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Die Umstellung darauf, dass jetzt die Ausländer die Überlegenen sind, da sie wenigstens einen Arbeitsplatz besitzen, ist für viele nicht nachvollziehbar.

Friedrich Landwehrmann, Strukturfragen der Ausländerbeschäftigung, 1969

Warten im Kirchenasyl

„Alles ist besser als Afghanistan“

Der 22-jährige Hasib Afzali lebt seit einigen Wochen im unterfränkischen Haßfurt im Kirchenasyl. Im Dezember entging er seiner Abschiebung und hofft nun nach Jahren der Ungewissheit auf eine neue Lebensperspektive.

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Ein Kirchenturm © H. Füller @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Kirchenasyl, das sei „wie ein Gefängnis“, sagt Hasib Afzali. Der 22-jährige Afghane lebt seit einigen Wochen im evangelischen Haßfurter Pfarrhaus. Dorthin ist der Wahl-Münchner vor seiner drohenden Abschiebung geflüchtet. „Jedes deutsche Gefängnis ist besser als Afghanistan“, sagt er: „Alles ist besser als Afghanistan.“ Mit 14 Jahren ist er von dort geflohen – vor einer blutigen Familienfehde und der immer brutaleren Gewalt in seiner Heimat. Nach zwei Jahren Flucht kam er in Deutschland an. Asyl aber erhielt er nicht, stets war Afzali nur geduldet.

Die Tage im Haßfurter Kirchenasyl ziehen sich, sagt Afzali. Vormittags erhält der junge Mann zusammen mit zwei Jesiden aus dem Nordirak montags bis freitags eine Stunde Deutschunterricht, danach treibt der passionierte Fußballer eine Stunde Sport – das, was man in einem kleinen Zimmer so an Sport machen kann: Liegestütze, Hanteltraining und so weiter. „Danach lese ich ein bisschen“, erzählt er. Und dann verbringt er natürlich viel Zeit im Internet: „Ich würde mir wünschen, einfach wieder arbeiten gehen zu können.“ Zuletzt war er als Bagger- und Staplerfahrer beschäftigt.

Kirchenasyl nicht überstrapazieren

Die evangelische Kirchengemeinde im unterfränkischen Haßfurt ist Kirchenasyl-erprobt. Insgesamt zehn Menschen habe man in den vergangenen Monaten bereits Asyl gewährt, sagt Pfarrerin Doris Otminghaus. Drei davon leben aktuell noch im Pfarrhaus, eine Etage unter der Pfarrersfamilie. Mitte Dezember erlangte die Gemeinde überregionale Bekanntheit, weil sie – als Reaktion auf die erste großangelegte Sammelabschiebung der Bundesrepublik nach Afghanistan – Hasib Afzali bei sich aufgenommen hatte, der mit im ersten Sammel-Abschiebe-Flugzeug sitzen sollte.

„Wir überlegen uns jedes Mal sehr genau, ob wir jemandem Kirchenasyl gewähren“, sagt die evangelische Theologin. Kirchenasyl sei juristisch schließlich heikel und werde von den Behörden nur geduldet: „Das darf man natürlich nicht überstrapazieren.“ Man nehme nur Menschen auf, die eine Bleibeperspektive in Deutschland haben oder denen bei Abschiebung in andere Länder körperliches oder seelisches Leid droht.

Bayern hält an Sammelabschiebungen fest

Für die Haßfurter Pfarrerin Doris Otminghaus sind nicht nur Abschiebungen nach Afghanistan ein Problem: „Ich finde schon mal gut, dass viele Bundesländer die Mitte Dezember gestartete Praxis der Sammelabschiebung wieder ausgesetzt haben – Bayern allerdings leider nicht.“ Aber auch die Dublin-Abschiebungen etwa nach Bulgarien, Kroatien und Ungarn seien nicht hinnehmbar. „Menschenrechte gelten für Flüchtlinge dort nicht“, sagt die Theologin: „Viele geflüchtete Menschen berichten von Willkür, Misshandlungen und Gefängnis.“

Kirchenasyl ist vor allem für die Geflüchteten hart. Im Haßfurter Fall ist es auch für die Pfarrersfamilie mit Einschränkungen verbunden. „Ich habe mein Büro vom Erdgeschoss in unsere Wohnung im ersten Stock verlegt“, sagt Otminghaus. Weil im Erdgeschoss eigentlich keine Wohn-, sondern Büroräume sind, teilen sich die drei jungen Männer mit der Pfarrersfamilie das Badezimmer. Kirchenasyl sei „eine sinnvolle Aufgabe, die die Kirche in der ganzen weltweiten Fluchtbewegung übernehmen kann – auch, weil sie sonst keiner übernehmen kann“, findet die 56-jährige Pfarrerin.

Schleppen von Duldung zu Duldung

Staatliche Entscheidungen mit dem Kirchenasyl in Härtefällen zu korrigieren sei notwendig: „Es ist schockierend, dass Afghanistan zum sicheren Herkunftsland erklärt wurde, obwohl dort Krieg herrscht“, sagt Otminghaus. Aber auch die Jahre in Deutschland waren für Hasib Afzali zermürbend. Von Duldung zu Duldung hat er sich geschleppt, immer mal wieder wurde ihm als Geduldeten die Arbeitserlaubnis entzogen, wurde er zum Nichtstun und zum Beziehen staatlicher Leistungen verdammt, „obwohl ich doch arbeiten kann und will“, sagt er. Als man ihm dann im Dezember die Abschiebung androhte, war er völlig verzweifelt.

Die drei jungen Geflüchteten in Haßfurt brauchen nun vor allem Durchhaltewillen. Die beiden Jesiden müssen bis maximal August 2017 dort bleiben, ehe Deutschland deren Asylverfahren von anderen EU-Staaten im Rahmen des Dublin-Verfahrens an sich nehmen muss. Bei dem 22-jährigen Afghanen kann sich diese Frist bis März 2018 ziehen. „Wir hoffen in allen Fällen auf die Härtefallkommission, bei unserem Afghanen zudem auf die Petition seines Arbeitsgebers“, sagt Pfarrerin Otminghaus. (epd/mig)

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