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Die Russlanddeutsche

Und trotzdem bin ich nicht Helene Fischer

Ja, Helene Fischer ist unser Star! Sie ist unser aller Stolz. Sie ist uns allen ein Vorbild. Es gibt nur sie! Die einzig Wahre. Die Helene Fischer. Sie ist unsere Stimme. Sie ist unser Symbol. Sie repräsentiert alle Russlanddeutschen. Alle. Wir können uns alle mit ihr identifizieren. Alle. Nur ich nicht. Ich bin nicht Helene.

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Katharina Martin © privat, bearb. MiG

VONKatharina Martin-Virolainen

Katharina Martin-Virolainen, gebürtig aus Karelien/Russland, siedelte im Jahr 1997 nach Deutschland über. Danach Schule, Abitur, Studium der Sprach-, Kultur- und Translationswissenschaften an der FTSK Germersheim, Johannes-Gutenberg Universität Mainz. Arbeitet seit 2004 ehrenamtlich auf dem Gebiet der Integration, Völkerveständigung, Kultur- und Jugendförderung - und mittlerweile auch beruflich. Schreibt in der Freizeit Prosa, Gedichte, Essays und Artikel für diverse russisch- und deutschsprachige Zeitschriften. Internetpräsenz: martikat.de, oder auf Facebook

DATUM16. Februar 2017

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Natürlich bewundere ich Helene Fischer! Das ist ja DIE Russlanddeutsche! Sie hat es geschafft! Eine wunderschöne Frau, äußerst talentiert, großartige Stimme, tolle Performerin. Ja, eine richtige Rampensau – wenn man es sogar so bisschen grob ausdrücken darf.

Ja, Helene Fischer ist unser Star! Sie ist unser aller Stolz. Sie ist uns allen ein Vorbild. Es gibt nur sie! Die einzig Wahre. Die Helene Fischer. Es gibt nur Helene Fischer und sonst niemanden anderen. Sie ist unsere Stimme. Sie ist unser Symbol. Sie repräsentiert alle Russlanddeutschen. Alle. Wir können uns alle mit ihr identifizieren. Alle. Nur ich nicht. Ich bin nicht Helene.

Vielleicht bin ich die einzige, die diesem Helene-Wahn jetzt trotzt. Auch wenn, ist mir egal. Ich ertrage es bloß nicht mehr. Ich bin es leid. Sobald es um Russlanddeutsche geht, hört man als allererstes den Namen „Helene Fischer“. Das ist allen ein Begriff. Als ob es unter unseren drei Millionen sonst niemanden mehr gibt. Wie kann man drei Millionen auf eine einzige Person reduzieren???

Ich bin es leid Helene Fischer mögen zu müssen. Warum muss ich sie mögen? Nur weil sie zufällig auch in der Sowjetunion geboren ist, wie ich? Weil unsere Vorfahren das gleiche Schicksal hatten? Ist das etwa das einzige Argument? Mehr gibt es nicht zu bieten?

Für mich ist Helene Fischer nichts weiter als eine Sängerin. Eine von vielen. Unendlich vielen deutschen Sängerinnen, die ich ganz toll finde, aber mehr auch nicht! Ich bin so oft unterwegs und Ihr könnt Euch gar nicht vorstellen, wie präsent Helene Fischer überall ist. Dort, wo es um Deutsche aus Russland geht. Ob kulturelle, politische oder wissenschaftliche Veranstaltungen: Helene Fischer ist das Maß aller Dinge, scheint mir so. Wie leid ich das bin, dass bei diesen Veranstaltungen Videos und Audios von Helene Fischer abgespielt werden und wir müssen uns freuen, jauchzen und am besten Rückwärtssalto machen, weil unsere Helene, die Göttin aller Russlanddeutschen, auch wenn nur durch Audio oder Video – aber anwesend ist!

Wie oft habe ich mich dazu gezwungen, sie zu mögen. Ich habe ihre Videos im Internet und Konzerte im TV angeschaut. Aber es tut mir leid. Ich spüre nichts. Es ist eine absolute Leere, wenn ich sie sehe oder höre. Sie hat ganz nette Lieder. Nein, sie hat sogar ein paar ganz großartige Lieder! Aber erstens ist das überhaupt nicht meine Musikrichtung. Allgemein nicht. Ich kann sie hin und wieder mal hören, aber nicht durchgehend. Zweitens, sie möge doch bitte aufhören auf Russisch zu singen. Und ukrainisch bitte auch gleich lassen. Das ist wirklich teilweise grenzwertig. Dieses erzwungene „Russischsein“. Wenn sie Russisch singt, dann klingt meine Muttersprache so seelenlos, dass ich am liebsten mein Handy bzw. Notebook verschrotten möchte. Show, Show, Show. Kein Herz, kein Gefühl, nicht einmal eine gescheite Aussprache… Aber abgesehen von phonetischen Schwierigkeiten – sie spürt diese Musik einfach nicht. Es ist eine furchtbare Verzerrung von russischer Musik. Dem Sinn und Inhalt der russischen Seele. Dieses Herumgehopse und dieses Herumzucken, aber die Massen toben! Und das ist was zählt.

In meinen Augen ist Helene keine Repräsentantin unserer Volksgruppe. Ich bin nicht Helene. In keinster Weise. Es gibt nichts, was ich dieser Frau abgewinnen kann. Und es macht mich wütend, dass wir alle nur auf diese eine Person reduziert werden. Gibt es doch so viele russlanddeutsche Kulturschaffende, die unsere Volksgruppe in einem viel besseren Licht präsentieren.

So viele Künstler russlanddeutscher Herkunft, aber sie scheinen alle im Schatten von Helene unterzugehen. Diejenigen, die sich wirklich für die Belange unserer Landsleute einsetzen. Diejenigen, die uns eine Stimme geben, die Fahne hochhalten, sich ihrer Herkunft nicht schämen und Probleme offen ansprechen. Diejenigen, die ich anschaue und mir denke: Ja, so bin ich!

Wenn, dann bin ich eine HelenA. Eine Helena, die mit solch einer Sehnsucht das Lied von der Wolga singt, sanft in die deutsche Sprache wechselt und uns von der Schönheit des Rheins erzählt. So einfühlsam und mit so viel Herz und Seele, dass ich nicht anders kann als zu weinen. Die Tränen fließen wie auf Knopfdruck, denn diese Frau berührt mich mit ihrer Stimme. Wenn sie zu singen anfängt, dann erzählt sie eine Geschichte, sie malt uns Bilder mit ihrer Stimme, nimmt uns auf eine Reise mit… und du bist wie gelähmt, denn du spürst – sie versteht dich, sie versteht ganz genau, was du fühlst. Denn auch sie fühlt diese Sehnsucht. Diesen Schmerz. Diese Zerrissenheit. Und du glaubst ihr. Denn sie ist den gleichen Weg wie du gegangen. Ich schaue sie an, ich höre ihr zu und ich verschmelze mit ihr… Ja, wenn, dann bin ich eine HelenA.

Oder wenn, dann bin ich eine Anna. Eine mutige und leidenschaftliche Anna. Eine Anna, die für ihre Idee brennt und sich Hals über Kopf in ihr Schaffen stürzt. Eine Anna, die einen Film gedreht hat! Man möge sich das nur vorstellen! Eine Anna, so energisch und temperamentvoll, dass die Funken nur so sprühen! Meine Güte, das ist die Frau, die – wie man im Russischen so schön sagt – in ein brennendes Haus geht und ein galoppierendes Pferd aus dem Stehen heraus anhalten kann! Mit dieser Anna würde ich sogar eine Revolution anzetteln, ohne jegliche Bedenken! Ja, wenn, dann bin ich eine Anna!

Oder eine Eleonora. Wenn, dann bin ich auch eine Eleonora. Die weise, die würdevolle. Sie fesselt dich durch geschriebene Worte genauso wie durch gesprochene. Sie ist wie ein starker Fluss. Wie die Wolga. Wie der Rhein. Eine unglaubliche Kraft strömt aus ihrem Inneren. Und sie reißt dich mit und wirbelt dich umher, sie schmeißt dich auf ihren Wellen hoch und legt dich behutsam auf dem Ufer ab. Wenn, dann bin ich eine Eleonora. Weil ihre Stimme so tief in meine Seele dringt. Weil sie meine Welt versteht. Und weil sie ihrer Welt treu bleibt.

Wenn, dann bin ich sogar ein Mann. Ein Wendelin. Ein starker und weiser Mann, der mit seiner Stimme verzaubert, verwundert, verwirrt. Wenn, dann bin ich Wendelin. Wendelin, der Wasserfall. Ein Wasserfall aus Buchstaben, Silben, Worten, Sätzen… Gedichten, Geschichten, Aphorismen, Theaterstücken und allen anderen möglichen Schriften! Wenn, dann bin ich Wendelin, der seine Herkunft nicht verleugnet, sich der Gegenwart stellt und der Zukunft öffnet. Eine starke Stimme, welche die Weisheit der Vergangenheit, die Versöhnung mit der Gegenwart und die Neugierde auf die Zukunft, vereint.

Oder wenn, dann bin ich Heinrich. Ein fantasievoller Heinrich, der die Geheimnisse der anderen Welten zu wissen scheint. Das, was uns verborgen ist, scheint er schon längst herausgefunden zu haben. Er, so still, wie die kasachische Steppe in der Nacht. Doch in seiner Sprache so leidenschaftlich und feurig! Ein Universum in einer Person. Ein Heinrich, der so viele überirdische Elemente in sich vereint. Ein Heinrich, der so erdgebunden ist. Jemand, der so voller Liebe zur Natur und zu Menschen ist. Und er liebt in seiner Sprache so stark, dass man sich beim Lesen aufzulösen scheint.

Und so könnte ich endlos weitermachen… Denn das sind für mich die Stimmen der Deutschen aus Russland. Sie alle. Es sind so unglaublich viele. Für jeden gibt es irgendwo die passende Stimme.

Aber ich bin nicht Helene. Und ich bin auch nicht die einzige, die so denkt und fühlt. Der Unterschied ist nur, dass ich gerne und oft laut denke.

Ich habe nichts gegen Helene Fischer. Ich finde sie nach wie vor toll. Bald ist Fasching und ich werde zu ihren Liedern genauso abtanzen, wie alle anderen. Sie ist für mich die Schlagerkönigin. Aber nicht die Königin der Russlanddeutschen. Und Punkt.

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5 Kommentare
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  1. Zar Peter sagt:

    Liebe Katharina Martina, was soll dieses hälinge, seitenlange Stutenbeißen gegen Jelena Petrowna Fischer? Wahrscheinlich verfügt sie über all‘ die guten Eigenschaften, die Du (noch) nicht hast:
    1. natürlich ist sie einzigartig, 2. natürlich kann ihr keine(r) das Wasser reichen, 3. natürlich ist sie derzeit die Größte im deutschen Showgeschäft! Bei allem ist sie bodenständig und authentisch geblieben – ein starker Charakter! Sie ist Katharina, Anna, Eleonora, Wendelin und Heinrich zugleich, Du hast es nur noch nicht gemerkt.
    Geh‘ also in Dich und denk‘ mal über Deine eigenen Unzulänglichkeiten nach, das wär’s wohl.

  2. Attila sagt:

    Liebe Anna
    Anscheinend haben sie ein Problem damit. dass sie Russlanddeutsche sind. Helene nicht, sie ist mit 4 Jahren mit der kompletten Familie in die BRD umgezogen und das wars. Sie ist Deutsche genau wie sie. Helene hat durch ihre Popularität geholfen, den hier ansässigen Deutschen, (besonders die junge Generation) erst mal den Begriff „Russlanddeutsche“ zu erklären. Was Stalin damals mit den Wolga-Deutschen gemacht hat, ist heute weitgehend unbekannt und viele aus dem Bekanntenkreis meiner Söhne (3) haben erst einmal auf mein Anraten hin den Begriff gegoogelt.
    Ich bin 76 und daher etwas in der früheren Geschichte der beiden Völker Russen und Deutsche bewandert.
    Ich werde am 17. Oktober 2017 in der SAP-Arena in Mannheim wie einige andere Tausend Fans mit Helene feiern, denn das kann man ihr nicht absprechen:
    Sie kann tanzen, sie ist eine perfekte Akrobatin, sie hat eine tolle Stimme und selbst die Frauen meiner Söhne geben es neidlos(?) zu: sie ist eine schöne Frau.
    Warum belassen sie es nicht dabei ? Gehen sie doch selbst einmal auf ein Konzert ! (wenn sie noch Karten bekommen) Wünschen ihne einen schönen Tag
    mfG
    Horst Horn
    http://grossmarkt.xobor.de

  3. Karla sagt:

    Den Wolgadeutschen ging es sehr schlecht, sie sind nach Sibirien deportiert worden. Da sollte man ganz leise sein und eine Helene Fischer neidlos bewundern.

  4. Nadja sagt:

    Wie kommen Sie darauf, dass ALLE alle Russlanddeutschen auf Helene Fischer reduzieren? Kennen Sie ALLE? Sie machen in ihrem Artikel genau dass, was sie selbst bemängeln. Nämlich ALLE über einen Kamm scheren.

  5. Han sagt:

    Die Kritik Katharina Martin-Virolainen ist zutreffend. Die deutsche Migrationsforschung hat ein ernsthaftes Problem mit Homogenisierung von Fremden. Rußlanddeutsche ist ein Sammelbegriff und wird der komplexen Geschichte deutscher Auswanderung nicht gerecht. Das Denken in nationalen Kategorien hilft nicht weiter. Ich bin mir ziemlich sicher, dass die deutschen Siedler ursprünglich eine religiöse Identität hatten. Erst durch Konfrontation mit Diskriminierung entwickelten sie eine deutsche Identität. Möglicherweise wurden sie sogar noch früher zu Deutschen als die Deutschen auf dem Boden des Deutschen Reiches, die sich als Bayern, Westfalen, Frankfurter etc. empfanden.

    Ein Vergleich der deutschen Siedler mit den englischen Siedlern wäre interessant. Von der britischen Kolonisation wissen wir, dass die britische Identität durch pädagogische Praktiken an kolonialen Untertanen ausformuliert wurde und später auf die britischen Inseln re-importiert wurde. Deutsche Siedler waren abgesehen von einigen deutschen Kolonien meistens in einer nicht-dominanten Position gegenüber den Engländern.

    An der Analogie zwischen weißen Engländern und weißen Deutschen glaube ich nicht. Die Critical Whiteness/People Of Color Diskurs-Elite glaubt felsenfest daran, dass die deutsche Kolonialvergangenheit die deutsche Identität ebenso tiefgreifend als Weiße geprägt hat wie es bei der englischen der Fall ist. Aber ich kann außer Beutekunst und einigen Straßennamen, die nach kolonialen Völkermörder benannt wurden, kaum eine Erinnerung an die deutsche Kolonialzeit ausmachen. Es gibt kaum postkoloniale Einwanderung von Namibia Deutschen. Jedoch haben wir eine bemerkbare Einwanderung von „Rußlanddeutschen“.

    Ich bin mir ziemlich sicher, dass wir uns die Beschäftigung mit einer antirassistischen weißen Identität sparen können, und uns besser mit dem Heben von multiplen Identitäten bei „Rußlanddeutschen“ beschäftigten sollten. Es wäre ein Wunder, wenn es bei diesen Bevölkerungsgruppen nicht ein Nebeneinander von religiösen, regionalen und primordialen Identitäten gäbe.

    Eine eingehendere Beschäftigung mit „Rußlanddeutschen“ bringt dem einzelnen Wissenschaftler nicht mehr Zitate von US Wissenschaftlern, die gerne ihre ethnische Stratifikation auf der ganzen Welt wiedererkannt sehen wollen. Jedoch denke ich, es spiegelt die wahre Lage des Landes wesentlich besser wieder.

    Zudem sollte man ernsthaft darüber nachdenken, wie wir die BRD als „Land der Mitte“ positionieren. Die Volksgruppen-Politik der NSDAP hat die deutschen Minderheiten ernsthaft in Gefahr gebracht – teils mit eigenen Zutun. Die Versöhnungspolitik muss auch eine Kulturpolitik für deutsche Minderheiten beinhalten,so dass auch sie ohne Angst verschieden zu sein in Zwischeneuropa und Rußland leben können. Die britische Regierung hat dafür Britpop instrumentalisiert als Aushängeschild eines progressiven und lebenslustigen Großbritanniens, Japan macht es mit der Manga & Anime Kultur. Was hat Deuschland ?



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