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Grauzonen

Wir führen die falsche Debatte, mit den falschen Leuten

Darf ein Schwarzer sein Restaurant „Zum Mohrenkopf“ nennen? Darf man heutzutage noch „Zigeuner“ sagen? Welche Begriffe sind heutzutage politisch inkorrekt? Von Sami Omar

Die Hinwendung zum Individuum als Wesen, das seine Identität in weiten Teilen selbst bestimmt, ist ein Phänomen unserer Zeit. Oft sind es die Großstädte, die die Freiheit verheißen sich seinen Bedürfnissen, seiner Kreativität und seiner Natur nach selbst definieren und nach Belieben verändern zu können. Wir nehmen uns die Freiheit, nicht nur uns selbst als urbane und transkulturelle Wesen zu sehen, sondern weiten unsere Selbstbestimmtheit auch auf unsere Betrachter aus, indem wir Ihnen Zuschreibungen kultureller Markierungen auf uns verbieten. Transkulturalität ist die Nichtbeachtung kultureller Grenzen und die Möglichkeit der Identifikation, Solidarisierung und Übernahme von Teilaspekten unterschiedlicher Kulturkreise. Da die Ränder dieser Kulturkreise in diesem Bild funktionell keine Exklusion des „Fremden“ mehr bieten, fürchten jene, die sich innerhalb der Kreise wähnen, die Nichtigkeit der Kreislinien. Sie halten noch zusammen, aber sie halten niemanden fern. Dieser Bedrohung begegnen viele mit einer idealisierenden Überhöhung kultureller Markierungen und Symbole aus dem eigenen Kulturkreis. Dieses Verhalten wird unter medialer Beeinflussung soweit positiv verstärkt, dass die Betonung des eigenen Vertrauten zur Waffe gegen das Fremde, vermeintlich Unbekannte gemacht wird. Kulturnarzissmus formt sich hier als Reaktion auf ein Diktat kultureller Freiheit und der Angst vor einem konstruierten Ausverkauf von kulturellen Merkmalen. Wer kann mir sagen, wer ich bin, wenn nicht mein Gegenüber – so könnte die Befürchtung lauten. Woran soll es mich noch erkennen?

Eben diese Überforderung durch die Aufgabe der Definition seiner selbst, durch sich selbst, begründet den kulturellen Narzissmus. Es ist der Verlust propriozeptiver  Wahrnehmung im kulturellen Raum, die die Angst begründet. Und sie wird verstärkt durch geschickte mediale Lenkung. Antworten auf offene Fragen würden zur Selbstversicherung der Verunsicherten führen. Weil diese Verunsicherung die Konsumenten aber fester und weiter an das entsprechende Medium bindet, gilt es, Fragen zu stellen, die die Verunsicherung aufrechterhalten und es möglich machen, die kulturelle Identitätsfrage zur Rhetorischen Frage an den Feind zu formulieren.

SZ-Magazin: In der Grauzone Darf ein Schwarzer sein Restaurant „Zum Mohrenkopf“ nennen? Darf ein Dachdecker namens Neger sein Logo mit Wulstlippen illustrieren? Und warum musste der Sarotti-Mohr weg? Eine Reise durch ein Land, das darüber streitet, wo Rassismus beginnt.

Stern: Darf man heutzutage noch Zigeuner sagen? Beim Wort Neger sind sich alle einig: Es hat in der deutschen Sprache nichts zu suchen. Gilt das auch für die Bezeichnung Zigeuner? Eine eindeutige Antwort gibt es nicht, das Problem ist kniffelig. Von André Depcke

Radio Hamburg: Welche Begriffe sind heutzutage politisch inkorrekt? Ob „Negerkuss“ oder „Rothaut“, damalige Begriffe gelten heutzutage als politisch inkorrekt und sorgen immer wieder für Diskussion.

RP-online: Wie bestelle ich ein Zigeunerschnitzel? Was darf man noch sagen, was nicht? Vor den Einwänden der „political correctness“ ist kaum ein Wort sicher. Doch man sollte einen kühlen Kopf bewahren. Von Bertram Müller

Allen Beispielen ist die Absicht gemein, die Fragen zunächst offen zu lassen. Dahinter steckt die Behauptung, die Frage solle einen Diskurs anstoßen. Absichtlich ausgelassen wird die Frage nach den Opfern verletzender Formulierungen. Die Debatte über verletzendes Verhalten wird also unter den Tätern geführt. Wenn hierzu potentielle Opfer befragt werden, bleiben medial meist nur zwei Möglichkeiten.  A) Die Personen äußern sich affirmativ und bestätigen somit die Behauptung, dass, was schon immer so gewesen sei, könne nun nicht „plötzlich“ als verletzend wahrgenommen werden. Vor allem ließe sich daraus kein Verbot ableiten bestimmte Symbole oder Begriffe zu verwenden. B) Oder die Person äußert sich kritisch, was zu einer Herabwürdigung und Diskreditierung dieser führt.

ad A) Bild: Nach Eklat bei „Hart aber fair“ – Roberto Blanco fühlt sich nicht beleidigt „Das Wort Neger war für mich nie ein Schimpfwort“

ad B) RP-Online: Alexaner Gauland. Im täglichen Umgang mit diesem und ähnlichen Begriffen habe ein „Irrsinn“ um sich gegriffen, der zeige, „dass hier eine sogenannte Kulturrevolution völlig übertrieben worden ist“. Rehabilitieren will der 75-jährige auch das „Zigeunerschnitzel“. Er selbst verwende immer noch das Wort „Zigeuner“, betonte Gauland. „Ich kann ja auch nicht die Operette „Der Zigeunerbaron“ in „Sinti-und-Roma-Baron“ umbenennen“, fügte er hinzu.

Derartige Debatten erfüllen also mehrere Funktionen, je nach dem, aus wessen Perspektive man den Diskurs betrachtet. Viele Medien Bilden das Thema unter der Vorgabe ab, Diskurse an stoßen zu wollen. Eine andere Begründung ist die, der gesellschaftlichen Relevanz. Weil es aber nahezu immer Debatten sind, die nicht von den Betroffenen geführt und angestoßen werden, reden hier bildlich gesprochen Sanitäter, Aggressoren und Schaulustige über das Opfer, welches zu ihren Füßen liegt. Die Behauptung, das Thema habe gesellschaftliche Relevanz ist an sich korrekt. Deshalb, weil die Pluralität der Gesellschaft Menschen verschiedener kultureller Traditionen und Hautfarben einschließt. Sie haben das Recht, nicht weniger vor Diskriminierung geschützt zu sein, als andere.

Menschen, die ihre kulturelle Identität und Freiheit durch Mahnungen zu Verhaltensweisen bedroht sehen, welche nicht verletzend für ihre Mitbürger sind, vergewissern sich durch abgrenzendes Verhalten zu den Opfern ihrer selbst. Sie brauchen die Worte und Taten, weil sie fürchten, sich in dem real existierenden Pluralismus auf zu lösen. Distinktive Merkmale wie Hautfarbe, oder Herkunft sind für sie keine Eigenschaften der Anderen, sondern mögliche Konturlinien ihrer eigenen Identität. Wer ihnen also nahe legt das N-Wort zu meiden, legt ihnen auch nahe, sich künftig durch sich selbst, statt durch die Betonung des Differenz zum Anderen zu definieren.

PI-News, WahrerSozialdemokrat: „Wir haben eine neue Sklavensprache. Sie wird uns zunehmend von selbsternannten Fürsprechern von Leuten, deren Sklaverei längst Geschichte ist, aufgenötigt.“