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Migration und Integration in Deutschland

Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Rommel und Ich

Von meiner Sozialisation mit rassistischen Helden

Ich war ein schwäbisches Kind. Wenn sie sich jetzt wundern, nehmen sie sich einen Moment Zeit, um das zu sortieren, und lesen Sie dann weiter. Es geht nämlich nicht um meine Hautfarbe. Nicht direkt:

gestrichen, streichen, fehler, falsch, durchgestrichen
Gestrichen © MiG

VONSami Omar

 Von meiner Sozialisation mit rassistischen Helden
Sami Omar wurde 1978 als Sohn eritreischer Eltern im Sudan geboren und wuchs als Kind deutscher Eltern im schwäbischen Ulm auf. Er arbeitet und schreibt zu den Themen Migration und Integration für print und online-Medien. 2016 erschien sein zweites literarisches Werk "Geht schon, danke". Sami Omar arbeitet als Sprecher und tritt mit seinen abendfüllenden Bühnenprogrammen deutschlandweit auf. Mehr über ihn auf sami-omar.de

DATUM29. Mai 2017

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In der Nähe der schwäbischen Stadt Ulm liegt ein kleiner Ort namens Herrlingen. Wenn meine Familie Besuch bekam, packte mein Vater manchmal Gäste und Familie in sein Auto und fuhr mit uns dort hin. Wir bekamen häufiger Besuch und so kann ich die Geschichte, die mein Vater in Herrlingen erzählte, heute auswendig.

Es ist die Geschichte des Todes von Generalfeldmarschall Rommel, dem „Wüstenfuchs“. Dem, der von Hitler abgesandt wurde, um in Nordafrika die italienische Kolonialmacht in LibyenLibyen im Kampf gegen die britischen Kräfte in Ägypten zu unterstützen. Dem, der – inzwischen in Hitlers Ungnade gefallen – eines Tages von zwei Generälen abgeholt und zum Selbstmord genötigt wurde. „In einer Viertelstunde bin ich tot.“, soll er zum Abschied zu seiner Frau gesagt haben – stramm, ungebrochen. Dieser Feldmarschall war einer meiner ersten Helden. Er war ein Nazi!

Meine gesamte Jugend hindurch hatte ich das Gefühl, es existiere eine mir fremde Unstimmigkeit im Verhältnis zu manchen meiner Helden. Als dürfe ich sie nicht uneingeschränkt lieben. Für Michael Night galt das natürlich nicht. Auch an der Genialität MacGyvers besteht für mich bis heute kein Zweifel. Erst im langsamen und beschwerlichen Zuge meiner andauernden intellektuellen Emanzipation sah ich, dass ich mich von vielen von ihnen verabschieden muss.

Meine Sozialisation ist die eines deutschen Kindes. Der Rassismus im Denken und Handeln um mich macht auch die Überprüfung meiner Helden notwendig und seit ich das verstanden habe, bin ich dazu verdammt, mich von vielen von ihnen zu verabschieden. Dabei will ich doch nur einmal wieder richtig Fan sein!

Kürzlich traf es Hannah Arendt. Hannah Arendt! Ich fühle mich ihr wirklich verbunden, auch wenn ich Manches von dem was sie schrieb nie verstand. Leider verstand ich sie recht gut, als ich dieses Zitat von ihr las: „Der biblische Mythos von der Entstehung des Menschengeschlechts wurde auf eine sehr ernste Probe gestellt, als Europäer in Afrika und Australien zum erstenmale mit Menschen konfrontiert waren, die von sich aus ganz offenbar weder das, was wir menschliche Vernunft, noch was wir menschliche Empfindungen nennen, besaßen, die keinerlei Kultur, auch nicht eine primitive Kultur, hervorgebracht hatte, ja, kaum im Rahmen feststehender Volksgebräuche lebten und deren politische Organisation Formen, die wir auch aus dem tierischen Gemeinschaftsleben kennen, kaum überschritten.“

Was bleibt mir, als sie von meiner Liste zu streichen?

Bei anderen fiel es mir leichter. Der verstorbene Popstar der Polit-Geriatrie Helmut Schmidt sagte schon in den Siebzigerjahren Dinge wie: „Wir haben die Ruhrpolen verdaut, also werden wir auch die Gastarbeiter verdauen.“

Ich wollte stets nur mit seinem Selbstbewusstsein rauchen. Schwamm drüber.

Der Literaturkritiker Dennis Scheck warnte öffentlich vor den „Tollheiten einer auf die Kunst übergriffigen politischen Korrektheit“ im Zusammenhang mit dem N-Wort in Kinderbüchern. Darüber kann man diskutieren. Dumm nur, dass er sich als Kommentar zur Debatte das Gesicht schwarz anmalte. Es war unausweichlich: Ich musste ihn von meiner Liste streichen.

Martin Luther bringt mich in Teufels Küche. Als Protestant ist er einer der wichtigsten Stifter der Kirche, zu der ich gehöre und gleichzeitig ein Antisemit erster Güte. Fan werde ich wohl nie ganz werden können.

Und was soll ich mit den Philosophen, von deren blanken Rassismus mir in keiner Schulstunde, in keinem gelesenen Buch berichtet wurde. Sie hätten mich allesamt zum Tier, zum Untermenschen erklärt. Georg Wilhelm Friedrich Hegel war der Meinung: „Der Neger stellt den natürlichen Menschen in seiner ganzen Wildheit und Unbändigkeit dar. […] Es ist nichts an das Menschliche Anklingende in diesem Charakter zu finden.“

Gestrichen!

Voltaire hielt die Juden für den: „Abschaum der Menschheit“ und Immanuel Kant bewies seine ganze anthropologische Kompetenz mit diesem Menschen-Ranking: „Die Menschheit ist in ihrer größten Vollkommenheit in der Race der Weißen. Die gelben Indianer haben schon ein geringeres Talent. Die Neger sind weit tiefer, und am tiefsten steht ein Teil der amerikanischen Völkerschaften. […] Die Negers von Afrika haben von der Natur kein Gefühl, welches über das Läppische stiege.“

Beide sowas von gestrichen.

Aber was bleibt mir nach all den Streichungen. Ich weigere mich die Lücken auf meiner Heldenliste durch Teilnehmer des Promi-Dinner zu ersetzen. Ich kann auch nicht so tun, als hätte Hannah Arendt kein wahres, kluges Wort geschrieben. Ich könnte meinen Horizont erweitern. Ich könnte lesen, was Ken Saro-Wiwa geschrieben hat. Eintauchen in die Geschichten von Rotimi Babatunde. Ich könnte Navid Kermani auf YouTube ansehen und auf recherche-international.de stöbern. Ich könnte versuchen zu akzeptieren, dass meine Sozialisation mehr Auseinandersetzung fordert mit dem, was mir als Bildung angeboten wurde. Und ich könnte trotz der Verletzungen versuchen, mit der Differenziertheit auf die Dinge zu blicken, die ich bei anderen vermisse. Manchmal klappt es. Manchmal nicht.

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3 Kommentare
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  1. Roman sagt:

    Lieber Autor, vielen Dank für diese Zusammenstellung ernüchternder Zitate von den „Helden“ von einst. Mir ging es bei einigen der genannten (z.B. Kant) ähnlich. So auch bei Albert Schweitzer: „Es gibt etwas, das alle weißen Männer, die hier gelebt haben, wie ich, lernen und wissen müssen: dass diese Personen eine Sub-Rasse sind. Sie haben weder die intellektuellen, geistigen oder psychischen Fähigkeiten, um sie mit weißen Männern in einer beliebigen Funktion unserer Zivilisation gleichzusetzen oder zu teilen.“ Das sollte Anlass sein, sich andere Personen nicht unhinterfragt und absolut in allen Bereichen als Richtschnur zu nehmen, sondern je nach Kontext nach Vorbildern zu suchen. Vor einem zeitgeschichtlichen Kontext sind viele der Zitate ja auch einordenbar, auch wenn sie nach heutiger Kenntnis und Erkenntnis nicht mehr anschlussfähig sind. Genau wegen dieser Differenziertheit schätze ich Ihren Beitrag sehr. Danke.

  2. karakal sagt:

    Man könnte hier vielleicht noch den Dichter Friedrich Schiller hinzufügen, der in seiner Antrittsvorlesung als Geschichtsprofessor in Jena vom 26. und 27. Mai 1789 sagte:
    „… Sie (die Entdeckungen der Seefahrer) zeigen uns Völkerschaften, die auf den mannigfaltigsten Stufen der Bildung um uns herum gelagert sind, wie Kinder verschiedenen Alters um einen Erwachsenen herum stehen und durch ihr Beispiel ihm in Erinnerung bringen, was er selbst vormals gewesen und wovon er ausgegangen ist. Eine weise Hand scheint uns diese rohen Völkerstämme bis auf den Zeitpunkt aufgespart zu haben, wo wir in unserer eignen Kultur weit genug würden fortgeschritten sein, um von dieser Entdeckung eine nützliche Anwendung auf uns selbst zu machen und den verlornen Anfang unsers Geschlechts aus diesem Spiegel wieder herzustellen. Wie beschämend und traurig aber ist das Bild, das uns diese Völker von unserer Kindheit geben! …“
    Eine solche Denkweise lieferte den ideologischen Vorwand für die Kolonialisation des 19. Jhs.: jenen „rohen“ Völkern die entwickelte und fortschrittliche Kultur des christlichen Abendlands zu bringen und aus Kindern Erwachsene zu machen, wobei in Wirklichkeit jedoch der Zweck im Vordergrund stand, die Ressourcen jener Völker für sich selbst auszubeuten.

  3. Mo sagt:

    Die Zitate von Aufklärern sind zwar richtig, aber sie leuchten das Ausmaß des europäischen Rassismus kaum aus. Ethnozentrismus von der Machart der Aufklärer findet sich auch bei allen anderen Hochkulturen. Der wesentliche Unterschied ist das Ausmaß der Gräueltaten und die Akribie mit der sie durch literarische Erzeugnisse, Malerei und philosophischen Diskurse unterstützt wurden. Die Sammelwut ist sehr bezeichnend für die westeuropäische Kultur. Keine der bekannten Hochkulturen schlug ihren Feinden die Schädel ab, und nahm sie mit nach Haus für anthropologische Klassifizierungsschematas. Die Mongolen stapelten Schädel als Mittel der psychologischen Kriegsführung, aber sie verwandten sie nicht für „wertfreie“ Wissenschaft.

    Der Begriff Weißer ist eigentlich auch sehr irreführend im Zusammenhang mit dem Rassismus seit der Aufklärung. In der Epoche als die englische Expansion begann hatte das englische Volk die Sitte aus menschlichen Fett Wundpflaster zu machen. Zu Hinrichtungen standen die Leute Schlange, um einen Becher warmen Blutes zu ergattern. Der englische König pflegte pulverisiertes Schädelpulver vermischt mit Mumien Überresten zu sich zu nehmen. Der Rohstoff kam aus den Grabstätten irischer und orientalischer Provenzialität. Die Geschichte wird von Sieger geschrieben. Irische Historiker lehrt man nicht an den Universitäten. Eine Lektüre irischer Autoren öffnet einem die Augen über die westeuropäische Kultur der Aufklärung.

    Man muss eine Unterscheidung machen zwischen Westeuropa und Osteuropa. Die Osteuropäer litten sehr stark unter der deutschen Ost-Kolonisation. Zwar kam es nicht zu kannibalistischen Übergriffen auf die Leichname durch die Deutschen, aber sie lebten in Sklaven ähnlichen Verhältnissen. Ein Blick in die Gegenwart zeigt uns, dass sich die Lage nicht gebessert hat. Westeuropische Bauern beuten Osteuropäer aus, Erntehelferinnen werden zu Sex gedrängt, sonst verlieren sie ihren Job.

    Wir werden nicht mit weißen Narrativen sozialisiert in den Institutionen, sondern mit westeuropäischen Narrativen. Osteuropäer kommen normalerweise nicht vor. Dasselbe kann man über Nordeuropäer sagen.



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