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Es sei denn, man würde die Lebensverhältnisse der Ausländer in der Bundesrepublik derartig nachhaltig verschlechtern, dass ein Leben am Rande des Existenzminimums in den Herkunftsländern vorteilhafter erschiene.

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979

Mein Berlin

Wir müssen mehr tun, als nur zu reden. Wir müssen handeln.

Es wird sie wieder geben. Jene, die den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin dazu nutzen wollen, die Gräben in unserer Gesellschaft zu vertiefen. Deshalb müssen wir mehr tun, als nur zu reden. Wir müssen handeln. Wir müssen uns um einander kümmern. Von Murat Kayman

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Trauer nach dem Anschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt

VONMurat Kayman

Murat Kayman, geboren 1973, Syndikusanwalt im DITIB Bundesverband und Koordinator der DITIB Landesverbände. Mehr von Murat Kayman gibt es in seinem Blog, auf Facebook und Twitter.

DATUM21. Dezember 2016

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RESSORTLeitartikel, Meinung

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Nur die unmittelbare Begegnung, die Nähe zum Anderen, das Miterleben seiner ihm eigentümlichen – gerade auch religiösen – Details das Verständnis füreinander und den Wunsch nach friedlichem Zusammenleben festigen kann. Denn Gleichgültigkeit ist der Nährboden für Ablehnung. In der Leere, die durch Distanz entsteht, gedeiht nichts Fruchtbares. In ihr keimt vielmehr der Drang nach Ausgrenzung, nach Entmenschlichung, letztlich nach Zerstörung. Diese Distanz müssen wir überwinden. Durch noch mehr Annäherung, Neugier aufeinander, aufrichtigem Interesse an der Lebens- und Glaubenswelt des Anderen.

Wir leben in Zeiten der rapide zunehmenden Polarisierung des Denkens und Handelns. Diese Trennlinien, die wir zwischen uns ziehen, verursachen immer größere Distanz und Leere. Sie wird von immer schrilleren, immer exzessiveren Gedanken gefüllt. In ihr hallt eine immer aggressivere Sprache wider, mit der das Eigene überhöht und idealisiert und das Andere immer extremer ausgegrenzt und herabgewürdigt wird. Das gilt für alle Hassprediger im öffentlichen Leben, in den klassischen und sozialen Medien, gleich welcher Gesinnung, gleich welchen Glaubens oder Nichtglaubens. Niemand ist davor gefeit. Niemand ist ein besserer Mensch, nur weil er dieser oder jener Gruppe angehört.

Es wird sie wieder geben. Jene, die durch Spekulationen und Theorien, durch politische Vorwürfe und Instrumentalisierung den Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin dazu nutzen wollen, die Gräben in unserer Gesellschaft zu vertiefen, noch mehr Distanz und Leere zwischen uns zu schaffen. Auch aus muslimischer Sicht wird es Distanzierungen geben. Sie sind zweifellos aufrichtig aber auch reflexhaft und mittlerweile auch ungenügend. Denn die Distanzierung von Gewalt und Terror reicht nicht aus. Denn auch diese Distanz hinterlässt eine Dunkelheit, eine Leere, die wieder durch andere willkürlich, destruktiv und segregierend gefüllt wird.

Wir brauchen mehr Nähe, wir müssen enger zusammenstehen. Wir müssen einander so intensiv kennen und vertraut miteinander sein, dass wir das Bedürfnis haben, uns umeinander kümmern zu wollen. Nur in dieser Nähe, dieser Vertrautheit wird es uns gelingen, zwischen uns so wenig Platz zu lassen, dass dort kein hasserfüllter Gedanke, kein zerstörerischer Impuls entstehen kann.

Der Täter des Anschlages in Berlin konnte diese Tat an diesem Ort nur deshalb verüben, weil er diesen Ort nicht kannte, nicht wusste, was diesen Ort ausmacht, was er in sich verborgen hält, was er über Generationen hinweg, über Glaubensgrenzen hinweg für uns alle bewahrt.

Direkt am Anschlagsort steht die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. In ihr befindet sich Kurt Reubers Stalingradmadonna. Kurt Reuber war ein evangelischer Pastor und Lazarettarzt. Weihnachten 1942, in verzweifelter Lage im Kessel von Stalingrad (Wolgograd) zeichnete er auf der Rückseite einer russischen Landkarte mit Holzkohle das Bild einer sitzenden Frauenfigur, in einem dunklen Mantel, mit dem sie ein kleines Kind umhüllt, es mit ihrer ganzen Gestalt schützt. Das Bild strahlt eine tiefe Ruhe und Geborgenheit aus.

Licht, Leben, Liebe

Es trägt die Umschrift: „1942 Weihnachten im Kessel – Festung Stalingrad – Licht, Leben, Liebe“.

Das Bild wird mit einer der letzten Transportmaschinen aus dem Kessel ausgeflogen und findet den Weg zu Reubers Ehefrau. In einem Brief an sie schreibt Reuben: „Das Bild ist so: Kind und Mutterkopf zueinandergeneigt, von einem großen Tuch umschlossen, Geborgenheit und Umschließung von Mutter und Kind. Mir kamen die johanneischen Worte: Licht, Leben, Liebe. Was soll ich dazu noch sagen? Wenn man unsere Lage bedenkt, in der Dunkelheit, Tod und Hass umgehen – und unsere Sehnsucht nach Licht, Leben, Liebe, die so unendlich groß ist in jedem von uns!“

Ein Jahr später, zur Adventszeit schreibt er ihr erneut, diesmal aus einem sowjetischen Kriegsgefangenenlager: „Schau in dem Kind das Erstgeborene einer neuen Menschheit an, das unter Schmerzen geboren, alle Dunkelheit und Traurigkeit überstrahlt. Es sei uns ein Sinnbild sieghaften zukunftsfrohen Lebens, das wir nach aller Todeserfahrung um so heißer und echter lieben wollen, ein Leben, das nur lebenswert ist, wenn es lichtstrahlend rein und liebeswarm ist.“

Reuber hat, wie er auch selbst schreibt, die Worte aus dem Johannesevangelium im Sinn. Indem er die Personalpronomen und die bestimmten Artikel in den dortigen Versen weglässt, nimmt er – vermutlich unbewusst – den Worten den konfessionellen, den exklusiven Charakter und macht sie zugänglich für alle Menschen, jeden Glaubens oder auch Nichtglaubens. Er gibt den Worten eine uns alle umhüllende, Geborgenheit und Trost spendende Wirkung. Er gibt der menschlichen Sehnsucht nach Licht, Leben und Liebe eine universelle Dimension und gleichzeitig eine sehr intime, sehr persönliche Wirkung für jeden Betrachter, der sich auf dieses Bild einlässt.

Wer diesen, aus tiefster Verzweiflung heraus formulierten Appell nach einem lichtstrahlend reinen, einem liebeswarmen und damit erst lebenswerten Leben gesehen und sich in ihm wiedererkannt hat … – für den wäre eine so schreckliche Tat, gerade in dieser Zeit, gerade an diesem Ort schlicht unmöglich.

Es ist die gleiche Botschaft, die vielleicht mit einer noch appellativeren, einer noch mehr in die Pflicht nehmenden Nuance auch in den koranischen Versen (41, 34) zum Ausdruck kommt: „Nicht gleich sind die gute und die schlechte Tat. Wehre die schlechte Tat ab mit einer Tat, die besser ist, da wird der, zwischen dem und dir eine Feindschaft besteht, so, als wäre er ein warmherziger Freund.“

Nicht nur auf Licht, Leben und Liebe zu hoffen, sondern sich tatkräftig dafür einzusetzen, ja sich trotz des Schlechten, trotz des Leids und des erlittenen Schmerzes dafür einzusetzen und die bessere Tat, die lichtstrahlende, reine, liebeswarme Tat in die Welt zu tragen, das muss unsere Aufgabe sein.

Wir müssen die Distanz zwischen uns aufheben

Wir müssen mehr tun, als nur zu reden. Wir müssen handeln. Wir müssen die Distanz zwischen uns aufheben. Wir müssen uns um einander kümmern. Jetzt kurz vor Weihnachten rufe ich alle Muslime auf: Geht in die Weihnachtsmesse! Lernt kennen, was unsere christlichen Nachbarn in ihren Kirchen bewahren und pflegen. Am 25.12. beginnt in diesem Jahr auch das Chanukka-Fest unserer jüdischen Nachbarn. Geht in die Synagoge, bittet darum, an den Feierlichkeiten teilzunehmen!

Nehmt die Gefühle, die Freude, die Hoffnung mit, die ihr in den zunächst fremden Ritualen entdeckt.

Alle Nichtmuslime rufe ich auf: Geht im kommenden Jahr in die Moschee in eurer Nachbarschaft! Nehmt an den Feierlichkeiten zum Ramadan teil. Lernt kennen, was Muslime bewegt, im Innersten anrührt an ihren Feiertagen.

Für wen das alles zu viel ist, zu intensiv ist, wer sich unsicher fühlt in der Nähe von religiösen Ritualen, die ihm bislang fremd geblieben sind. All denen rufe ich zu: Sucht Wege, die Distanz zueinander zu überwinden! Klopft an Heiligabend an die Tür eurer Nachbarn, überreicht ein kleines Geschenk, eine Kleinigkeit, vielleicht nur etwas Selbstgebackenes. Nehmt Anteil an dem Leben, an den Freuden eures Nächsten.

All denen, für die selbst das zu viel ist, rufe ich zu: Überwindet die Anonymität, die Leere des Sich-Nicht-Kennens! Und wenn es nur ein freundlicher Gruß am Morgen ist, ein vorsichtiges Lächeln im Vorübergehen. Irgendetwas, das euch einander näher bringt.

Denn kein Gesetz, keine behördliche Maßnahme, keine Politik, keine Partei, keine Debatte, keine Reform, keine Aufklärung kann dafür sorgen, dass wir sicher und gedeihlich zusammenleben. Dafür sind wir selbst verantwortlich. Und momentan geben wir mit all unseren wechselseitigen, sorgsam gepflegten Empörungen und Beschimpfungen kein gutes Bild ab. Es wird höchste Zeit, das zu ändern. Aus dieser Dunkelheit, in der Tod und Hass umgehen, können wir nur gemeinsam, durch unsere besseren Taten füreinander, den Weg ins Licht finden.

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