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Migration und Integration in Deutschland

Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

Afghanen

Flüchtlinge zweiter Klasse

Geflüchtete aus Syrien, Irak, Eritrea, Somalia oder dem Iran haben vergleichsweise gute Chancen auf Asyl in Deutschland. Afghanen hingegen sind Flüchtlinge zweiter Klasse, gefangen in einem Netz voller Fallstricke. Von Anja Seuthe

jugendlicher, mann, warten, gucken, zukunft
Symbolfoto © Ian Sane @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONAnja Seuthe

Anja Seuthe studierte in Köln Völkerkunde, Soziologie und Islamwissenschaften. Nach dem Studium bereiste sie unter anderen Saudi Arabien und den Jemen, in Ägypten lebte sie zwölf Jahre. Journalistisch und literarisch setzt sie sich vor allem mit interkulturellen sowie interreligiösen Themen auseinander. Heute lebt sie mit ihrem Mann und ihren drei Töchtern in Süddeutschland und engagiert sich für Geflüchtete.

DATUM23. Mai 2017

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RESSORTLeitartikel, Meinung

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Es ist Frühling! Die Tage werden länger und wärmer. Die Natur erwacht. Der Frühling ist die Zeit im Jahr, in der neues Leben entsteht, in der wir hoffnungsvoll in die Zukunft blicken. Diese Hoffnung teilen wir mit Menschen, die im Verlauf der letzten zwei Jahre nach Deutschland gekommen sind. Menschen, die aus der Hoffnungslosigkeit ihrer kriegs- und terrorgebeutelten Heimat in unser friedliches, freies Deutschland geflohen sind. Deutschland, das Hoffnung versprach, die nun im Netz der Bürokratie gefangen bleibt. Ein Netz voller Fallstricke.

Denn nicht jeder Geflüchtete kommt aus einem der glücklichen fünf Herkunftsländer mit der sogenannten „guten Bleibeperspektive“. Syrien, Irak, Eritrea, Somalia und der Iran.  Nicht jeder Geflüchtete hat ein zerbombtes Haus und tote Familienmitglieder hinter sich gelassen. Nicht jeder Geflüchtete wurde gefoltert oder zwangsrekrutiert.

Polizei, Fingerabdrücke, Schläge, Auffanglager

Hoffnungslosigkeit geht aber auch anders. Hamid (Name geändert), 17 Jahre alt,  kommt aus dem Iran. Aber seine Eltern sind Afghanen, gehören zur schiitischen Minderheit der Hazara. Vor zwanzig Jahren mussten sie in Afghanistan um ihr Leben fürchten, flohen in den Iran. Bis heute haben sie dort keinen aufenthaltsrechtlichen Status, leben in der Illegalität. Hamid wurde im Iran geboren, ist dort aufgewachsen, aber im Iran sind die Afghanen  Menschen zweiter Klasse. Hamid hat keine Schule von Innen gesehen. Gelegenheitsjobs helfen, die Familie über Wasser zu halten, in ständiger Angst vor der Polizei, die im besten Fall bestechlich ist und vom mageren Lohn einen Anteil abzweigt, im schlechten Fall abschiebt nach Afghanistan, ein Land, von dem Hamid nicht mehr kennt, als die Angst seiner Eltern.

Angst, die ihn auch im Iran nicht loslässt. Die ihn letztendlich hinaustreibt auf den großen Treck ins gelobte Land. Angst, die Wegbegleiter wird, als Hamid auf der kalten Straße schläft, als er sich Essen aus dem Müll sucht, als das kleine Schlauchboot im Mittelmeer zu kentern droht – Hamid ist Nichtschwimmer. Und auch an den Grenzen in Europa reist sie mit, die Angst. Polizei, Fingerabdrücke, Schläge, Auffanglager. Die Angst, es nicht zu schaffen. Aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt.

Ohne Sinn und Regel

Endlich in Deutschland schnürt ihm die Angst die Kehle zu. Er versteht nicht, was um ihn herum passiert. Befragungen mit und ohne Dolmetscher, Ärzte, neue Auffanglager, neue Betreuer, neue Befragungen. Hamid versteht den Sinn nicht, den Ablauf nicht, die Sprache nicht. Versteht nicht, warum er einen Amtsvormund braucht. Warum er nicht einfach arbeiten kann. Warum er – der noch nie in der Schule war – auf einmal schulpflichtig ist. Und warum die deutsche Sprache so unendlich schwer ist. Mit „der“, „die“ und „das“, für die es keine Regeln gibt. Mit Dativ und Akkusativ, mit trennbaren Verben und zusammengesetzten Nomen.

Er lernt, dass er als Minderjähriger in Deutschland nicht rauchen darf. Dass er um 22:00 Uhr in seinem Zimmer sein muss. Und dass die Betreuer sich insbesondere für die Einhaltung des Putzplans interessieren. Aus Tagen werden Wochen, aus Wochen werden Monate. Langsam setzt ein Alltag ein, über dem das drohende Damoklesschwert „Asylverfahren“ schwebt. Alle hoffnungsvollen WENNS – „Wenn du gut deutsch kannst!“, „Wenn du einen Schulabschluss hast, einen Job, eine eigene Wohnung!“, „Wenn du dich gut integrierst!“. Alle diese WENNS werden überschattet von dem einen, großen, unwägbaren WENN: „Wenn du bleiben darfst!“

Warten auf die einzige Chance

Er lernt, dass alles in Deutschland Zeit braucht. Zeit, die er mit Hoffnung totschlägt. Mit dem Versuch, sich als Hoffnungsträger zu präsentieren. Hamid lernt, und lernt, und lernt. Und während die Syrer, Somalier, ja selbst dir Iraner, ihren positiven Asylbescheid bekommen, versteht er, dass er als Afghane in Deutschland nicht nur Mensch zweiter Klasse ist, sondern auch noch Flüchtling zweiter Klasse.

Hamid wartet auf seinen achtzehnten Geburtstag und die unweigerlich folgende Einladung zum alles entscheidenden „Interview“. Der einzigen Chance, seine Geschichte zu erzählen. Eine Geschichte, die nicht wirklich interessiert. Laut deutschen Gerichten kann ein junger Afghane, der noch nie in Afghanistan war, mangels eigener Erfahrung auch nicht glaubhaft machen, dass er dort verfolgt wird oder gefährdet ist. Afghanistan nimmt Flüchtlinge zurück. Auch die, die noch nie zuvor einen Fuß nach Afghanistan gesetzt haben. Und lässt sich das gut bezahlen. „Verkauft haben sie uns!“, sagt mir Hamid. Mit jedem negativen Asylbescheid in seinem Umfeld stirbt die Hoffnung ein wenig. Laut deutschen Gerichten hat ein junger Afghane auch ohne lokales Netzwerk gute Chancen, in Kabul zu überleben.

Aber Hamid will nicht nur überleben, er will leben!

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4 Kommentare
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  1. Wiebke sagt:

    Es ist unglaublich, welch kaltschnäuziger Bürokratismus wieder in Deutschland herrscht, wenn solche Menschen nach Afghanistan deportiert werden. Anders kann man das nicht nennen.

  2. Rudolf Stein sagt:

    Jeder Afghane, der in D einen Asylantrag stellt, stellt diesen vor dem Hintergrund der in seinem Land gefallenen deutschen Soldaten. Er stellt seinen Antrag Angesichts der Frage, was er hier tut, gesund und unversehrt, während deutsche Soldaten für ihn in seinem Land bis heute !!! den Kopf hinhalten oder sogar ihr Leben ließen. Wozu? Warum kämpft er nicht in seinem Land für Ziele, für die unsere BW-Soldaten dort ihr Leben ließen? Das erinnert mich an ein Sprüchlein aus dem „Teutschen Spruchbeutel“ : „Auf eines fremden Mannes Arsch ist gut durchs Feuer reiten.“

  3. Hermes Baraadri sagt:

    Seit 1979 herrscht in Afghanistan keinen Frieden. Die Revolution 79, die Machtkämpfe in der politischen Elite des Landes, die von Ex-UDSSR unterstützt und eingesetzt wurden. Dann der Einmarsch von 1981, was dazu führte, dass das Land zum Kampffeld von USA und Ex-UDSSR wurde. Da tauchte die so genannte Mujaheddin auf und dann nahm die Tragödie ihren Lauf. Die Mujaheddin von Gestern, die im Grunde genommen Kriegstreiber, Stammesführer und Religionsführer waren, haben den Jihad gegen Gottlosen auf den Plan gerufen, bevor Hisbollah in Libanon überhaupt ins Leben gerufen wurde. Ihr Bewusstsein war nicht gestrickt von der Sehnsucht nach Freiheit, Menschenrechte und „Befreiungskampf“. Das hat man auch gesehen, als sie in Mitte der neunziger Jahre die Macht an sich rissen, dafür aber Kabul bombardierten, da aus Verbündeten Feinde wurden. Taliban war zum Teil das Ergebnis der Politik der verbrannten Erde der Mujaheddin. Dann der Einmarsch der Amerikaner und das Zäsur der 11 September 2001. Nun sind die alten Werwölfe wieder an der Macht. Das Land implodiert und stellt nochmal unter Beweis, dass die Demokratie kein Export- oder Importartikel ist, sondern ein sehr komplizierte Transformation, die sozio-kulturell absorbiert werden muss von Massen. Aber die Massen sind entweder auf die Flucht oder machtlos der alten Traditionen und Autoritäten ausgeliefert. Die Tragödie des Landes zeichnet sich auf Minenfelder ab, die das Land bedrohen. Die Sicherheit, Ordnung und Sozialer Frieden sind Werte, die in Afghanistan als vermiest gelten. Es ist unbeschreiblich, wie die Afghanen, die nach Deutschland geflüchtet sind und oder Eine einfache Ablehnung erhalten haben, in Angst und Ungewissheit zurzeit leben. Die Angst, die das Gesetz zur „besseren Durchführung von Ausreisepflichtigen“ ihnen einjagt, verstärkt die Tendenz zur Depression, zum Selbstmord und treibt sie in Verzweiflung und Panik. Den Körper als Mittel zum Zweck einzusetzen, ist aber der Ausdruck der Perspektivlosigkeit und verraten sein. Den Körper aufs Spiel zu setzen, heißt das Leben auf Spiel zu setzen. Das impliziert aber, dass der Körper sich schon radikalisiert hat. Ein System, dass Männer und Frauen dahingehend radikalisiert, dass sie sich selbst an Wurzel greifen, kann nicht behaupten, human zu sein. Denn es radikalisiert ausgerechnet Asylsuchende, die sich der Radikalität der Unsicherheit, dem Inhumanen und dem Krieg entziehen wollen. Ausgerechnet das Rechtssystem, das sie in Radikalität treibt und verleitet, das Leben auf Spiel zu setzen oder wieder in Angst und Panik zu verfallen, ist das System, dass ihnen als Refugium erscheint. Diese Radikalität setzt dann einen Prozess in Gang, dass dazu führt dieses herbei ersehntes Refugium in Frage zu stellen. Denn ist es nicht wirklich klar, dass in Afghanistan der Friede nicht herrscht; oder dass schon man sein Leben riskiert, wenn man das Haus verlässt!
    Nun aber meint der Innenminister zu behaupten Deutschland ist sicher, auch wenn in Berlin Attentat ausgeübt wurde. Dieser prekären Logik nach heißt daher, dass dieser Satz auch Für Afghanistan gelte. Das ist das Algorithmus der Arroganz der Macht und der Inhumanität der Flüchtlingspolitik.
    Die Paradoxie schließt sich ab und nimmt Gestalt an: Die von Radikalen und Radikalität Geflüchteten werden im Strudel der Abschiebungskultur selber zu Radikalen, die nur die Selbstgefährdung verkörpern, denn sie verlieren das Vertrauen in das, was sie angezogen hat bzw. anzieht: Die Glaubwürdigkeit der Menschenrechte und Demokratie. Gerne gestehe ich ein: Die Ausweglosigkeit macht leichtgläubig und setzt Träume in die Welt hinein, die sich dann in Albträume verwandeln.

  4. Anna Caixa sagt:

    @Rudolf Stein Wie dem Artikel zu entnehmen ist, stammt der hier beschrieben junge Mann stamm aus dem Iran und der gehört der einer dort unterdrückten afghanischen Minderheit an. Mit den politischen Umständen in Afghanistan hat er also nicht zu tun. Auch hier ein Zitat: Wer lesen kann, ist klar im Vorteil!



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