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Migration und Integration in Deutschland

Wir haben in dieser Woche gerade einige Gesetze verabschiedet – zum Beispiel gegen die Scheinehe. Und wir wollen damit deutlich machen, dass wir solche Zwangsverheiratungen zum Beispiel nicht billigen.

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Video-Podcast der Bundeskanzlerin #35/10 vom 30.10.2010

Armutsbericht

Migranten überdurchschnittlich von Armut bedroht

Es gibt mehr Jobs und eine gute wirtschaftliche Lage, dennoch steigt die Armutsquote. Sozialverbände schlagen Alarm und fordern eine politische Kehrtwende, um arme Menschen zu unterstützen. Bei Ausländern und Migranten gibt es im Langzeitvergleich leichte Verbesserungen.

Euro © Alf Melin @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG
Euro © Alf Melin @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Die Zahl der armen Menschen in Deutschland hat laut Sozialverbänden einen neuen Höchststand erreicht. Wie aus einem am Donnerstag in Berlin vorgestellten Bericht von zehn Organisationen hervorgeht, lag die Armutsquote im Jahr 2015 bei 15,7 Prozent. 2014 betrug die Quote 15,4 Prozent. Dem Bericht zufolge leben damit rund 12,9 Millionen Menschen in Deutschland unterhalb der Einkommensarmutsgrenze. Die Sozialverbände forderten eine politische Kehrtwende und mehr Einsatz für soziale Gerechtigkeit.

Der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbands, Ulrich Schneider, sprach von einem neuen negativen Rekordwert seit der Wiedervereinigung. Er bezeichnete Berlin und das Ruhrgebiet als „armutspolitische Problemregionen“. Im Zehn-Jahres-Vergleich sei die Quote in allen ostdeutschen Bundesländern mit Ausnahme Berlins gesunken, heißt es in dem Bericht. Gleichzeitig stieg die Quote in den westdeutschen Ländern. Ausnahmen sind Hamburg und Bayern.

Zudem kommen die Herausgeber des Berichts zu dem Schluss, dass die Armutsquote bei allen bekannten Risikogruppen im Vergleich zum Vorjahr gestiegen ist. Bei Erwerbslosen liegt sie bei 59 Prozent, bei Alleinerziehenden bei 44 Prozent, bei kinderreichen Familien bei 25 Prozent. Schneider wies in diesem Zusammenhang auf die Lage der Rentner hin. Zwischen 2005 und 2015 stieg ihre Armutsquote den Angaben zufolge von 10,7 Prozent auf 15,9 Prozent.

Migranten überdurchschnittlich von Armut bedroht

Bei den eingewanderten Menschen und ihren Nachkommen lag die Armutsquote im Jahr 2015 bei 27,7 Prozent, während sie bei der restlichen Bevölkerung bei 12,5 Prozent lag. Lediglich im Zehnjahresvergleich ist bei Migranten eine leichte Erholung von 1,8 Prozent zu beobachten. Bei den Kindern unter 6 Jahren liegt die Quote bei 31,1 Prozent gegenüber 13,7 Prozent, was eine Differenz von mehr als 17 Prozentpunkten bedeutet: jedes dritte Kind der Gruppe der Eingewanderten ist von Armut bedroht.

Auch bei den Menschen im Alter zwischen 35 und 45 Jahren weisen beide Gruppen einen Unterschied auf. Etwa 24,7 Prozent der Gruppe mit einer Einwanderungsgeschichte gegenüber 9,4 Prozent bei den Menschen ohne. Diese Personen haben zumeist eine geringere (oder nicht anerkannte) Qualifikation im Vergleich zu der restlichen Bevölkerung und sind häufig in unsicheren Arbeitsverhältnissen beschäftigt oder in Wirtschaftssektoren mit einer hohen Fluktuation. Bei den Menschen ab 65 Jahren ist die Lage nicht besser: 32 Prozent gegenüber 12 Prozent sind armutsgefährdet. Familien mit Kindern sind ebenso überdurchschnittlich arm mit 28 Prozent gegenüber 16 Prozent.

Verbände: Wohlstand muss ankommen

Unterstützt wurden die Forderungen der Sozialverbände von der Opposition. „Trotz guter Wirtschaftslage kommt der Wohlstand bei großen Teilen der Bevölkerung nicht an“, sagte der Sprecher für Sozialpolitik der Grünen-Bundestagsfraktion, Wolfgang Strengmann-Kuhn, dem Evangelischen Pressedienst (epd). Besonders erschreckend sei die hohe Kinderarmut, die steigende Altersarmut und die trotz Mindestlohn zunehmende Armut trotz Erwerbstätigkeit. Strengmann-Kuhn plädierte für eine Kindergrundsicherung, eine Garantierente und ein Garantieeinkommen für Erwerbstätige.

Die Linke forderte eine radikale Umverteilung von „oben nach unten“. „Es braucht ordentlich bezahlte Erwerbsarbeit, eine Aufwertung der frauentypischen Berufe, den Ausbau und die Demokratisierung von sozialer Infrastruktur und Dienstleistungen, eine Kindergrundsicherung für alle Kinder und Jugendlichen sowie eine solidarische Mindestrente“, erklärte die sozialpolitische Sprecherin der Linksfraktion, Katja Kipping.

Städtebund warnt vor undifferenzierten Bewertungen

Der Armutsbericht bezieht sich auf Daten aus dem Mikrozensus und bewertet die relative Einkommensarmut. Darunter fallen Menschen, die über maximal 60 Prozent des mittleren Einkommens verfügen. Die Verbände kritisieren unter anderem, dass bei Armutsanalysen das Haushaltseinkommen herangezogen wird. Damit fielen beispielsweise pflegebedürftige Menschen in Heimen sowie Wohnungslose aus der Statistik heraus.

Der Deutsche Städte- und Gemeindebund warnte indes vor „undifferenzierten Bewertungen“. Personen, die weniger als 60 Prozent des Durchschnitts aller Deutschen zur Verfügung haben, würden darin generell als arm bezeichnet, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg der „Neuen Osnabrücker Zeitung“ (Freitag). Diese Bewertung sage nichts über die tatsächliche Situation eines Menschen aus und bedeute schon gar nicht, dass diese „abgehängt“ seien. Besonders kritisch sehen die Kommunen die Bewertung von Studierenden, die aufgrund ihres geringen Einkommens als „arm“ gelten. Zudem lehnte der Verband Forderungen nach weiteren Sozialleistungen ab.

Mitherausgeber des Berichts sind neben dem Paritätischen Gesamtverband der Verband alleinerziehender Mütter und Väter, der Deutsche Kinderschutzbund, das Deutsche Kinderhilfswerk, die Interessenvertretung Selbstbestimmt Leben, die BAG Wohnungslosenhilfe, die Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie, der Bundesverband für körper- und mehrfachbehinderte Menschen, die Volkssolidarität und Pro Asyl. (epd/mig)

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Ein Kommentar
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  1. Kathrin sagt:

    Möglicherweise besteht auch ein Zusammenhang zwischen den Bildungsabschlüssen und dem späteren Einkommen. Wenn zum Teil 10% eines Jahrgangs keinen Schulabschluss hat, liegt due Vermutung nahe, dass die Chancen auf dem Arbeitsmarkt gering sind.



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