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Migration und Integration in Deutschland

In allen Zielstaaten der Arbeitsmigration weisen die Eltern der als Migranten erfassten Jugendlichen eine kürzere Schulbesuchszeit und einen geringeren ökonomischen, sozialen und kulturellen Status auf als die Eltern von Nichtmigranten. Nirgendwo ist dieser Unterschied … aber so stark wie in Deutschland.

Konsortium Bildungberichterstattung, Bildung in Deutschland, 2006

Modisch mit Kopftuch

Wirtschaftsfaktor muslimische Mode

Selbstbewusst und mit Chic: Designerinnen wie Meriem Lebdiri wollen europäische Mode mit islamischer Tradition verbinden, junge muslimische Modebloggerinnen präsentieren Hidschab-Trends.

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Mode für die muslimische Frau © Mizaan

Blumenaufdrucke waren in Meriem Lebdiris Kollektion der Sommertrend 2016: Die Models ihres Labels „Mizaan„, arabisch für Balance, tragen geblümte, weit geschnittene und luftige Stoffe. Sie werden entworfen und genäht in Germersheim in Rheinland-Pfalz. Der Name Mizaan ist Konzept. Die Mode der in Algerien geborenen Pfälzerin soll scheinbare Widersprüche zusammenbringen.

Bedeckt und modern, muslimisch und westlich, traditionell und neu: So beschreibt die 29-jährige Designerin ihren Stil. Zum fußlangen Kleid mit Riesenblumen eine schlichte weiße Kopfbedeckung, zum fließend weißen Kimono ein Hidschab voll violetter Blumen. „Es ist die deutsche Version von modest fashion“, erklärt Lebdiri. Das ist „bedeckende Mode“, ein Trend, der auch von Designerlabels wie Dolce & Gabbana aufgegriffen wird.

Modisches Nichts

Für Modemacherin Lebdiri wurde er zunächst aus der Not geboren: Als sie mit elf Jahren selbst entschieden habe, Kopftuch zu tragen, „stand ich vor einem modischen Nichts in Deutschland: Ende der 90er waren die Oberteile bauchfrei, danach kamen Hüfthosen.“ Die Jugendliche wollte auch Oberteile in Trendfarben – aber mit Ärmeln bis zum Handgelenk. Und Hosen mit Schlag – aber mit mehr Stoff über dem Bund.

Die Kleidung, die ihr Vater von Geschäftsreisen in arabische Ländern mitbrachte, fand sie allerdings viel zu verschnörkelt. „Dann habe ich selbst die Kleidung gezeichnet, die ich tragen will: Das, was in Deutschland angesagt ist, für Musliminnen.“

Inszenierter Kulturkampf

Über islamische Frauenkleidung und Verschleierung wird in Deutschland – und auch in anderen europäischen Ländern – immer wieder gestritten. Dass Labels wie Dolce & Gabbana inzwischen muslimische Mode anbieten, erregt auch Protest. Die französische Philosophin und Feministin Elisabeth Badinter rief zum Boykott der Marke auf und warf ihr vor, an der Unterdrückung von Frauen durch den Schleier verdienen zu wollen.

In Deutschland möchten einige Unionspolitiker wie der sächsische Innenminister Markus Ulbig (CDU) die Burka verbieten. Begleitet wird das Thema meist von einer Debatte über westliche Werte und Integration. „Obwohl es in Deutschland kaum vollverschleierte Frauen gibt“, sagt die Bremer Religionssoziologin Gritt Klinkhammer. Für sie ist das „blanker Populismus, bei dem ein Kulturkampf inszeniert wird, der an der Lebenswelt der deutschen Musliminnen vorbeigeht“. Allerdings sei das „leider der im Angstdiskurs der Flüchtlingskrise entstandene Zeitgeist“.

Kopftuch längst normal

In Schwimmbädern gab es schon Diskussionen über Burkinis – Ganzkörper-Schwimmkleidung, die die Haare bedeckt, aber nicht das Gesicht. Mal beschwerten sich Badegäste, mal verboten Schwimmbäder sie von vornherein.

„Eigentlich ist die deutsche Mehrheitsgesellschaft schon weiter“, sagt die Professorin: „Das Kopftuch ist doch längst normal.“ Genau wie selbst- und modebewusste Trägerinnen: „Sie machen den westlichen Islam sichtbarer und kombinieren europäische Mode mit islamischer Tradition“, sagt Klinkhammer. „Das ist ja auch ihre Identität, und die hat wenig mit der stimmlosen unterdrückten islamischen Frau aus der Burkadebatte gemein.“

Großes Marktpotenzial

Muslime gaben laut dem Marktreport des Medienunternehmens Thomson Reuters allein im Jahr 2014 rund 230 Milliarden US-Dollar für Kleidung aus. Das ist auch bei westlichen Modemachern angekommen: Anfang des Jahres präsentierte die italienische Luxusmarke Dolce & Gabbana eine Abaya- und Hidschab-Kollektion namens „the allure of the middle east“: Stoff von Hals bis Fuß mit Blumenprints und Spitze, poppige Kopftücher – Hidschabs, alles high fashion mit passender Sonnenbrille und Handtasche. Auch Mango, Tommy Hilfiger, DKNY und andere westliche Labels haben schon sogenannte „modest fashion“-Kollektionen angeboten. Der schwedische Konzern H&M ließ 2015 erstmals eine Kopftuchträgerin für sich werben und erntete dafür viel Lob. Für die Öffnung zur muslimischen Kundschaft erntete das Label Dolce & Gabbana allerdings auch Protest. Die französische Philosophin und Feministin Elisabeth Badinter rief zum Boykott der Marke auf. Auch die britische Kaufhauskette Marks & Spencer muss sich immer wieder für die Burkinis – Ganzkörperbadeanzüge mit Kopfbedeckung – rechtfertigen.

Ayten Atılgan hat 2014 mit seiner Frau in Berlin den Online-Shop „trendy covered“ gegründet. Um die 1.000 Produkte von 50 Marken bieten sie, kombinieren „muslimische Richtlinien mit neuester Mode“, wie es heißt. Die Mitarbeiter beraten per Whatsapp, die Webseite bietet eine „Shop the look“-Funktion an. „Die Kleidung bedeckt auch Arme und Beine vollständig und ist an der Brust nicht ausgeschnitten“, erklärt Atilgan. „Das heißt ja aber nicht, dass keine schönen Stoffe, Farben oder Schnitte verwendet werden dürfen oder gar, dass die Frauen nicht gut aussehen wollen.“ Das Marktpotenzial sei groß, sagt der Geschäftsführer. „Mode interessiert doch auch muslimische Frauen.“

Dazu trägt nicht zuletzt die Hidschabista-Bewegung bei: Muslimische Modebloggerinnen, die auf der ganzen Welt ihren Stil in den sozialen Medien wie Instagram präsentieren – mit Hidschab, also Kopfbedeckung, trendig kombiniert. Darunter sind auch deutsche Musliminnen. Eine der ersten deutschen Hidschabistas war die Deutsch-Türkin Sümeyye Çoktan, die 2012 „hijab is my diamond“ auf Facebook startete. Motivation war nach ihren Angaben der Frust darüber, dass Modeseiten nicht auf die Wünsche muslimischer Frauen eingingen.

Eine Million Follower

Besonders bekannt ist die britische Bloggerin Dina Torkia mit einer Million Follower bei Instagram. Fast täglich schickt auch die gebürtige Indonesierin Indah Nada Pupsita aus Hannover Selfies mit ihrem neuesten Outfit an rund 440.000 Anhängerinnen auf Instagram – und kombiniert dabei Westliches mit Orientalischem.

Dass eine Modebewegung entsteht, mit der Frauen ihre deutsche Heimat und ihre Herkunft vereinbaren, freut Gabriele Boos-Niazy vom Aktionsbündnis muslimischer Frauen in Wesseling. Denn dies zeige, „wie verbindend unsere Gesellschaft ist“. (epd/mig)

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