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Migration und Integration in Deutschland

Die Umstellung darauf, dass jetzt die Ausländer die Überlegenen sind, da sie wenigstens einen Arbeitsplatz besitzen, ist für viele nicht nachvollziehbar.

Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Das Prinzip Dave Davis

Einladung zum Othering

Kennen Sie noch die Äthiopier-Witze aus den 80’er und 90‘er Jahren? Ich spare mir ein Zitat! In meiner Schule waren sie eine Zeit lang populär. Manchmal habe ich auch welche erzählt, oder über sie gelacht. Nicht, weil ich sie lustig fand – sie schmerzten mich häufig. Von Sami Omar

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Sami Omar © privat, bearb. MiG

VONSami Omar

Der Autor und Moderator Sami Omar schreibt und arbeitet zu den Themen Migration, Integration, Rassismus und Diskriminierung für Print und Online-Medien. Er tritt als Referent zu diesen Themen auf und moderiert Veranstaltungen aus Politik und Kultur. Sami Omar ist Kampagnenreferent und Mitarbeiter eines Fachdienstes für Integration und Migration bei einem deutschen Wohlfahrtsverband. 2016 erschien sein zweites literarisches Werk "Geht schon, danke". Seine Kurzgeschichten erscheinen in Literaturzeitschriften, Anthologien und sind Teil seines abendfüllenden Bühnenprogramms, mit dem er deutschlandweit auftritt. Sami Omar wurde 1978 als Sohn eritreischer Eltern im Sudan geboren und wuchs als Kind deutscher Eltern im schwäbischen Ulm auf. sami-omar.de

DATUM16. August 2017

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RESSORTAktuell, Meinung

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Ich wollte mit Nebo und Daniel in der Mensa an einem Tisch sitzen. Sie waren große Humoristen, wenn es um Hungersnöte und N*-Witze ging. Ich wollte zu ihnen gehören. Wenn es klappte und ich für einige Zeit mit ihnen an einem Tisch aß, in einem Basketballteam spielte und wir gemeinsam Julia Holzapfel nachstellten, dann war es das schlechte Gewissen und das Gefühl wert gewesen, etwas Falsches getan zu haben. Etwas, mit dem ich mir selber wehgetan hatte.

Andere Kinder aus unserer Schule, die sich des Anstandes wegen mit solchen Witzen zurückgehalten hatten, waren meine größten Fans. Sie hatten abgewartet, bis ich durch meine Auftritte in der großen Pause den N*-Witz an sich legitimiert hatte. Nun war er ohne jeden Makel und konnte auch von ihnen erzählt werden. Denen, die es dann noch wagten, sich zu empören, konnten sie sagen: Macht euch mal locker! Wir haben da einen, der ist selber schwarz und dem macht das gar nichts aus. Im Gegenteil – der findet das lustig!

Ich kann ja jetzt nicht sehen, ob sie verständnisvoll nicken oder befremdet den Kopf schütteln, aber ich habe ihnen gerade das Grundprinzip der Karriere des Comedian Dave Davis erklärt.

Dave Davis ist ein schlauer Kopf. In etlichen seiner Nummern macht er sich über die ungläubige Wahrnehmung weißer Deutscher seiner akzentfreien deutschen Aussprache lustig. Er arbeitet grobschlächtig aber konsensfähig heraus, dass alle Menschen gleich seien und es auf Hautfarbe und Herkunft nicht ankomme. Dazu ein wenig rheinländischer Lokalpatriotismus, etwas Solidarität mit Frauen an sich – niemandem wäre geschadet, niemandem wäre geholfen.

Aber Dave Davis will unbedingt mit Nebo und Daniel abhängen. Er nutzt gezielt seine Hautfarbe als das Alleinstellungsmerkmal, als das es manchen gilt. Manchmal sieht es so aus, als mache er sich über die lustig, die seine Hautfarbe zu wichtig nehmen. Meist aber mach er sie zu der wichtigsten Sache an sich selbst.

Mit seiner Rolle als Motombo Umbokko, in der er den Toilettenmann spielt, der stets die Wahrheit auf der Zunge trägt, wurde er berühmt. Er stellte sich zunächst vor, seinen angeblichen Heimatort und dessen Umgebung: „Afrika, kennse, ne? Viele Elefante, viele Lowe, Hyäne – was ma so kennt, ne. Jetzt lebe ich aber in Deutschland und abeit isch bei Mc Donalds, in Toilette. Das stinkt, aber mach Spaß!“

Wenn das Publikum ihn mit Applaus begrüßt, bremst er sie mit den Worten: „Nicht zu viel, weil sonst werde ich noch rot!“ Sie lieben das. Der Applaus schallt befreit auf. Besonders oft spielt Dave Davis auf seine Hautfarbe an, wenn er merkt, dass manche seiner Nummern nicht funktionieren. Er schiebt dann kleine Gags ein, nennt sein Publikum „Albino-Äffchen“ und sich selbst „maximalpigmentiert“. Es sind kleine Zündkapseln, die seine Show wieder auf Fahrt bringen sollen. Hautfarbe und Stereotype sind da eine sichere Bank, lehrte schon der große Roberto Blanco.

Den Preis, den er dafür bezahlt, sind die Kommentare unter seinen Youtube-Videos. Sie sind nicht schlimm, allein, weil sie teils rassistisch sind. Sie sind schlimm, weil Menschen sie aus dem Glauben heraus posten, sie träfen genau seinen Humor. Sarah JuNJR gratuliert in einer Kommentarspalte der Online-Plattform zu seinem Auftritt: „Gut gemacht, Prinz Nugat.“ Und Enrico Fischer legt nach: „Ich habe auch einen Witz: Die Hundescheiße vor meinem Haus und die Haut von Dave Davis haben die selbe Farbe.“

Das Prinzip Dave Davis entwaffnet das Publikum mit Witzen über die eigene Hautfarbe und das Lachen der Menschen ist ein erleichtertes. Es trägt die Freude darüber in sich, von der verhassten political correctness entbunden zu sein, durch einen, der sie doch sicher einfordern würde, wenn sie von Nöten wäre.

Während schwarze Deutsche darüber sprechen, wie sie sich in unserer Gesellschaft als normaler Teil des pluralen Spektrums zeigen und behaupten können, lädt das Prinzip Dave Davis zum Othering und zur Betonung der Unterschiedlichkeit ein. Nicht mit der Absicht zur Spaltung von schwarz und weiß, sondern mit der fahrlässigen Inkaufnahme der Fremdmachung schwarzer Menschen. Wenn er in einem Interview mit der HNA gefragt wird, ob man ihn auch N* nennen könne, so antwortet er: „Nur weil der Begriff von Menschen benutzt wird, die meinen, anderen Rassen überlegen zu sein, heißt das nicht, dass ich ihn nicht verwenden darf. Ich will jetzt aber niemanden dazu ermutigen, jeden Schwarzen einen Neger zu nennen.“

Das ist das Beste, was man von ihm erwarten kann.

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