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Die Antiflüchtlingskrise

„Merkels Marschbefehl“ titelte letztes Jahr das konservative Nachrichtenmagazin Cicero auf dem Cover der Septemberausgabe, als das „zweite Sommermärchen“, das „Wunder von München“ bereits ein Jahr her war. Die multiplen Unwahrheiten, die diese martialische Überspitzung konnotierte (Flucht und Migration als Kriegserklärung; der subtile Vorwurf, Merkels humanitäre Geste sei eine Art Volksverrat, was ins selbe ignorante Horn blies wie das von Pegidisten und AfDlern; Überdramatisierung der Geflüchtetenzahl), sind immer noch symptomatisch für die mittlerweile zwar abgeebbte, aber leider noch nicht endgültig begrabene Debatte über Für und Wider von Geflüchtetenaufnahme. Und das trotz Grundrecht auf Asyl im Grundgesetz und der UN-Flüchtlingskonvention.

Obwohl die Statistik nach wie vor eine eindeutige Sprache spricht, scheint es immer noch bei großen Teilen der Bevölkerung nicht angekommen zu sein: Trotz Fluchtbewegungen, wie es sie in Europa seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr gegeben hatte, waren die Zahlen der Neuankömmlinge im Rahmen der sogenannten „Flüchtlingskrise“ (über 1 Million Menschen 2015) im prozentualen Verhältnis zur EU-Bevölkerung (743,1 Millionen) gesehen auch für den arithmetisch Eingeschränktesten als äußerst marginal zu erkennen (0,13 %!). Auch unter Berücksichtigung der Tatsache, dass es die meisten in eine handvoll EU-Staaten zog, blieben die Zahlen trotzdem in überschaubarem Rahmen: 476,000 gestellte Asylanträge 2016 im demographisch dahindümpelnden Deutschland (83 Millionen) konstituieren immer noch keine überproportionale Bürde (0,57%!). Demnach hätte das merkelsche „Wir schaffen das“ kein Mantra, sondern redundante Selbstverständlichkeit sein sollen.

Im Klartext heißt das: Es gab 2015 hierzulande, in Österreich, Frankreich, UK oder Schweden schlichtweg keine „Flüchtlingskrise“. Das Gegenteil zu behaupten ist nicht nur eine Ohrfeige für all die Staaten, die nicht nur erst seit dem syrischen Bürgerkrieg und der ISILisierung dieses Landes und des Iraks Geflüchtete aufnehmen (Libanon, Jordanien, Kenia, Bangladesch, um nur einige zu nennen), sondern auch für die EU-Außengrenzenstaaten Griechenland und Italien, die wegen ihrer geographischen Lage schon seit Jahren Erstankunftsort für Geflüchtete aus Drittländern sind und mit Hilfe des ungerechten Dublin-Verfahren auch noch auf ganz legale Weise von anderen EU-Staaten mit der Versorgung und Verwaltung von Neuankömmlingen alleine gelassen werden können.

Nein, die „Krise“ wurde erst durch die verursacht, die in ihr eine sehen wollten: verunsicherte Teile der Gesellschaft, deren Verunsicherung mehr über ihren Rassismus aussagt als über ihre Ängste; Teile der Politik – etabliert wie start-up, rechts wie links, die die reaktive und reaktionäre Feindseligkeit Ersterer versuchen in Wählerstimmen umzumünzen; Teile der Medien, die ihr Bildungs-und Aufklärungsmandat aus ökonomischen Gründen vernachlässigen und das drucken, sagen und senden, was die landläufige Meinung zu sein scheint.

Sie alle in Personalunion konstruierten das Narrativ dieser vermeintlichen „Flüchtlingskrise“, die nichts weiter als eine „Antiflüchtlingskrise“ war und dies auch bis heute geblieben ist: Denn nicht die Zahl der Geflüchteten war das Problem, sondern der Grad der Antipathie, die ihnen von breiten Teilen europäischer Transit- und Aufnahmegesellschaften entgegenschlug und somit – trotz einer gesellschaftlich breit verankerten Willkommenskultur in einigen Staaten – lediglich jene Krise brachlegte, in der sich unser europäischer, ach so aufgeklärter Humanismus mal wieder befindet. Diese eigentliche Krise findet ihren Ausdruck in europäischer Abschottungspolitik und menschenunwürdigen Lebensbedingungen von Geflüchteten; in unserer historischen und neokolonialen Mitschuld an Fluchtursachen und unserer seligen Unwissenheit diesbezüglich; sowie in unserer Gleichgültigkeit gegenüber globalen Konflikten und Kriegen und daher in unserem Missmut gegenüber eigenen, proaktiven Handlungsimperativen.

Alle wollen nach Europa? Quel narcissisme!

Nur weil Europa der Geburtsort von Demokratie und Dampfmachine, Sozialversicherung und beutellosem Staubsauger ist, halten wir uns für soviel besser als der Rest der Welt (trotz anderer äußerst fragwürdiger Errungenschaften wie Kolonialismus, Faschismus, Weltkriege und Holocaust): Und aus bifokaler Selbstliebe erliegen wir tatsächlich dem Irrglauben, alle Notleidenden dieser Welt wöllten in unser ach so unbescholtenes Europa. Gehts noch vermessener?

Fakt ist: Die meisten Geflüchteten – ob temporär oder dauerhaft – leben überall, nur nicht in Europa. Davon wiederum leben die meisten Geflüchteten in den Nachbarstaaten des jeweiligen Landes, aus dem sie geflohen sind (eine halbe Million Somalis leben im Nachbarland Kenia und 440,000 in Äthiopien, aber nur 115,000 im fernen UK; 160,000 Geflüchtete aus Eritrea – dem sich am schnellsten entvölkernden Land der Welt – leben im benachbarten Äthiopien (eigentlich ein Erzfeind) und im Sudan, während im vergangen Jahr nur 46,000 in die EU gekommen sind). Dies hat gute Gründe: der Nachbarstaat dient meistens nicht als Sprungbrett in den Westen, sondern als Warteraum für die Rückkehr in die Heimat, auch wenn diese Jahrzehnte auf sich warten lässt und sich vielleicht auch nie erfüllt, wie im Falle der halben Million aus dem Buddhistenmehrheitsstaat Myanmar geflohenen muslimischen Rohingyas in grenznahen Geflüchtetencamps in Bangladesch. Ganz zu schweigen von den Millionenen Palästinensern, die seit Jahrzehnten in Jordanien und im kleinen Libanon leben, zum Teil seit der Nakba und besonders im Letzteren dank dessen fragiler konfessioneller und politischer Gemengelage unter schwierigsten Lebensbedingungen.

Darüber hinaus hat nicht jeder die finanziellen Mittel oder den langen Atem, es bis nach Europa oder zu schaffen (nochmal: Schlepper sind nicht billig, und Balkan-und Mittelmeerroute keine südafrikanische Garden Route). Und drittens: Viele wollen einfach nicht nach Europa! Heimatverbundenheit ist ein universelles Phänomen, die meisten Menschen wollen ihre Heimat schlichtweg nicht verlassen: Antiflüchtlinge mit rassistischen Brettern vor ihren minderbemittelten Köpfen sollen das endlich mal kapieren.

Für uns hierzulande, die der Fremdsprache der Bedachtheit oft nicht mächtig sind, heißt all das übersetzt: Solange in Frankreich oder den Beneluxstaaten keine Hungersnot ausbricht und in Polen oder Tschechien kein Bürgerkrieg, werden wir hier in Deutschland nie eine „Flüchtlingskrise“ haben, die in europäischen Staaten wie Griechenland und Italien schon eher diesen Namen verdient, so einfach ist das. Und angesichts der „Lasten“, die sozioökonomisch schwächere Staaten wie Äthiopien und Bangladesch (beide zählten vor nicht vor all zu langer Zeit zu den ärmsten Ländern der Welt) schon seit Jahren, gar Jahrzehnten „stemmen“, sollten wir uns auf diesem wohlhabenden Kontinenten schämen, wenn wir wegen eines Bruchteils Geflüchteter mit Alarmismus und Abschottung reagieren. Zumal unser Wohlstand in einem nicht unbeträchtlichem Umfang – historisch wie heute – auf Ressourcenausbeutung und wirtschaftliche Benachteiligung eben jener postkolonialen Regionen basiert, aus denen heute Menschen hierher fliehen. Der nigerianische Schriftsteller und Nobelpreisträger Wole Soyinka hatte bei einer Podiumsdiskussion im Berliner HKW letztes Jahr über die „Flüchtlingskrise“ gesagt, Europa solle gefälligst alle Geflüchteten aufnehmen, die hierher kommen, und das als Reparationszahlung für seine Kolonialverbrechen betrachten, die bis heute ungestraft geblieben sind. Da ist was Wahres dran.

Solidarität ist bäh

Wir waren schockiert über die menschenunwürdigen Lebensbedingungen in Idomeni und im Calaiser „Dschungel“, über die Zustände in deutschen Sammelunterkünften und die endlosen Schlangen vorm LAGeSo. Aber wenn wir ehrlich sind, nicht wegen dieser Bedingungen, sondern weil diese uns am Gewissen nagen: diesem in unserer hedonistischen, narzisstischen Gesellschaft so lästigen und anachronistischen Nebenprodukt der menschlichen Psyche. Und bevor sich die bittere Realität der Welt durch unser Über-Ich zu unserem Ich durchgefressen hat und uns zum Handeln zwingen könnte, montieren wir lieber „le jungle“ ab, wählen rechts, oder gehen ins Berghain bis zum Absturz das Leben „feiern“ (dabei mit „Leben“ stets nur das eigene meinend, selten das der Andereren).

Denn in den Mikrokosmen von Nachbar- und Partnerschaft, Straßenverkehr und Supermärkten (Bio ja, aber Fairtrade nein, beides ist uns dann doch zu teuer) sind wir uns stets wichtiger als unsere Nächsten: Schließlich reißen wir nachts Nachbarn mit unserer lauten Musik aus dem Schlaf und meiden ernsthafte zwischenmenschliche Bindungen oder beenden sie vorzeitig, sobald diese uns in unserem egoistischen Streben nach dem eigenen Lebensglück hindern, da wir unfähig sind, Kompromisse einzugehen und Verantwortung für Partner oder Partnerin zu übernehmen (vorsätzliche Kinderlosigkeit und das Abschieben der greisen Eltern in Alten-und Pflegeeinrichtungen folgen oft derselben ich-bezogenen Logik). Oder wir vergraben demonstrativ und feige unsere Gesichter in Smartphonedisplays, sobald ein Obdachloser in der U-Bahn um ein paar Cent bettelt oder Menschen rassistisch oder sexistisch beleidigt oder angegriffen werden, und fressen schamlos Schokolade, die von ivorischen Kakaoplantagen stammt, wo schwarze Kinder für 0 Euro ihre Kindheit verschuften, damit hellere hierzulande ja zu naschen haben.

Woher sollen wir also Solidarität gegenüber den Notleidenden der Welt nehmen, wenn unser eigener Alltag schon dermaßen entsolidarisiert ist und das heiligste Gebot, nach dem wir unserer Leben gestalten, zwanghafter Egoismus ist? Wie sich mit unbequemen Realitäten auseinandersetzen, wenn diese sich in unserer neoliberalen Spaßgesellschaft (rücksichtslose Gewinnmaximierung muss nicht immer materieller Natur sein: auch für die maximale Ausbeute spirituellen Lebensglücks können Menschen vorsätzlich und unbewußt über Leichen gehen) mittels der altbewährten Vermeidungsstrategie neurotischer Ich-Bezogenheit mühelos ausblenden lassen? Wie Hilfsbedürftigen unter die Arme greifen, wenn unsere Problemlösungskompetenz lediglich darin besteht, den Kopf in den Sand zu stecken und die fatalste Nebenwirkung unserer eigenen Selbstverwirklichungssucht ein chronisches Aufmerkasamkeitsdefizitssyndrom ist, das die Auseinandersetzung mit den Bedürfnissen Anderer nahezu unmöglich macht?

Empathie, Solidarität und Verantwortung sind mühsam, wenn man stets den einfachsten und bequemsten Weg zu gehen gewohnt ist, und wenn sie nicht zur alltäglichen DNA gehört wie oft in politisch und sozioökonomisch widrigeren Anderswos der Fall ist: dort, wo Lebensglück durch Gemeinschaftsgefühl und das, was Indonesier „Gotong Royong“ nennen, definiert wird statt durch das alle unsere Lebensbereiche umfassende Lebensmotto „Nach mir die Sintflut“ (das, wenn großzügig angewendet, sich immerhin auf Familie und Freunde ausdehnen kann, und wie es Rassisten tun, auf die eigene imaginierte und ethnisierte Gruppe). Ja, vielleicht spricht hier nur der frustrierte Berliner aus mir heraus: Unsere Ellbogen haben vor lauter Selbstbezogenheit ja schon Blutergüsse, im Privatleben wie in den Öffis. Aber unsolidarisch und egoistisch gings hierzustadte (und hierzulande) auch schon in nicht so außergewöhnlichen prä-„Flüchtlingskrise“ Zeiten zu, lange bevor das vorvergangene Jahr das Beste und Schlechteste in unseren Mitbürger_innen freigelegt hat.

Wir sind Deutschland. Mal wieder. (Gähn)

Ja, das Sommermärchen Reloaded von 2015 war eine feine Sache, zeigte es doch wie schon bei der WM 2006 einmal wieder das freundliche Gesicht eines Landes, das innerhalb eines Jahrhunderts für zwei Völkermorde (gegen Heroro und Nama im ehemaligen Deutsch-Südwestafrika sowie gegen die europäischen Juden) und mindestens einen Weltkrieg alleinverantwortlich war. Doch wie bei der WM im eigenen Land ging es auch bei der Sommermärchen-Neuauflage vordergründig eher um Spaß und Selbstzelebrierung als um die Sache: Fußball und Flucht als Trigger zur Selbstberauschung. Und letztere bot Menschen hierzulande auch noch die Möglichkeit, mit minimalem Aufwand maximal Gutes zu tun und somit eines der heiligsten ökonomischen Gebote des Neoliberalismus – mit geringster Investition den größten Gewinn zu erzielen – auf den sozialen Wohlfahrtsgedanken zu übertragen: Denn die „Flüchtlingskrise“ erlaubte es uns, bei perfekten Witterungsbedingungen auf einfachstem Wege unser sonst brachliegendes Karmakonto aufzufüllen. An Bahnhöfen stehen und klatschen und jubeln, während Kolonnen von zu Geflüchteten gemachten Menschen aus Zügen stolpern (das positive Gegenbild zur Mobmentalität von Rostock und Hoyerswerda, als Klatschen und Jubeln noch mit Molotovcocktailwürfen und brennenden Gebäuden einherging), das kostet weder Geld noch Anstrengung und hat auch noch was von Fanmeile und Public Viewing: die Flüchtlingskrise als Event. Oder alte Klamotten und Lebensmittel spenden, die in Kleider- und Kühlschränken eh am Vergammeln sind: die denkbar einfachste Art, die eigenen vier Wände zu entrümpeln und dann auch noch was fürs Gewissen zu tun (und täglich grüsst wieder die Ich-Bezogenheit).

Doch kaum war der Feierrausch verflogen und setzten die Probleme ein, trennte sich schnell die altruistische Spreu vom Weizen, und die breite Willkommenskultur entpuppte sich als das, was es war: ein momentgebundener, aufgeblasener Hype, nach dessen Platzen nur noch Fetzen einer Selbstlüge übrigblieben, der laute Knall, wie der einer Schreckschusspistole, den Startschuss abgebend für die Wiedergeburt totgeglaubter schlechter Angewohnheiten wie Leitkulturdenken, Eurozentrismus und andere Formen des Suprematismus und Egoismus. Same old, same old auf dem alten Kontinenten, und insbesondere bei der Führungsmacht wider Willen (haha) Deutschland.

Scham statt Schaum: das Lehrstück Jordanien

Zurück zum Wesentlichen: Und sollten tatsächlich Millionen Menschen jährlich an den Toren Westeuropas klopfen: auch dann geziemt es sich, schleunigst den schäumenden Mund zu halten und den fiesen, fremdenfeindlichen Blick an andere Orte der Welt zu wagen. Dort, wo Geflüchtetenströme nicht ausgesperrt, sondern aus Solidarität und – wenn diese fehlt – wenigstens aus Pflichtgefühl und Loyalität (welch normative Begriffe und unzeitgemäße Denke würde manch Ich-AG an dieser Stelle naserümpfend einwerfen!) inkorporiert werden. Inklusive der Inkaufnahme der „Gefahr“, dass sich dadurch die ethnolinguistische und/oder kulturelle Zusammensetzung der jeweiligen Entität nachhaltig ändert.

Jordanien, wohin bald unsere 260 Bundeswehrsoldaten aus dem türkischen Incirlik hinziehen sollen (Blumentopf: „Ich will keinen Benz oder’n Häuschen mit Garten/Ich will durch die Welt ziehen wie deutsche Soldaten!“) ist hierfür das beste Beispiel: in den 1960ern waren nicht nur 2/3! der Bevölkerung geflüchtete/eingewanderte Palästinenser, sondern agierte Yasser Arafats damals bis auf die Zähne bewaffnete Prä-Oslo-PLO im jordanischen Exil quasi als Staat im Staat, was im „Schwarzen September“ sogar in einen Bürgerkrieg zwischen der palästinensischen Befreiuungsorganisation und des haschemitischen Königshauses eskalierte. Und trotz tausender von der jordanischen Armee getöteteter Palästinenser und der Isolation des „Verräters“ König Hussein in der arabischen Welt, ist Jordanien bis heute das einizige Land in der Region, das seine palästinensischen Geflüchteten und ihre Nachfahren durch Einbürgerung rechtlich vollständig in die Aufnahmegesellschaft integriert hat (anders als der Libanon, wo sie rechtlich als Bürger zweiter Klasse zu leben gezwungen sind). Heute sind schätzungsweise immerhin noch 3 Millionen der 9,5 Millionen Jordanier palästinensischer Abstammung: angesichts solcher Zahlen und Präzedenzen sollten wir uns über unseren Alarmismus bezüglich einer „Flüchtlingskrise“, die keine ist (und einer handvoll potentieller IS-Kämpfer unter Geflüchteten), den Schaum vom Mund wischen und uns zum Schämen in die Ecke stellen.

Südostanatolisches Grummeln statt ostdeutsche Gewaltexzesse

Ein weiteres Beispiel: die südostanatolische Millionenmetropole Gaziantep und die 100,000 Menschen große türkisch-syrische Grenzstadt Kilis: Die vielen Geflüchteten seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges haben Ersterer schon den Beinamen „Little Aleppo“ beschert, während Kilis nicht mal mehr Klein- sondern Groß-Aleppo ist: hier leben mittlerweile so viele Syrer wie einheimische Türken und Kurden. Und trotz kippender Stimmung in der örtlichen Bevölkerung und eines immer gastfeindlicher werdenden türkischen Staats, ist das Solidaritätsprinzip hier immer noch tonangebend, wird Ruhe bewahrt und werden konstruktive Wege aus einer Krise gesucht, die wirklich diesen Namen verdient. Man kann den türkischen Staat zur Zeit nicht in vielem loben, aber dafür, dass Sultan Erdogans Türkei – auch wenn sie unter der AKP mittlerweile zur illiberalen Demokratie verkrüppelt ist – seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges und dem Aufstieg des IS in Syrien und Irak weitaus mehr Geflüchtete aus der Region aufgenommen hat (3 Millionen) als alle 27 EU-Staaten zusammen und mit 10 Milliarden US-Dollar seit 2011 fast 20 mal soviel Geld für Geflüchtete ausgegeben hat wie die UN der Türkei zur Verfügung gestellt hat (455 Millionen US-Dollar) definitiv.

Das krasseste Gegenprogramm hierzu ist das strukturell rassistische Entwicklungsbundesland Sachsen: das Alabama oder Mississippi Deutschlands, wo bereits wegen ein paar Hundert Geflüchteter die nach Lynchjustiz dürstende Dorf(trottel)seele in Aufruhr gerät und Anschläge verübt werden, Mobs auf Menschenjagd gehen und die diesbezügliche Laissez-Faire-Mentalität, Vogel-Strauß-Taktik und Täter-Opfer-Verkehrungsstrategie der sächsischen Staats-und Ordnungsmacht jenen Antifa-Aufklebern mit Slogans wie „DEUTSCHE POLIZISTEN SCHÜTZEN DIE FASCHISTEN“ auf tragische Weise Recht gibt.

Tja, was ist nun besser: südostanatolisches Grummeln oder ostdeutsche Gewaltexzesse? Pragmatismus und Pflichtgefühl oder Pogromstimmung und Panikmache? Erstaunlich, wie unterschiedlich „Überfremdungsängste“ bewältigt werden können, diese unsäglich idiotische Kurzschlußreaktion ideologischer, nicht reaktiver Natur; dieser Rassismus im Sorgenkleid, der immer intuitiv und nie empirisch ist. Dabei ist bereits das „Fremde“ in „Überfremdung“ nie Fakt, sondern stets Ansichtssache, und somit immer relativ, nie absolut.

Doch die Faktoti der etablierten (und angeblich freiheitlich-demokratischen) politischen Parteien verkehren diese bemitleidenswerte Ansichtssache zum Faktum, wenn sie ihren Selbstanspruch des „die Ängste und Sorgen der Bürger“-Ernstnehmens formulieren (dabei sind mit „Bürger” hierzulande natürlich nur Weiße gemeint). Nein, man muss nicht die Sorgen und Ängste von Rassisten ernstnehmen, die es nicht akzeptieren wollen, dass ihre Hautfarbe in einer globaliserten Welt als qualitatives Alleinstellungsmerkmal einfach nicht mehr reicht und sie daher passiv-aggressiv und infantil-reaktiv immer wieder die ausgeleierte Kampf-und Frustleier von der Überfremdung anstimmen. In einem machthierarchisch von Weißen dominierten Unrechtsstaat wie den USA mit dessen rassistischer (Gründungs-)Geschichte hat unverhohlener Rassismus nun zum politischen Erfolg geführt. Da stellt sich die Frage, wann das angeblich aufgeklärtere Kerneuropa es seinem transatlantischen BFF nachtut.

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Daran werden rechte Parteien wie AfD und CSU auch nüscht ändern

Es sah lange so aus, als würde die Willkommenskultur der Nuller Jahre den Leitkulturungedanken der 90er vollständig ausMERZen (verzeiht das Wortspiel): Heute erlebt der rückwärtsgewandte, hautenge Nationalismus des Letzteren jedoch eine schwindelerregende Renaissance, stehen sich die Befürworter beider Ausrichtungen unversöhnlich gegenüber. Dabei sollte Einwanderung angesichts des demographischen Wandels hierzulande überhaupt nicht verhandelbar sein. Gezetere darüber, was die Bundesrepublik sein möchte, Einwanderungsland oder Abschottungsstaat, ein Ort der Toleranz und Teil der globalisierten Welt, oder Hort anachronistischer Blut-und Boden- Fantasien, ist pure Zeitvergeudung und vermeidbarer CO2-Ausstoß.

Und trotzdem ist die Gefahr nach dem Brexit und Trumps fulminantem Wahlsieg auch hierzulande nicht gering, dass wir einen solchen politischen Meltdown erleben, wenn die politischen Parteien der Mitte und links davon, die Wirtschaft (die der Politik – wenn auch nur aus Profitgründen – meist um Meilen voraus ist), Gewerkschaften, Schulen, Sportvereine, also alle, die Einfluss auf das (angehende) Wahlvolk ausgeüben können, nicht VEHEMENT die Einwanderungsgesellschaft beschwören, so redundant und ermüdend die Repetition von logisch Nachvollziehbarem auch sein mag. In Frankreich wurde der politische Super-GAU mit der Wahl des im wahrsten Sinne des Wortes kleineren Übels, des neoliberalen Salonrassisten Emmanuel Macron, dessen Napoleonkomplex sich wie beim früheren Amtsinhaber Nicolas Sarkozy in der obsessiven Liebe zur inneren Sicherheit niederschlägt (kleine Männer ganz groß!), vorerst abgewendet. Und auch bei der kommenden Bundestagswahl hierzulande werden unsere Rechtspopulisten immer noch kein Land sehen, stehen doch alle (Vor-)Zeichen auf eine wiederholte Neuauflage des kleineren Übels der Merkelraute, die Deutschland so erfolgreich arm und ohnmächtig regiert hat und dies wohl auch eine weitere Legislaturperiode tun wird, egal mit welchem cunnilingusgeilen und analverkehrerprobten masochistisch veranlagten Juniorpartner im Windschatten. Ob SPD, FDP oder Grüne: Der Konkurrenzkampf im Prostitutionsgewerbe ist hart.

Aber was heute noch nicht ist, kann morgen ja noch werden. Denn die rechte Konkurrenz schläft nicht, weder in Frankreich, noch in Deutschland. Und auch wenn kein einziger „Flüchtling“ mehr nach Europa kommt: Die braune Gefahr ist noch nicht gebannt. Schließlich ist Rassismus eine gefestigte Weltanschauung, und keine kapriziöse Laune.