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Migration und Integration in Deutschland

Wenn die deutsche Gesellschaft die Muslime toleriert, hat das noch nichts mit Gleichberechtigung zu tun.

Prof. Dr. Hans-Peter Großhans, MiGAZIN, 20. Januar 2010

Spanien & Deutschland

Zwei Länder, zwei Bildungsbiografien

Seit Jahrzehnten grübeln Sozialwissenschaftler darüber, warum Integration oder gar Assimilation in der einen Gesellschaft reibungslos verläuft und in der anderen holprig und noch in der zweiten oder dritten Generation zum Problem werden kann. Von Dr. Rodolfo Valentino

Füße, Freunde, Schuhe, Jungs, Jugendliche, Kinder
Zwei Freunde © Yasin Hassan @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONRodolfo Valentino

Dr. Rodolfo Valentino studierte an der Universidad Complutense de Madrid Sozialpsychologie und Verhaltenssoziologie, verbrachte ein Jahr an der Università di Firenze und schloss sein Studium der Sozialwissenschaften an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn ab. Anschließend promovierte er im Fachbereich Soziologie. Bis 2009 arbeitete er für die internationale Wirtschaftsuniversität "Escuela Superior de Negocios" in Spanien. Von 2009 bis 2011 war er im akademischen Team der Arbeitsagentur in Bonn tätig. Von 2011 bis 2014 nahm er an einem Projekt teil, das Angehörigen einer Bedarfsgemeinschaft psycho-sozial betreute und Integrationsprozesse einleitete. Von 2014 bis 2015 war er Leiter des Integrationszentrums des Kreises Euskirchen. Zurzeit leitet er die Stabsstelle "Sozialraummanagement, Migration und Inklusion" im "Bonner Verein für gemeindenahe Psychiatrie".

DATUM26. April 2017

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Das Erfolgsrezept liegt, wie in der neueren soziologischen Literatur zur Genüge analysiert, in der sozialen Inklusion als ein Prozess, in dem jeder Mensch in seiner Individualität von der Gesellschaft akzeptiert wird und die Möglichkeit hat, in vollem Umfang an ihr teilzuhaben.

Die folgenden beiden Biografien lassen stark vermuten, dass nordeuropäische Länder wie Deutschland sich schwerer als südeuropäische wie Spanien tun, weil „südländisches“ Aussehen (dunkle Haare, dunkle Augen, dunkle Hautfarbe) bei „Nordländern“ stärker auffällt und in seiner Bedeutung überbewertet oder gar übertrieben wird. Inwieweit das Aussehen in zwei unterschiedlichen europäischen Ländern zu gegensätzlichen Biografien bezüglich der Inklusion und Teilhabe führen kann, zeigen der 24-jährige in Spanien geborene und aufgewachsene Abdel M. und der in Deutschland seit seiner Geburt lebende 20-jährige Ayaz G.

Spanien/Málaga. Abdel M.

Abdel M., 24 Jahre alt, in Málaga geboren und aufgewachsen. Wenn man ihn nicht gerade in Begleitung seiner traditionell gekleideten Mutter sieht, hält man ihn für einen Andalusier. Seine Eltern stammen aus Marokko und sind in den 1990er Jahren nach Spanien eingewandert. In seiner Heimatstadt machte er Abitur und studierte Medizin. Da er die französische Sprache sehr gut beherrscht, hatte er sich überlegt, bei Verwandten in Frankreich seine medizinische Spezialisierung abzuschließen.

Bei einem Besuch rieten ihm seine Verwandten davon ab. Zu aufgeheizt sei das Thema „Einwanderung aus arabischen Ländern“ zurzeit und habe die französische Gesellschaft vergiftet. „Mir fiel auf“, gesteht Abdel M. „dass ich von vielen nicht-mediterran aussehenden Franzosen nicht gerade nett behandelt wurde, miss dem aber keine Bedeutung zu, weil ich ja Spanier bin. Dann wurde ich in Frankreich aber immer wieder darauf angesprochen, ob ich denn ein ‚reiner‘ Spanier sei. Das kam mir dann doch verdächtig vor. In Spanien wäre so etwas undenkbar.“

Wenn man gegen das spanische Antidiskriminierungsgesetz verstößt, indem man jemand als „moro“ oder „Sudaca“ beleidigt oder negative Konnotationen über „Blut oder Abstammung“ verbreitet, kann man mit einer Geldstrafe von bis zu 60.000 € geahndet werden. Für Abdel M. war das eine neue, unangenehme Erfahrung, weil er sich in Spanien noch nie Gedanken über sein Aussehen oder seine Abstammung machen musste.

Deutschland/Euskirchen. Ayaz G.

Anders als der circa 2.380 km entfernt lebende Ayaz G. in Euskirchen. Der 20-Jährige erzählt uns, dass alle seine Cousins und Cousinen in Istanbul Abitur gemacht und ein Studium absolviert haben. Er selbst ging zur Hauptschule, weil seine Eltern nach der Grundschule gar keine Chance gehabt hätten, ihn auf eine bessere Schule zu schicken.

„Während sich bildungsferne Eltern in der Türkei für ihre Kinder aufopfern und in ihre Schulausbildung der Kinder investieren, kommst du in Deutschland mit türkischem Migrationshintergrund sehr schnell auf die Haupt- oder Förderschule“. Leider deckt sich diese Aussage auch mit den bildungssoziologischen Studien zu bestimmten Migrantengruppen, weil Lehrer ihnen den Zugang zu den besseren Schulen verwehren. „Meine Verwandten in der Türkei überrascht das sehr, weil sie eigentlich eine ganz gute Meinung über Deutschland haben und denken, dass man hier viel mehr Bildungschancen hat“, führt Ayaz G. fort. „Meine Cousins finden es zum Beispiel toll, dass ich zweisprachig bin und auch Englisch sehr gut beherrsche.“

Ihm persönlich hat diese Mehrsprachigkeit wenig genutzt, weil er regelrecht von seinen Lehrern und den Berufsberatern der Arbeitsagentur in die „traditionellen“ Berufe wie Kfz-Mechaniker, Restaurantfachmann oder Einzelhandels-Kaufmann „hineinberaten“ wurde.

In zwei Monaten möchte Ayaz G. nach Istanbul gehen, um dort an einer „American Business-School“ den höheren Abschluss zu erlangen, der ihn in Deutschland verwehrt wurde. Danach möchte er als Hochschulabsolvent zurück nach Deutschland kehren. Aus bildungssoziologischer Sicht eine interessante Umgehung von stigmatisierenden und diskriminierenden Strukturen, die es Ayaz G. verwehrten, eine von seinem südländischen „Aussehen“ unabhängige Bildungsbiografie zu verfolgen.

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3 Kommentare
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  1. Ingo Straube sagt:

    Es werden immer wieder von Ihnen Artikel veröffentlicht, die durch andere Zeitungen praktisch nicht finden lassen. Ihre Themen reflektieren an konkretem Fakten die Nahtstelle zwischen Eingeborenen und Zugereisten, jeils sachlich mit kritischem Blick auf die Lebensverhältnisse.
    Prima

  2. President Obama sagt:

    Das Beispiel mit Ayaz hinkt m.E. gewaltig. In der Begleitung zahlreicher Flüchtlingskinder konnte ich nicht feststellen, dass irgendeine Schule den Zugang wegen der Herkunft verwehrt.

    Wer eine Gymnasialempfehlung hat, kann auch das Gymnasium besuchen.

    Derzeit finde sogar ein „Kampf“ um die Schüler statt. D.h. Schulen nehmen jeden auf, der gerade noch geeignet ist, damit man nicht von Schließungen und Streichungen bzw. Zusammenlegungen betroffen ist.

  3. Zoran Trajanovski sagt:

    Deutschland spielt auf Karte der verstärkte Nationalismus und tut in die Ausbildung Politik, wenn uns Migranten geht nur das Nötige. Ob es sich um erste, dritte oder sechste Generation hier Lebende Menschen handelt wurde für die Deutsche Nationalistische Politik gar keine Rolle spielen.Es wird alles in die Länge gezogen, d.h. man „spielt auf Zeit“
    und Hoft irgendwann alle Migranten vob D. zu vertreiben. Weshalb allso große Mühe geben…….
    Nur das notwendige.

    Vortsetzung; Deutschland ist ein Nation wo milionen abermilionen hervorragend Ausgebildeten Menschen hat. Deutschand galt immer als Ausgebildete Nation.
    Nun die maxime ; „Ausbildung ohne Bildung führt zu Wissen ohne Gewissen“ ist für den Deutschen Gesellschaft wie gemacht worden.
    Gewissen ist aber nach eineen Intelektuelen nicht delegiertbar.Von dem her ist wenig auf dieses Feld zu erwarten.



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