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Letztlich haben einige Industriestaaten ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften … dadurch gedeckt, dass sie bei der Einstellung von irregulären Arbeitsmigranten ein Augen zudrücken.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Zwischen Religion und Selbstbestimmung

Ausstellung „Cherchez la femme“ thematisiert die weibliche Verhüllung

Künstlerische Arbeiten zur Verhüllung von Kopf und Körper sind ab diesem Freitag im Jüdischen Museum Berlin zu sehen. Dabei geht es um die Frage, wie viel Religiosität säkulare Gesellschaften vertragen – und was Frauen selbst dazu sagen.

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Russisch orthodoxer Gottesdienst in Berlin, 2014 © Marija Mihailova (geb. 1989)

Im Video der Istanbul Modest Fashion Week 2016 tragen die Models auf dem Laufsteg zwar sehr figurbetonte Kleider – sind jedoch verschleiert. Labels aus Bahrain, Indonesien und Malaysia, aber auch Deutschland, Frankreich und Schweden stellen aus, wie sich religiöse Tradition und Mode ihrer Ansicht nach züchtig verbinden lassen. Zur Vorstellung der Ausstellung „Cherchez la femme: Perücke, Burka, Ordenstracht“ erschien die Programmdirektorin des Jüdischen Museums Berlin, Cilly Kugelmann, am Donnerstag mit schwarzem Fascinator, einer Art Haarreifen mit Schleife. Damit gingen modebewusste jüdische Frauen in England jetzt in die Synagoge, sagte sie. Fashion Week und Fascinator zeigen: Das Thema der weiblichen Kopfbedeckung ist komplex.

Das Museum inszeniert die 3.000 Jahre alte Verhüllung von Kopf und Körper ab Freitag mit 14 internationalen künstlerischen Arbeiten – Videos, Skulpturen, Installationen und Fotos – sowie etlichen Kleidungsstücken. „Cherchez la femme“ (Auf der Suche nach der Frau) liefert viel Hintergrund, erklärt den jüdischen Scheitel und das Tichel, die katholische Mantilla, den arabischen Niquab, die Al-Amira, die Burka und den Tschador. „Cherchez la femme“ sei keine feministisch orientierte Ausstellung, die urteile oder verurteile, sagte Kugelmann. „Wir erklären die Tradition so, wie sie sich selber sieht“, betonte Kuratorin Miriam Goldmann. Die Ausstellung sei „Kommentar zur Diskussion, nicht abschließende Bewertung“.

Tatsächlich bildet die Schau mit ihren vielen unterschiedlichen Kopfbedeckungen, Kleidungsstücken wie Burkinis und Fotos auf den ersten Blick vor allem ab, ohne zu werten. Kritische und auch selbstironische Perspektiven kommen auf den zweiten Blick zum Zug – in Videos, in denen Frauen sich selbst pro oder kontra Kopftuch äußern. Fast automatisch fokussiert sich „Cherchez la femme“ dabei auf den Islam – der Kleidervorschriften als religiöses Gesetz indes auch nicht kennt.

Doch während orthodoxe Jüdinnen mit einer Kopfbedeckung zeigen, dass sie verheiratet sind, und christliche Frauen nur noch als Braut oder bei päpstlichen Audienzen mit Schleier zu sehen sind, ist das von vielen Musliminnen getragene Kopftuch zum Symbol geworden: Es wird im Westen als Sinnbild der Unterdrückung der Frau und häufig als Zeichen für mangelnden Integrationswillen verstanden.

Entsprechend widmet sich ein Teil der Ausstellung dem Thema Kulturkonflikte, erinnert an die Burkini-Debatte im Sommer 2016, zeigt Medienschlagzeilen zu internationalen Vorstößen für mögliche Burka-Verbote, illustriert auf einer Weltkarte, wo muslimische Kleidung in der Öffentlichkeit verboten ist. Zu zeigen gibt es viel, europäische Gesellschaften diskutieren seit den 1990er Jahren, wie viel öffentliche Religiosität säkulare Gesellschaften vertragen.

Jüngste Ergebnisse: Österreich verbot erst vor einigen Tagen die Vollverschleierung von Frauen im öffentlichen Raum. Mitte März entschied der Europäische Gerichtshof in Luxemburg, Arbeitgeber dürften religiöse Zeichen im Job verbieten. Das Bundeskabinett beschloss Ende 2016 ein Burka-Teilverbot. Die Burka „passt nicht zu unserem weltoffenen Land“, betonte Bundesinnenminister Thomas de Maiziere (CDU).

Auch innerhalb der Religionen wird gestritten: Britische Rabbiner diskutierten etwa, ob der durch Herzogin Kate Middleton populär gewordene schmale Fascinator, der den Kopf kaum bedecke, koscher sei, sagte Kugelmann. Die Programmdirektorin mahnte am Donnerstag übrigens mehr Gelassenheit an. Ihrer persönlichen Meinung nach ist die Debatte zumindest um die Burka in Deutschland überflüssig, weil man voll verschleierte Frauen hierzulande kaum sehe: „Das ist ein absurder Kampf gegen Windmühlen.“ (epd/mig)

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2 Kommentare
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  1. Magistrat sagt:

    Hoch interessante und notwendige Ausstellung, die hoffentlich all jenen die Augen öffnet, die das Kopftuch so gerne mit Verweis auf die „christlich-jüdisch-abendländische Tradition“ aus der Öffentlichkeit verbannen wollen.

    Zu Kates koscherer Kopfbedeckung:

    „Indeed, not all synagogues or rabbis agree on the legitimacy of the fascinator as a head covering. Some synagogues in England — where fascinators have enjoyed long-running popularity, even prior to the ‘Kate effect’ — explicitly state the headwear is not permitted.

    For example, the website at the Borehamwood and Elstree Synagogue, just outside London, states: “All Jewish married ladies must wear a hat or other head covering (not just a ‘fascinator’) while in the Synagogue.”

    (http://jewishweek.timesofisrael.com/the-kate-middleton-effect-on-synagogue-fashion/)

    Wie verlogen der Kopftuch-Diskurs doch ist, und keinem fällt es auf…

  2. Hanna sagt:

    Sehr viele orthodoxe jüdische Frauen tragen nach ihrer Heirat Kopftücher (oder Hauben, Hüte, Mützen), um ihre Haare zu bedecken. Es gibt genügend orthodoxe Gruppen / Rabbiner, die Perücken keineswegs als „Kopfbedeckung“ akzeptieren.



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