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Norwegens Ministerpräsident Jens Stoltenberg, Trauergottesdienst nach dem Terroranschlag im norwegischen Oslo und Utoya, 2011

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Homoehe für alle ist ein Pyrrhus-Sieg

Als ich letzte Woche die nationale und internationale Presse verfolgte, im Hinblick auf die „revolutionäre“ Entscheidung, die da im Bundestag durchgeprügelt wurde, gewann ich stetig mehr den Eindruck, dass nur zwei Menschen auf der Welt eine Ahnung davon haben, was wirklich passiert ist. Glücklicherweise schreibt einer davon gerade diese Zeilen. Von Sven Bensmann

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MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, bearb. MiG

DATUM4. Juli 2017

KOMMENTARE6

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Deutschland ist, so die verbreitete Darstellung, eher ein Nachzügler in Sachen Ehe für alle: Die westliche Welt hat sich weiterentwickelt, Deutschland zieht nach, aber die Bremser-Union ist immerhin noch moderner als der Sudan, Nigeria und Saudi-Arabien. Menschenrechte haben halt immer mit Gewissen zu tun – gewissen Parteiinteressen.

Und so hat die CDU/CSU in der Koalition Entscheidungen immer wieder „verschoben“, gegen den Willen der Partner von SPD und FDP – ja, auch die haben mal mit der Union regiert, die Älteren werden sich noch erinnern. Dass zum verschieben immer zwei gehören, und dass die SPD und FDP Homosexuellenrechte offensichtlich nur als Verhandlungsmasse sahen und diese willentlich immer wieder zurückstellten, davon hört man schon weniger.

Dennoch ist der allgemeine Konsens, dass Angela Merkel sich im Interview mit einem Klatschblatt verplapperte und von der SPD überrollt wurde, die diesen Fehler sofort ausnutzte. Dieses Thema, bei dem die Bevölkerung längst mit überwältigender Mehrheit entschieden hatte, habe die SPD vom Elfmeterpunkt, ohne Torwart, mühelos verwandelt.

Ja, sicher. Und der Hund, dem man einen Knochen hinwirft, nutzt diesen Fehler schamlos aus, indem er ihn frisst.

Es könnte natürlich auch bloß Wunschdenken eines Passanten sein, der da dem getretenen Köter einen Erfolg wünscht, weil ein spannender Wahlkampf gut für die Auflage ist. Ich persönlich halte Angela Merkel aber nicht für dumm. Angela Merkel hat, das ist unbestreitbar, die Union ein stückweit entstaubt und von Themen befreit, mit denen man keinen Blumentopf mehr gewinnen kann. Damit hat sie die Union noch lange nicht „sozialdemokratisiert“ wie einige behaupten, denn das würde nur bedeuten, dass sie die Union in einen Haufen rückgratloser Erfüllungsgehilfen verwandelt hätte, für die das Wahlprogramm mehr Nostalgie als politische Leitlinie ist. Merkel hat einen festen Kurs, den sie eisern durchzieht: in einer Weise, der ihre tatsächliche Stärke durch die Illusion von Schwäche verbirgt.

Aktuell bereitet sich Merkel auf einen heißer werdenden Wahlkampf vor und hat ein weiteres Thema ausgemacht, bei dem die Union nur verlieren konnte. Gegen den Konsens der Gesellschaft und gegen ein rotrotgrünes Lager, das der einzige Weg ist, Merkel loszuwerden, würde die Union die Ehe als Bastion der Heteronormativität verteidigen müssen – und damit sowohl die drei Parteien näher zusammenführen, als auch Stimmen an dieses Lager abgeben. Was also macht Merkel? Den weisesten Zug, den sie machen kann: Sie opfert einen Bauern, und beraubt damit Rotrotgrün eines möglichen Wahlkampfschlagers.

„Einem homosexuellen Iraker oder Afghanen nutzt es wenig, dass er in Deutschland jetzt auch so richtig echt heiraten und Kinder adoptieren kann, wenn er im nächsten Atemzug in sein Heimatland deportiert wird, weil ja ein paar Ecken des Landes fast schon nicht mehr Kriegsgebiet sind – und was könnte einem Homosexuellen schon im Irak passieren, was ihm nicht auch in Dresden oder Straubing passieren würde?“

Der kurze Schub an Euphorie, den die Liberaleren im Bundestag aus diesem Sieg über die Union ziehen, wird aber schneller verpuffen, als der Effekt des „Schulz-Zuges“. Daran kann nicht einmal die AfD etwas ändern, die jetzt eine Klage einreichen will, die sie gar nicht einreichen darf. Die Homo-Ehe ist eines dieser Themen, die, wenn sie erstmal durch sind, auch endgültig durch sind.

Was bleibt, ist ein Pyrrhus-Sieg über die Kanzlerin, der zwar auf der einen Seite einen längst überfälligen zivilisatorischen Fortschritt bedeutet, der andererseits der Kanzlerin aber nur nützt und weiteren, ebenso überfälligen Schritten, die Grüne und Linke der SPD in einer linken Koalition hätten abringen können, wohl den Todesstoß versetzt. Und das schlimmste ist: sie haben nicht einmal begriffen, dass sie wie ein Tanzbär von der Kanzlerin am Nasenring durch die Manege gezogen wurden.

Denn auch das muss gesagt werden: Einem homosexuellen Iraker oder Afghanen nutzt es wenig, dass er in Deutschland jetzt auch so richtig echt heiraten und Kinder adoptieren kann, wenn er im nächsten Atemzug in sein Heimatland deportiert wird, weil ja ein paar Ecken des Landes fast schon nicht mehr Kriegsgebiet sind – und was könnte einem Homosexuellen schon im Irak passieren, was ihm nicht auch in Dresden oder Straubing passieren würde?

Dieses geradezu brillante, weil perfid-unauffällige, Spiel von „Divide et Impera“, dass das sogenannte „linke Lager“ – dass nicht halb so links ist, wie der Name vermuten lässt – eines gemeinsamen Themas beraubt, um die eigene Macht zu sichern, hat fürderhin das Potenzial, Teile Europas soweit zu verarmen, dass „subalpin“ nach „Subsahara“ klingt und „christlich-jüdisch“ nach „islamistisch“, hat das Potenzial, die Europäische Union zu sprengen – die Briten hat es bereits vergrault.

Merkel und Schäuble haben Brüssel in einer Weise gelenkt, deren Folgen beide in ihrem Ethnozentrismus nicht abschätzen können; bei all der Brillanz, die ich Merkel im machtpolitischen Kontext unterstelle. Mit den Worten des heiligen Adenauers: „Wir leben alle unter dem gleichen Himmel, aber wir haben nicht alle den gleichen Horizont.“

Die drängenden Probleme unserer Zeit – Menschenrechte, Asyl und Flucht, das Auseinanderdriften der Europäischen Union, amerikanischer Isolationismus – können nur durch linke Antworten gelöst werden, rechte Antworten haben sie verursacht. Armut, eine Wurzel, die all diese Probleme gemein haben, kann nicht durch mehr Kapitalismus, durch Markt- und Arbeitsliberalisierung bekämpft werden. Der „Manchesterkapitalismus“ – nochmal: die Älteren werden sich erinnern – war kein Arbeiterwunderland, in dem es allen gut ging, weil niemand irgendetwas regelte. Arbeiter, die sich gegen den Kapitalismus solidarisierten, Gewerkschaften und Parteien gründeten, brachten uns diejenige „soziale Marktwirtschaft“, die Gerhard Schröder (SPD) mit seiner Agenda 2010 bis auf die Grundmauern schleifte.

„Und als Christ sollte man sich auch keine Hoffnungen darüber machen, dass Kreuzzügler, Hexenjäger, Inquisitoren und Horst Seehofer eine andere Bibel gelesen hätten, als man selbst. Wer suchet der findet – und wer Muslimen den Koran wörtlich vorhält, sollte mal in der Bibel nachschlagen, wer zum Beispiel so alles mit dem Tode bestraft werden soll.“

Und wo wir schon dabei sind: Wer wissen will, wie sich radikale Muslime von radikalen Christen unterscheiden, muss nur mal die Kommentarspalten der Zeitungen, oder einfach die Frankfurter Allgemeine Zeitung aufschlagen: nämlich gar nichts.

Merke: Die Aufklärung, die Moderne, die Demokratie wurden und werden immer wieder gegen jede Religion erkämpft. Welche Religion spielt dabei keine Rolle, oder, um den australischen Comedian Jim Jefferies zu paraphrasieren: „Das Christentum ist dem Islam um gut 600 Jahre voraus – 600 Jahre in der Vergangenheit und ich müsste mich für meine Witze vor der heiligen Inquisition rechtfertigen.“ 60 Jahre zurück und ein homosexueller Mann musste sich vor deutschen, christlichen Richtern dafür rechtfertigen, homosexuell zu sein, weil aus purer Menschenliebe die entsprechende Gesetzgebung aus dem Dritten Reich übernommen wurde. 6.000 Kilometer nach Süden, und Christen bestrafen heute noch Schwule mit Gefängnis oder Tod. Und ja, ich sage „Schwule“, nicht „Homosexuelle“. Denn zum Einen würde absolut überall in der Welt Bürgerkrieg ausbrechen, wenn plötzlich die Lesbenpornos von den Pornoseiten verschwinden würden – niemand hat ein Problem mit Lesbensex -, zum Anderen ist mir kein Beispiel bekannt, bei dem neben dem Sex zwischen zwei Männern auch der Sex zwischen zwei Frauen illegalisiert wäre.

Und als Christ sollte man sich auch keine Hoffnungen darüber machen, dass Kreuzzügler, Hexenjäger, Inquisitoren und Horst Seehofer eine andere Bibel gelesen hätten, als man selbst. Wer suchet der findet – und wer Muslimen den Koran wörtlich vorhält, sollte mal in der Bibel nachschlagen, wer zum Beispiel so alles mit dem Tode bestraft werden soll: Jeder, der seine Eltern schlägt oder verflucht, der den Sabbat entehrt oder an diesem Tag arbeitet, Ehebrecher, jeder, dessen Kind nicht den richtigen Glauben hat, der Gottes Namen schmäht oder, immer wieder, jeder, der Sex mit einem Tier hat – offensichtlich ein verbreitetes Problem bei frühen Christen. Wer ein echter Christ ist, für den sind Gottes Befehle Gesetz, das scheint mir der Sinn der ganzen Geschichte – dass also so viele sich Christen nennen, ohne nach Gottes Gesetz zu leben, macht das Christentum also nicht zu einer friedlicheren Religion.

Die „Ehe für alle“ ist ein kleiner Triumpf gegen die Christen im Bundestag, gleichzeitig ist sie vielleicht die größte Niederlage dieses Jahres für alle, die jetzt jubeln – ein Pyrrhus-Sieg der uns alle, und mehr noch diejenigen, die unseres Schutzes bedürfen, teuer zu stehen kommen könnte. Aber feiert nur…

Ich hör‘ schon den Kinderchor erklingen: „Wer hat uns verraten? ~ “

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6 Kommentare
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  1. Werner Janik-Mehlem sagt:

    MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann schreibt am 4. Juli 2017 unter der Überschrift: „Homoehe für alle ist ein Pyrrhus-Sieg“ u.a. folgende Frage: “ … was könnte einem Homosexuellen schon im Irak passieren, was ihm nicht auch in Dresden oder Straubing passieren würde ?“
    Offensichtlich ist Sven Bensmann blind für die Schutzbedürftigkeit von Homosexuellen in islamisch geprägten Ländern, wo Eltern ihre eigenen Söhne umbringen oder z.B. in „staatliche“ Folterlager bringen, wie in der russischen Teil-Republik Tschetschenien, die jedoch in MIGAZIN m.W. noch kein Thema waren. Dass er in wseiner Überschrift aus der „EHE FÜR ALLE“ jedoch „Homo-Ehe FÜR ALLE“ macht, zeigt, dass er unseren jahrzehnte-langen Kampf gegen die staatlichen Verbrechen mit dem Nazi-Strafrecht des § 175 auch nach 1945 über viele Jahrzehnte in Deutschland für seine ideologische Propaganda missbraucht.. Erst am 7.7.2017 wird der Bundesrat der „EHE FÜR ALLE“ und dem Gesetz zur Rehabilitierung und „Entschädigung“ der homosexuellen Opfer des § 175 zustimmen, Erst Monate später wird dieser kleine Erfolg auch nur für die wenigen noch lebenden Schwulen mit KZ- und Zuchthaus-Verfolgung als Zeichen später „Anerkennung“ des erlittenen Unrechts spürbar sein. Statt zu begreifen, dass wir nach Erreichen von EHE-ÖFFNUNG und Rehabilitierung dann endlich auch unsere Rest-Kraft voll für alle Verfolgten auf der ganzen Welt einsetzen können, spielt die MIGAZIN-Kolumne von Sven Bensmann verfolgte Gruppen bösartig und arrogant gegeneinander aus. […]

  2. Kai Diekelmann sagt:

    Aha, alles nur Merkels Strategie, und die restlichen Parteien sind zu doof strategisch zu denken und zu handeln. Und die sog. Linken lösen die großen Weltprobleme – ja, wenn sie taktisch nur so clever wie die Kanzlerin wären. Schwarz-weiß in Reinkultur: die Linke ist solidaritätgeleitet und die Konservativen sind dem Menschen Wolf. Eins noch: wer weiß denn schon, wie das BVerfG über die Ehe für alle entscheidet?

  3. kaethemargarethe sagt:

    Ich schließe mich Werner Janik-Behlem an und möchte hinzufügen:
    Offensichtlich ist Sven Bensmann auch blind für die Bedingungen, die Ausländer, unabhängig von ihrer sexuellem Orientierung erfüllen müssen, wenn sie in Deutschland heiraten wollen. Dazu gehört eine Bescheinigung ihres Herkunftslandes, dass sie dort nicht verheitatet sind. Die dürfte bei Menschen aus Afghanistan und aus dem Irak unter den Gegebenheiten in beiden Ländern schwer zu erbringen sein. (Vor Jahren, als es im Irak noch friedlich, hat ein Freund, irakischer Staatsbürger, anderthalb Jahre gebraucht. Wie lange es heute dauert? ) Dieser Regel gilt auch für die eingetragene Lebenspartnerschaft. Eine gleichgeschlechtliche Ehe ist auf dem Weg, aber nach meinem Kenntnisstand noch nicht möglich.

    Herr Bensmann, kennen Sie einen einzigen Fall, in dem ein Iraker und ein Afghane in Deutschland eine Ehe eingegangen sind und danach abgeschoben wurden? Wenn ja; ich würde mich sehr freuen, wenn sie hier darüber schreiben.

  4. Lola sagt:

    Kann man Sie ernst nehmen? Nein
    Pathologische Züge? Ausgeprägt

  5. Hubert Pureck sagt:

    Zwei Menschen haben also eine Ahnung, was die gleichgeschlechtliche Ehe für Deutschland, die Welt, den Planeten oder gar für unser Universum bedeutet?!

    Aus meiner Sicht ist die Entscheidung aus dem Bundestag eine Art Hoffnungsschimmer. Endlich wurde dem Artikel 3 GG Geltung verschafft und die Benachteiligung von Homosexuellen bezüglich der Eheschließung aufgehoben.

    Den Hinweis bezüglich international anders geltender Gesetze ist Unfug. Jede nationale Judikative erlässt Gesetze für das jeweilige Land und nur weil andere Länder aus religiösem Fanatismus panisch bzw. geradezu homophob reagieren, kann dies doch keinen Einfluss auf die Gesetze hier haben.

    Der Grund, warum ich aber einen Hoffnungsschimmer in der Entscheidung sehe besteht darin, dass man endlich gegen religiösen Aberglauben und für eine humanistische bzw. ethisch richtige Lösung gestimmt hat. Wir erinnern uns, dass der Bundestag am 12.12.12 beschlossen hat, dass männliche Kinder in Deutschland auch weiterhin zwangsbeschnitten werden dürfen. Diese Entscheidung ist sowohl eine geschlechtliche Ungleichbehandlung wie auch ein Unding die Religion von Eltern über das Recht der körperlichen Unversehrtheit von Kindern zu stellen.

    Somit hat jetzt der Bundestag aus meiner Sicht eine Kehrtwende vollzogen und nicht wie beim § 1631d BGB gegen Menschenrechte gestimmt, sondern einen bestehenden Fehler behoben. Und was auch wichtig sein dürfte, hat der Bundestag dieses Mal nicht einfach über den Willen der Gesellschaft hinweg entschieden, sondern die Entscheidung spiegelt die Meinung derer wieder, welche die Volksvertreter gewählt haben.

    Da ich aber nicht naiv bin, erwarte ich nicht, dass diese Kehrtwende bestand haben wird. Vielmehr interpretiere ich dies so, dass auch ein blindes Huhn mal ein Korn findet.

  6. Mechse sagt:

    Da kennt sich einer mit dem Christentum aber gar nicht aus….



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