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Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister, Anlässlich „50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen“, 28.03.11, Hannover

Essay

Sachsen, das Alabama oder Mississippi Deutschlands

Nur ein Bruchteil der 65,3 Millionen Geflüchteten weltweit kommt nach Europa, doch das Gejammer will nicht enden. Ein Kontra gegen den faktenfremden, unsolidarischen Zeitgeist. Von Timo Al-Farooq

Flüchtlinge, Idomeni, Polizei, Flüchtlingslager, Grenze
Flüchtlinge in Idomeni / Griechenland warten auf Grenzöffnung © Tim Lüddemann @ flickr.com (CC 2.0), Tim Lüddemann

VONTimo Al-Farooq

Timo Al-Farooq, B.A. in Regionalstudien Asien/Afrika, Humboldt-Universität Berlin. Mehr von ihm kann man auf freitag.de lesen.

DATUM20. Juli 2017

KOMMENTARE9

RESSORTLeitartikel, Meinung

QUELLE Erstveröffentlichung: freitag.de.

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Südostanatolisches Grummeln statt ostdeutsche Gewaltexzesse

Ein weiteres Beispiel: die südostanatolische Millionenmetropole Gaziantep und die 100,000 Menschen große türkisch-syrische Grenzstadt Kilis: Die vielen Geflüchteten seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges haben Ersterer schon den Beinamen „Little Aleppo“ beschert, während Kilis nicht mal mehr Klein- sondern Groß-Aleppo ist: hier leben mittlerweile so viele Syrer wie einheimische Türken und Kurden. Und trotz kippender Stimmung in der örtlichen Bevölkerung und eines immer gastfeindlicher werdenden türkischen Staats, ist das Solidaritätsprinzip hier immer noch tonangebend, wird Ruhe bewahrt und werden konstruktive Wege aus einer Krise gesucht, die wirklich diesen Namen verdient. Man kann den türkischen Staat zur Zeit nicht in vielem loben, aber dafür, dass Sultan Erdogans Türkei – auch wenn sie unter der AKP mittlerweile zur illiberalen Demokratie verkrüppelt ist – seit Beginn des syrischen Bürgerkrieges und dem Aufstieg des IS in Syrien und Irak weitaus mehr Geflüchtete aus der Region aufgenommen hat (3 Millionen) als alle 27 EU-Staaten zusammen und mit 10 Milliarden US-Dollar seit 2011 fast 20 mal soviel Geld für Geflüchtete ausgegeben hat wie die UN der Türkei zur Verfügung gestellt hat (455 Millionen US-Dollar) definitiv.

Das krasseste Gegenprogramm hierzu ist das strukturell rassistische Entwicklungsbundesland Sachsen: das Alabama oder Mississippi Deutschlands, wo bereits wegen ein paar Hundert Geflüchteter die nach Lynchjustiz dürstende Dorf(trottel)seele in Aufruhr gerät und Anschläge verübt werden, Mobs auf Menschenjagd gehen und die diesbezügliche Laissez-Faire-Mentalität, Vogel-Strauß-Taktik und Täter-Opfer-Verkehrungsstrategie der sächsischen Staats-und Ordnungsmacht jenen Antifa-Aufklebern mit Slogans wie „DEUTSCHE POLIZISTEN SCHÜTZEN DIE FASCHISTEN“ auf tragische Weise Recht gibt.

Tja, was ist nun besser: südostanatolisches Grummeln oder ostdeutsche Gewaltexzesse? Pragmatismus und Pflichtgefühl oder Pogromstimmung und Panikmache? Erstaunlich, wie unterschiedlich „Überfremdungsängste“ bewältigt werden können, diese unsäglich idiotische Kurzschlußreaktion ideologischer, nicht reaktiver Natur; dieser Rassismus im Sorgenkleid, der immer intuitiv und nie empirisch ist. Dabei ist bereits das „Fremde“ in „Überfremdung“ nie Fakt, sondern stets Ansichtssache, und somit immer relativ, nie absolut.

Doch die Faktoti der etablierten (und angeblich freiheitlich-demokratischen) politischen Parteien verkehren diese bemitleidenswerte Ansichtssache zum Faktum, wenn sie ihren Selbstanspruch des „die Ängste und Sorgen der Bürger“-Ernstnehmens formulieren (dabei sind mit „Bürger” hierzulande natürlich nur Weiße gemeint). Nein, man muss nicht die Sorgen und Ängste von Rassisten ernstnehmen, die es nicht akzeptieren wollen, dass ihre Hautfarbe in einer globaliserten Welt als qualitatives Alleinstellungsmerkmal einfach nicht mehr reicht und sie daher passiv-aggressiv und infantil-reaktiv immer wieder die ausgeleierte Kampf-und Frustleier von der Überfremdung anstimmen. In einem machthierarchisch von Weißen dominierten Unrechtsstaat wie den USA mit dessen rassistischer (Gründungs-)Geschichte hat unverhohlener Rassismus nun zum politischen Erfolg geführt. Da stellt sich die Frage, wann das angeblich aufgeklärtere Kerneuropa es seinem transatlantischen BFF nachtut.

Deutschland ist ein Einwanderungsland. Daran werden rechte Parteien wie AfD und CSU auch nüscht ändern

Es sah lange so aus, als würde die Willkommenskultur der Nuller Jahre den Leitkulturungedanken der 90er vollständig ausMERZen (verzeiht das Wortspiel): Heute erlebt der rückwärtsgewandte, hautenge Nationalismus des Letzteren jedoch eine schwindelerregende Renaissance, stehen sich die Befürworter beider Ausrichtungen unversöhnlich gegenüber. Dabei sollte Einwanderung angesichts des demographischen Wandels hierzulande überhaupt nicht verhandelbar sein. Gezetere darüber, was die Bundesrepublik sein möchte, Einwanderungsland oder Abschottungsstaat, ein Ort der Toleranz und Teil der globalisierten Welt, oder Hort anachronistischer Blut-und Boden- Fantasien, ist pure Zeitvergeudung und vermeidbarer CO2-Ausstoß.

Und trotzdem ist die Gefahr nach dem Brexit und Trumps fulminantem Wahlsieg auch hierzulande nicht gering, dass wir einen solchen politischen Meltdown erleben, wenn die politischen Parteien der Mitte und links davon, die Wirtschaft (die der Politik – wenn auch nur aus Profitgründen – meist um Meilen voraus ist), Gewerkschaften, Schulen, Sportvereine, also alle, die Einfluss auf das (angehende) Wahlvolk ausgeüben können, nicht VEHEMENT die Einwanderungsgesellschaft beschwören, so redundant und ermüdend die Repetition von logisch Nachvollziehbarem auch sein mag. In Frankreich wurde der politische Super-GAU mit der Wahl des im wahrsten Sinne des Wortes kleineren Übels, des neoliberalen Salonrassisten Emmanuel Macron, dessen Napoleonkomplex sich wie beim früheren Amtsinhaber Nicolas Sarkozy in der obsessiven Liebe zur inneren Sicherheit niederschlägt (kleine Männer ganz groß!), vorerst abgewendet. Und auch bei der kommenden Bundestagswahl hierzulande werden unsere Rechtspopulisten immer noch kein Land sehen, stehen doch alle (Vor-)Zeichen auf eine wiederholte Neuauflage des kleineren Übels der Merkelraute, die Deutschland so erfolgreich arm und ohnmächtig regiert hat und dies wohl auch eine weitere Legislaturperiode tun wird, egal mit welchem cunnilingusgeilen und analverkehrerprobten masochistisch veranlagten Juniorpartner im Windschatten. Ob SPD, FDP oder Grüne: Der Konkurrenzkampf im Prostitutionsgewerbe ist hart.

Aber was heute noch nicht ist, kann morgen ja noch werden. Denn die rechte Konkurrenz schläft nicht, weder in Frankreich, noch in Deutschland. Und auch wenn kein einziger „Flüchtling“ mehr nach Europa kommt: Die braune Gefahr ist noch nicht gebannt. Schließlich ist Rassismus eine gefestigte Weltanschauung, und keine kapriziöse Laune.

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9 Kommentare
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  1. Mike sagt:

    Da verstellt linke Ideologie doch gewaltig den Blick auf die Realität.

  2. Glückseis sagt:

    @Autor
    Also nur nochmal ums zu erwähnen, weil man nach lesen dieses Artikels den Eindruck gewinnt Deutschland bzw, die EU wäre Migrantenfeindlich:

    Die EU hat lediglich 510 Mio. Einwohner (743 Mio.???), lässt man Südost-, Osteuropa und Italien mal aussen vor, weil das nur Transitländer sind bzw. kein Flüchtling da bleiben will, dann sind es nur noch 338 Mio. Einwohner auf die Flüchtlinge verteilt werden könnten. Die Eurozone steckt in einer Krise und es mussten mit Milliarden von Steuergeldern banken und Staaten gerettet werden. Es gibt bereits eine sehr hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa.

    2015 wohnten bereits 11,6 Mio. Menschen mit Migrationshintergrund 1. Generation in Deutschland, also 14% der Bevölkerung. Mit den Migranten 2. und 3. Generation waren es 17 Mio. also 21%.

    Es ist also bei weitem nicht so, dass Deutschland vor der Flüchtlingskrise auf extrem niedrigem Niveau war, das wird aber bei der Pro-„Flüchtlings“propaganda (Gänsefüßchen weil es eigentlich um Migration geht) überhaupt nicht berücksichtigt. Übrigens könnte die Aufnahme von Kriegsflüchtlingen verfünffacht werden, wenn das zurückkehren der Flüchtlinge in ihre jeweiligen Länder ausnahmslos obligatorisch wäre.

    Zahlen sind zu leicht zu manipulieren. Was ist also mit den Menschen? Wer kommt?
    Ob Deutschland 100 Mio. Menschen oder nur 1 Mio. aufnehmen kann hängt auch von den Menschen (Werten, Kultur und Attitüde) ab die kommen. So viel unideologisches und pragmatisches Denken muss bei reellen Problemen an den Tag gelegt werden. Millionen von Menschen aufzunehmen ist nunmal weder cool, angenehm oder bereichernd. Man kann dem was gutes abgewinnen, aber es ist und bleibt in erster Linie eine Last, Arbeit und teilweise mit Undankbarkeit verbunden. Da bringt es nichts, jedem mit dem verbalen Knüppel eine über zu braten, wenn er ihre „infinity immigration politic“ ablehnt.

  3. Lieber Mike,

    da bin ich ja beruhigt, dass Du mich für links hälst! Denn meine Freunde und Bekannten halten mich – zu meiner großen Verärgerung und trotz wiederholter Beteuerungen des Gegenteils – leider fast allesamt für ziemlich konservativ. Aber wenigstens glaubst Du mir, dass mein Herz links schlägt: Danke Dir dafür!

    Mit den besten Grüßen,

    Timo

  4. Timo Al-Farooq sagt:

    @Mike:

    „Selbst wenn Deutschland alle Flüchtenden der Welt aufnähme, hätte es dieselbe Bevölkerungsdichte wie Japan.“

    https://www.freitag.de/autoren/juloeffl/ein-truemmerfeld

  5. Mithrandir sagt:

    Timo, es geht nicht um die Bevölkerungsdichte. Es geht um den Sozialstaat. Sicher, man kann alle Flüchtenden der Welt, was auch immer deren Fluchtgrund seinen mag, aufnehmen und in Lagern mit Wasser und Brot versorgen. Ähnlich wie es die Türkei macht. Aber wem wäre damit geholfen? 90% aller Flüchtenden flüchten, um ein besseres Leben zu bekommen. Das funktioniert aber mit diesem Sozialstaatsmodell nur begrenzt. Wenn 90% nicht arbeiten können, weil keine Jobs, keine Qualifikation etc, dann wird das System nicht mehr funktionieren. Schon allein deshalb ist eine Zuwanderungsbegrenzung notwendig. Alles andere ist gut gemeint, aber nicht möglich.

  6. Müllerin sagt:

    @Mithrandir: Warum gehen Sie davon aus, dass langfristig 90% aller Flüchtlinge vom Sozialstaat leben wollen und werden. Langfristig wird und muss es gelingen, diesen Personenkreis auch am Arbeitsmarkt zu integrieren. Dazu laufen erste Projekte, deren Erfolg sich noch zeigen muss. Gleichzeitig ist es aber richtig, dass nicht jeder Geflüchtete in Deutschland dauerhaft aufgenommen werden kann. Daher prüft das BAMF (sollte es) nach der jeweiligen Frist immer, ob die Gründe der Gewährung von Schutz immer noch vorliegen. Liegen diese nach Prüfung aber nicht mehr vor, kann Flüchtlingen auch ein Aufenthalt in Deutschland wieder entzogen werden. Wirklich dauerhaft hier ist nur, wer mindestens eine Niederlassungserlaubnis besitzt. Gleichzeitig sollte Politik auch darauf ausgerichtet sein, die URSACHEN von Flucht zu bekämpfen und nicht nur die Flüchtenden an der Einreise zu hindern.

  7. Mithrandir sagt:

    Liebe Müllerin,

    „Warum gehen Sie davon aus, dass langfristig 90% aller Flüchtlinge vom Sozialstaat leben wollen und werden. “

    90% war jetzt nur ein x-beliebiger Wert. Ich denke aber, dass ein Großteil der Flcühtinge keine Arbeit finden wird. Weil es gar nicht soviel Arbeit für Unterqualifizierte gibt. Dank Automatisierung und Digitalisierung werden in viele weiteren Arbeitsbereiche zunehmend weniger Menschen gebraucht, vor allem im Niedriglohnsektor. Fachkräfte sind ja kaum dabei, wie auch? Deshalb muss es eine flüchtlingsObergrenze geben, alles andere ist fahrlässig.

  8. […] Bleiberecht möchte auf ein Essay von Timo Al-Farooq aufmerksam machen. Veröffentlicht im MIGAZIN. „Nur ein Bruchteil der 65,3 Millionen Geflüchteten weltweit kommt nach Europa, doch das […]



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