grenzen zu überschreiten. In der Regel ist es nur eine Frage der Zeit, dass der Spieler echtes Geld einzahlt und weiterspielt.

Es dauert in der Regel nicht lange, bis aus dem Spielen aus Spaß ernst wird. Offizielle Zahlen über Personen, die ihr ganzes Vermögen verspielt haben, sich bis über den Hals verschuldet haben, gibt es nicht. Schätzungen zufolge sind es Hunderttausende.

Sünde Glücksspiel

Wer einmal im Sog des Glücksspiels verfangen ist, kommt nicht mehr so schnell raus. Selbst mit professioneller Hilfe ist es sehr schwierig, davon wieder wegzukommen. In manchen Kulturkreisen kommt erschwerend hinzu, dass Glücksspiel ein Tabu-Thema ist, worüber man nicht redet. Insbesondere in muslimischen Kreisen ist für viele Betroffene die soziale Barriere zu groß, um sich zu seiner Sucht zu bekennen und Hilfe einzuholen.

Zwar ist Glücksspiel in vielen Kulturkreisen verpönt, doch im Islam gilt Glücksspiel als eine große Sünde. Es ist vergleichbar mit Alkoholverzehr oder Diebstahl. Selbst wenn der Spieler gewinnt, gilt das Geld als unrein (haram). So fällt es gerade jungen Leuten schwer, sich zu outen und sich zu ihrer Spielsucht zu bekennen.

Kaum kultursensible Beratung

Ebenfalls ein Problem ist das Fehlen kultursensibler Beratung in den Anlaufstellen. Ein muslimischer Jugendlicher hat aufgrund seines Glaubens einen ganz anderen Bezugs- und Berührungspunkt zu seinem Problem als ein Jugendlicher, dem religiöse Aspekte fremd sind.

Eine weitere Barriere ist das mangelnde Informationsangebot im deutschen Gesundheits- und Hilfesystem in ausländischer Sprache. Das zeigt sich auch auf der Internetseite der Landesstelle Glückspielsucht in Bayern. Das Informationsangebot in deutscher Sprache ist ungleich vielfältiger und detaillierter als die Informationen in türkischer oder arabischer Sprache. Immerhin gibt es eine Hotline in türkischer Sprache.

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Ein Kommentar
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  1. Derya Zeyrek sagt:

    Ich interessiere mich für das Thema Spielsucht, seit ich die Öffentlichkeitsarbeit für das Buch „Alles Verlorene noch einmal in den Händen halten” mache (www.retap.info).

    Auch in dieser Geschichte tauchen türkeistämmige Männer auf. Männer, die morgens um 6 Uhr schon hibbelig vor den Pforten der Spielhalle warten und endlich spielen wollen. Eine fremde Welt, die nur Insider kennen. Und der Autor kennt sich aus. (Und nein, das Buch spielt nicht mit Stereotypen.)

    Was mich bei meinen Recherchen sehr überrascht hat: Ja, Glücksspielsucht ist haram und genauso böse wie Alkohol. Da ist nur ein wichtiges Detail: Türkeistämmige Spielsüchtige und ihre Angehörigen betrachten Spielsucht nicht als Krankheit, sondern eher als schlechte Angewohnheit. Und das macht die Therapie wohl häufig schwierig. Weil: Ohne Erkenntnis kein Fortschritt. Und Spielsucht ist eine ganz fiese Krankheit.

    Falls Betroffene oder Angehörige mitlesen: Meldet euch auf Facebook in einer der Gruppen an und lasst euch helfen, zum Beispiel: „Verdammte Spielsucht”. Oder ruft diese Hotline an. Das sind nette Leute. Alleine schafft es kaum ein Mensch, aus der Spirale der Sucht herauszukommen. Viel Glück!



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