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Zeitzeuge im Gespräch

Leon Weintraub: „Ich bin ein verschworener Optimist“

Leon Weintraub hat zahlreiche deutsche Konzentrationslager überlebt. Zum 72. Jahrestag der Befreiung kehrt er nach Auschwitz zurück. Seine Botschaft: Das Schlimmste ist das Vergessen.

MiGAZIN: Herr Weintraub, was geht in Ihnen vor, wenn Sie nach hier Auschwitz zurückkommen?

Leon Weintraub: Ich habe keine emotionalen Regungen, weder Erschrecken noch Trauer. Das soll aber nicht bedeuten, das ich gefühllos bin. Es gibt einige Orte, die in gewissen Momenten starke Regungen erwecken. Zum Beispiel, wenn ich die Barracken sehe, wo meine Schwestern untergebracht waren. Aber ich bin ein rationaler Mensch. Manchmal nehme ich kaum wahr, dass ich wirklich mit dabei war.

Was hat ihnen geholfen, das Erlebte zu überwinden?

Leon Weintraub: Das war die Lebensfreude, das Riechen, Schmecken, Sehen, Hören, Bewegen. Das ist fast schon mein Schlagwort geworden: Die Intensität des Jetzt muss so stark sein, dass sie im Stande ist, diese Erlebnisse zu überdecken, ohne sie zu verdrängen. Es soll keine schwarze Wolke über dem Kopf sein, die die Sonne abschirmt.

Haben Sie das Gefühl, dass sich die Art und Weise, wie wir uns heute an die NS-Verbrechen erinnern, verändert hat?

Dr. Leon Weintraub, 91, lebt mit seiner Familie ab 1939 im Ghetto in Lodz. Im August 1944 wird er mit seiner Familie nach Auschwitz-Birkenau deportiert, seine Mutter wird nach der Ankunft vergast. Es folgen weitere Konzentrationslager. Nach Kriegsende wird Weintraub Frauenarzt, praktiziert in Polen und migriert 1969 infolge des zunehmenden Antisemitismus nach Stockholm in Schweden, wo er heute noch lebt.

Leon Weintraub: Ich finde große Offenheit und Neugier vor bei den jungen Leuten. Ich würde aber gerne mal mit einer Gruppe NPD-Leute sprechen, um ihre Gedankengänge zu erfahren.

Was würden sie Ihnen sagen?

Leon Weintraub: Dass wir zu allererst als Menschen geboren werden. Und dass es nach allem heutigen Wissen keine Menschenrassen gibt. Wir sind eine Menschengattung, wir haben die gleiche DNA. Und Schluss. Unser Globus ist ein ein Krümelchen im Weltall und dann wird der noch unterteilt in Tausende verschiedene Gruppen, die sich gegenseitig anfeinden. Das ist doch Wahnsinn!

Und trotzdem werden rechtspopulistische Strömungen stärker, zum Teil auch mit Parolen aus der NS-Zeit. Was empfinden Sie dabei?

Leon Weintraub: Das macht mich traurig. Es tut mir Leid, dass so etwas noch vorkommen kann. Es ist kaum ein Geschehen in der Welt so wohl dokumentiert, wie der zweite Weltkrieg. Das einzige Land in Europa wo so konsequent und unerbittlich daran festgehalten wird, nichts unter den Teppich zu schieben, ist Deutschland.

Trump, Brexit, Rechtspopulismus in Europa. Viele antworten auf die Probleme der Globalisierung mit einem neuen Nationalismus. Wenn sie die aktuellen politischen Entwicklungen beobachten, könnte sich so etwas wie die NS-Herrschaft wiederholen?

Leon Weintraub: Ich bin ein verschworener Optimist. Und da diese Gruppe Minoritäten sind – zum Glück – bin ich überzeugt, dass die Demokratie stärker ist in der Mehrzahl der Länder. Auch wenn es Ausnahmen gibt, wie in Ungarn oder auch Polen. Aber sie sind ja noch in der europäischen Gemeinschaft und es gibt keine deutliche Bewegung, aus der EU auszutreten.

Sie erzählen seit geraumer Zeit in Schulen und anderen Einrichtungen, was ihnen widerfahren ist. Was treibt sie an?

Leon Weintraub: Es macht mir keinen Spaß. Aber es ist eine Genugtuung, dass ich vielleicht wieder eine Gruppe junger Menschen – vor allem in Deutschland – beeinflusst habe, den Holocaust anders zu sehen als nur durch Angelesenes. Die Berührung mit einem Menschen, der das selbst erlebt hat, die kann rein psychologisch einen gewissen Einfluss ausüben.

Warum ist das Gedenken auch heute noch so wichtig?

Leon Weintraub: Es soll eine Warnung und Mahnung sein, um alle Kräfte daran zu setzen, Strömungen, die in diese Richtung gehen, zu stoppen. Das war gegen die Menschenwürde. So etwas soll und kann nicht wiederholt werden. Vor einigen Tagen hat der Leiter der AfD in Thüringen gesagt, man solle die Geschichte um 180 Grad wenden und das Positive und Ruhmreiche der deutschen Geschichte unterstreichen. Aber das Vergessen wäre eine Ohrfeige an die Überlebenden, die das mitgemacht haben.