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Ich kenne das schon!

Was nach dem Berlin-Anschlag für mich als schwarzen Deutschen zu tun ist

Was macht ein schwarzer Deutscher aus Baden-Bürttemberg und evangelischem Glauben nach einem mutmaßlichen Terroranschlag wie in Berlin? Sami Omar weiß, wie er sich zu verhalten und wie nicht. Er kennt das schon.

Es ist wieder so weit. Ich kenne das schon. Ich ziehe mir etwas Anständiges an. Vielleicht sogar eine Krawatte. Das macht schon mal einen Unterschied. Auch wenn mein Deutsch tadellos ist, spreche ich sehr klar und etwas elaboriert zu den Leuten. Jetzt bloß keine fremden Sprachen oder Klänge. Nur keine Klischees bedienen. Gut, dass ich kein Arabisch kann. Sonst bestünde die Gefahr, mich zu verplappern.

Ich kenne das schon: Die Armlänge Abstand, zu der die Kölner Oberbürgermeisterin Rekers vor einem Jahr riet – sie wurde zu mir eingehalten. Ich kenne das schon: Die Aufforderung, mich von den Taten anderer Muslime zu distanzieren. Ich bin evangelisch, aber das will jetzt keiner hören. Aus welchem Land ich komme, wird jetzt wieder häufiger gefragt werden. Ich komme aus Baden-Württemberg, aber das wird als Scherz meinerseits eingestuft. „Ha, sehr gut. Aber ich meinte gebürtig!“

Nach dem Terroranschlag vom Berliner Breitscheidplatz, geschieht, was nach der Sylvesternacht in Köln geschah. Es geschieht, was immer geschieht, wenn Menschen sinnlos sterben oder angegriffen werden. Es wird nach Antworten gesucht. Nach Schuldigen. Wonach könnten die Leute bei ihrer Beurteilung noch gehen, als nach Äußerlichkeiten – nach Hautfarbe und Kleidungsstil? Es wird jetzt Witze geben über LKW-Führerscheine und Ausländer. Es wird absurde Verbotsforderungen und fremdenfeindliche Parolen hageln.

Ich mache es ihnen und mir einfach. Ich kleide mich und spreche so, dass die Überschneidungsmenge unserer kulturellen Identitäten möglichst groß ist. Ich poche nicht darauf, dass das in meinem Fall tatsächlich so ist. Das würde manchen verwirren. Ich zeige schlicht: Ich habe viel mit Euch gemein. Das reicht schon. Menschen erkennen das vermeintlich Fremde an der Menge distinktiver Merkmale zwischen sich und dem Anderen. Die Summe an Vertrautem macht im Auge meines Betrachters meine Hautfarbe und meinen muslimischen Nachnahmen wett.

Manchmal denke ich darüber nach, ob ich mir selbst dabei noch treu bin. Dann fällt mir ein, dass ich schon vor dem Anschlag so sprach und hin und wieder gerne Krawatte trage. Für eine Weile sicherlich auch als Schutzschild gegen die Blicke und Gehässigkeiten rechter und besorgter Bürger. Wenn der Sturm sich gelegt hat, gehe ich auch wieder ins Fitness-Studio. Im Moment ist das undenkbar. Ohne meinen Kaschmir-Mantel und meine Brille, hielten mich die Leute dort für einen Ausländer – das kann ich derzeit nicht riskieren.