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In allen Zielstaaten der Arbeitsmigration weisen die Eltern der als Migranten erfassten Jugendlichen eine kürzere Schulbesuchszeit und einen geringeren ökonomischen, sozialen und kulturellen Status auf als die Eltern von Nichtmigranten. Nirgendwo ist dieser Unterschied … aber so stark wie in Deutschland.

Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Mord in Freiburg

Es wird mit doppeltem Maß gemessen

Nach dem Mord an einer Freiburger Studentin steht ein afghanischer Flüchtling unter Verdacht. AfD-Anhänger sehen die junge Frau als „Opfer der Willkommenskultur“. Die Bundesregierung ist über solche Äußerungen alarmiert. An anderer Stelle steht die Tagesschau in Kritik, zu Unrecht meinen Medienexperten.

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ARD Tagesschau © ARD Screenshot

Nach der Festnahme eines minderjährigen Flüchtlings, der in Freiburg eine Studentin ermordet haben soll, warnt die Bundesregierung vor fremdenfeindlicher Stimmungsmache. „Wir reden von der möglichen Tat eines afghanischen Flüchtlings, nicht von einer ganzen Gruppe von Menschen, die, wie er, Afghanen oder Flüchtlinge sind“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert am Montag in Berlin. Der Mord an der Studentin sei „ein entsetzliches Verbrechen“. Er sprach der Familie des Opfers sein Mitgefühl aus. Unterdessen steht die „Tagesschau“-Redaktion weiter in der Kritik, weil sie am Samstag in der 20-Uhr-Ausgabe nicht über die Festnahme des Flüchtlings berichtet hatte.

Seibert stellte sich mit seiner Aussage hinter SPD-Chef Sigmar Gabriel. Der Vizekanzler hatte dem Boulevardblatt Bild gesagt: „Solche abscheulichen Morde gab es schon, bevor der erste Flüchtling aus Afghanistan oder Syrien zu uns gekommen ist. Wir werden nach solchen Gewaltverbrechen – egal, wer sie begeht – keine Volksverhetzung zulassen.“ Es gehe darum, die Täter zu ermitteln, vor Gericht zu stellen und hart zu bestrafen. Gabriel reagierte damit auch auf Proteste von AfD-Anhängern in Freiburg, die die tote Studentin als „Opfer der Willkommenskultur“ bezeichnet hatten.

Klöckner: Flüchtlinge nicht unter Generalverdacht stellen

CDU-Vize-Chefin Julia Klöckner rief dazu auf, Flüchtlinge nicht unter Generalverdacht zu stellen. „Solche Grausamkeiten werden leider von In- wie Ausländern begangen, das ist leider kein neues Phänomen“, sagte sie dem Bild. Der frühere Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Wolfgang Huber, mahnte, eine pauschale Verdächtigung von Menschengruppen helfe nicht weiter.

Dagegen warf der Chef der Deutschen Polizeigewerkschaft, Rainer Wendt, der Politik vor, Polizei und Justiz angesichts der vielen Zuwanderer nicht ausreichend ausgestattet zu haben: „Dieses und viele andere Opfer würde es nicht geben, wäre unser Land auf die Gefahren vorbereitet gewesen, die mit massenhafter Zuwanderung immer verbunden sind.“ Polizei und Justiz würden seit Jahre kaputt gespart, beklagte Wendt in der „Bild“-Zeitung.

Journalistenverband kritisiert Tagesschau

Der Deutsche Journalisten-Verband (DJV) kritisierte derweil die Entscheidung der „Tagesschau“, am Samstagabend nicht über die Festnahme des Afghanen zu berichten. Sich „vornehm zurückhalten“ sei in diesem Fall die falsche Entscheidung gewesen, erklärte der Pressesprecher des Deutschen Journalistenverbands (DJV), Hendrik Zörner: „Gerade die ‚Tagesschau‘-Redaktion muss doch in der Lage sein, ein von einem Flüchtling begangenes Verbrechen so zu schildern, dass der Bericht nicht Wasser auf die Mühlen der Fremdenfeinde ist.“

Die Bundesvorsitzende der rechtspopulistischen AfD, Frauke Petry, sieht die Entscheidung als ein Beispiel für das „Verschweigen wichtiger Geschehnisse“ in den Medien. Kritik kam auch von CSU-Politiker Markus Söder. „Ich wundere mich, dass etwa die Tagesschau sich verweigert, darüber zu berichten“, sagte Söder dem Protal Bild.de. „Ich denke, dass in Deutschland auch solche Dinge diskutiert und ausgesprochen werden müssen.“

Gniffke verteidigt Entscheidung

„Tagesschau“-Chef Kai Gniffke verteidigte dagegen die Entscheidung seiner Redaktion. „Die Tagesschau berichtet über gesellschaftlich, national und international relevante Ereignisse. Da zählt ein Mordfall nicht dazu“, schreibt Gniffke in einem Blogbeitrag. Ähnlich hatte die Redaktion bereits in sozialen Netzwerken argumentiert, nachdem am Wochenende erste Kritik an der Nachrichtenauswahl laut geworden war. Gniffke betonte, die Herkunft des mutmaßlichen Täters habe mit der Entscheidung nichts zu tun.

Unterstützt wird Gniffke von Stefan Niggemeier. In einem Beitrag in Übermedien schreibt der renommierte Medienkritiker, der Vorwurf an Tagesschau sei „absurd“. Die Tagesschau „verschweige“ fast alle Festnahmen in Mordfällen. „Sie berichtet selten über Mordfälle. Sie hat diesen Mordfall schon ‚verschwiegen‘, als noch gar nicht klar war, dass der mutmaßliche Täter ein Flüchtling ist.“ Den Kritikern sei dieser Fall „plötzlich so wichtig“, weil ein Flüchtling eine Straftat begangen habe. „Straftaten von Flüchtlingen sollen anscheinend hervorgehoben vermeldet werden“, so Niggemeier.

Forscher: Es wird mit doppeltem Maß gemessen

Der Rechtspopulismus-Forscher Matthias Quent geht davon aus, dass die Diskussion über den Mord für Aufwind bei der AfD sorgt. „Ein solcher Diskurs ist absoluter Rückenwind für Rechtspopulisten“, sagte der Leiter des Instituts für Demokratie und Zivilgesellschaft in Jena dem Evangelischen Pressedienst. „Deswegen Stimmung gegen eine ganze Gruppe zu machen, ist Rassismus und eine unzulässige Verallgemeinerung“, sagte Quent. Der Forscher beklagte, es werde „mit doppeltem Maß gemessen“. Jedes Jahr gebe es viele Gewaltverbrechen, die von Deutschen verübt würden. „Dann wird auch nicht unterstellt, dass die deutsche Kultur der Grund dafür ist.“

Die Polizei hatte am Samstag über die Festnahme des 17-jährigen Afghanen informiert, der als unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland gekommen war. Er steht unter Verdacht, Mitte Oktober in Freiburg die 19 Jahre alte Studentin nach einer Party überfallen, vergewaltigt und getötet zu haben. Anders als die ARD-Kollegen hatte sich die Redaktion der „heute“-Sendung im ZDF für einen Beitrag in der 19-Uhr-Hauptausgabe entschieden. (epd/mig)

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7 Kommentare
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  1. Veronik sagt:

    Wenn ein Flüchtling in Deutschland großzügigst aufgenommen wird und er schon innerhalb eines Jahres, auf die Idee kommt eine Frau hier zu vergewaltigen und zu ermorden so ist das schon ein sehr starkes Stück und gehört selbstverständlich in die Medien. Nicht nur um die Einheimischen darüber zu informieren, sondern auch alle anderen potentiellen Täter, dass sie für ihre Taten zur Rechenschaft gezogen werden. Die Reaktion der Bevölkerung muss selbstverständlich die maximale Empörung gegenüber solch ein Benehmen sein. Da ist nichts zu relativieren oder zu beschwichtigen.

    Vom Benehmen eines kriminellen Afghanen auf sämtliche andere Flüchtlinge zu schließen, wäre natürlich total absurd. Dass man sich aber mittlerweile Sorgen über das Frauenbild bei Flüchtlingen insgesamt machen muss ist gerechtfertigt und angebracht. Ich habe ja die leise Vermutung, dass ein Überkonsum von westlichen Pornovideos nicht unschuldig an so einem Benehmen ist. Wahrscheinlich reicht es allein mit Phantasien irgendwann nicht mehr aus…ich sehe ausserdem eine rassistische Konnotation bei der Auswahl der Opfer.

  2. TaiFei sagt:

    „Wenn ein Flüchtling in Deutschland großzügigst aufgenommen wird und er schon innerhalb eines Jahres, auf die Idee kommt eine Frau hier zu vergewaltigen und zu ermorden so ist das schon ein sehr starkes Stück und gehört selbstverständlich in die Medien“
    Komisch, die Meldung über die chinesische Studentin, die in Dessau vom Stiefsohn eines Polizeirevierleiters vergewaltigt, misshandelt und aus dem Fenster zu Tode gestürzt wurde, suche ich bis heute vergebens in der Tageschau. Das sowohl Mutter, ebenfalls Polizistin, wie Stiefvater dann direkt die Ermittlungen führten auch und dass der leitende Staatsanwalt das Opfer noch öffentlich als „promiscue Schlampe“ bezeichnete ebenfalls.

  3. Sebaldius sagt:

    Der grösste Fehler, den die Migranten und ihre Organisationen hier in Deutschland begehen können, ist es, zu diesem Verbrechen zu schweigen. Denn genau diesen Fehler, nämlich zu schweigen, hatten auch schon die islamischen Verbände und Vereine und Organisationen begangen nach den furchtbaren Terroranschlägen hier in Europa.

    Wenn das ganze Land in heller Empörung ist über dieses entsetzliche Verbrechen, und die gesamte Weltpresse darüber berichtet, von Europa über Kanada und USA und Argentinien bis Australien und Japan und China und Indien, und wenn selbst in den arabischen Staaten die Kuwait Times einen Artikel darüber bringt und dabei Täter und Opfer benennt, und nur das deutsche Leitmedium Tagesschau und die Migranten hier in Deutschland dazu schweigen, dann ist doch allein schon dieses dröhnende Schweigen eine überdeutliche Nachricht, die jeder versteht und die keiner überhören kann.

    Dabei demonstrieren die Migranten, Flüchtlinge und Asylbewerber sonst doch auch immer gegen jede Kleinigkeit. Gegen schlechte Unterküfte, gegen schlechtes Essen, gegen die Polizei, gegen die Ämter, gegen die Behörden, gegen die deutsche Leitkultur, gegen die Asylgesetze, gegen die Residenzpflicht, gegen zu wenig Geld, gegen die AfD, gegen Wasser auf die Mühlen der Rechten, gegen alles Mögliche. Nur gegen solche Verbrechen und gegen solche Täter, die aus ihren eigenen Reihen kommen, dagegen protestieren sie nicht.

    Aber warum eigentlich nicht?

  4. karakal sagt:

    Solange jemand nicht rechtskräftig verurteilt ist, hat er nur als der Tat verdächtig angesehen zu werden. Alles andere ist außergerichtliche Vorverurteilung. Ich sehe hier Handlungsbedarf seitens des Staates, seinen Bürgern dieses Rechtsprinzip nahezubringen.

  5. Cengiz K sagt:

    ….Aber warum eigentlich nicht?…

    Weil wir damit beschäftigt sind Pauschalisierungen ab zu wehren.. Und jede „Demonstration“ von diversen Gruppierungen von links bis rechts zu eigenen Zweckentfremdungen ohnehin ausgenutzt wird.. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche, und nicht erst seit AfD etc.. Deutsche Logik und Menschlichkeit halt.. Vergewaltigungen gibt es nicht erst seit es Afghanen in Deutschland gibt.. Wenn die AfD oder Grünen oder Pegida oder Sendeanstalten oder sonstige wollen, dass ich das verurteile sollen Sie mir Geld dafür anbieten.. Dann habe ich einen Grund dafür, wenigstens darüber nach zu denken.. Wie es eben so Usus ist in der BRD, wenn Ausländer-Meinungen zählen..

  6. posteo sagt:

    Der Sexualmord an der Freiburger Studentin hat mich deshalb so schockiert, weil der Täter so jung war und von seinem Aussehen fast noch kindlich wirkte.

  7. […] diesem Verbrechen handelt es sich nicht um das Verbrechen von Freiburg, über das ganz Deutschland heftig diskutierte. Der geschilderte Fall ereignete sich in Dessau. […]



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