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Experten warnen vor Aufschwung für Populisten nach Trump-Sieg

Der Sieg von Donald Trump bei der US-Präsidentenwahl gibt nach Einschätzung von Experten Rechtspopulisten in Europa Rückenwind. Parteien wie die AfD erlebten den Wahlsieg Trumps als Motivationsspritze, sagte der Bielefelder Konfliktforscher Andreas Zick am Mittwoch dem Evangelischen Pressedienst. Der Düsseldorfer Rechtsextremismusforscher Alexander Häusler erklärte, Rechtspopulisten sähen in Trumps Erfolg „die Bestätigung, dass ihre Forderungen auch realpolitisch umsetzbar sind“.

Die Führungseliten der rechtspopulistischen Parteien – vom Front National in Frankreich bis zur FPÖ in Österreich – seien die ersten europäischen Gratulanten gewesen, sagte der Sozialpsychologe Zick. Sie sähen Trump als Signal für einen Aufschwung ihrer Bewegung. „Tatsächlich hat Trump auch ähnliche Wählergruppen angesprochen wie rechtspopulistische Parteien, und er hat mit fast identischen Argumenten Propaganda betrieben“, sagte der Leiter des Instituts für Konflikt- und Gewaltforschung an der Universität Bielefeld.

Es gebe auch in Europa zurzeit eine gefährliche Welle der Elitenkritik gegen „die da oben“. Dabei würden die Normen verschoben. „Der Populismus ist en vogue und macht Quote“, warnte Zick.

Trumps Sieg ein Warnsignal

Auch der Rechtsextremismusforscher Häusler nannte Trumps Wahlsieg ein Warnsignal dafür, „was an Verrohung der politischen Kultur drohen kann“. Es drohe eine Normalisierung von rassistischen und nationalistischen Forderungen auch in Europa, sagte der Sozialwissenschaftler des Forschungsschwerpunkts „Rechtsextremismus und Neonazismus“ der Hochschule Düsseldorf dem epd.

Zwar sei die Verrohung der politischen Kultur in Europa bei weitem noch nicht so stark fortgeschritten wie in den USA. „Wir haben diese Unversöhnlichkeit zweier Lager und die abgrundtiefe Niveaulosigkeit des Wahlkampfes hier noch nicht so“, sagte Häusler. „Aber es gibt auch hier einen gefährlichen Einfluss radikal rechter Parteien, die den politischen Zusammenhang in Europa massiv gefährden.“ Sollte es künftig zu einem Politikwandel in Richtung Rechtspopulismus in einem für die EU wichtigen Land wie Frankreich kommen, „dann wäre die EU in ihrer jetzigen Form bedroht“, warnte der Extremismusforscher.

Da wächst ein Ressentiment heran

Der Direktor des Sozialwissenschaftlichen Instituts der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Gerhard Wegner, sagte, die Zahl der Menschen, die sich als Verlierer und Abgehängte empfänden, wachse überall: „Die Welt ist für diese Menschen gefühlt immer unsicherer geworden.“ Sie suchten Schutz und Sicherheit und fänden diese bei vermeintlich starken Führern, die nicht kompliziert und abgehoben redeten. „Da wächst ein Ressentiment heran, das Angst machen kann.“ Sowohl im intellektuellen Diskurs als auch in der Politik müsse es mehr Lebensnähe und Alltagsbezug geben.

Nur wenige Menschen verstünden, warum sie allem Fremden gegenüber offen und tolerant sein sollten. „Jedem Kind wird ja normalerweise gesagt, dass bei fremden Menschen erst einmal Skepsis angesagt ist“, betonte Wegner. Die Lebenswelten liberaler Intellektueller seien weit weg von denen des Volkes, das die Populisten anriefen. In Deutschland dürfe nicht weiter das Gefühl wachsen, dass Flüchtlinge gegenüber sozial schwächeren Einheimischen bevorzugt würden. „Was uns fehlt, ist eine Willkommenskultur für Hartz-IV-Empfänger. Die Betroffenen glauben, diese jetzt bei den Nationalisten zu finden.“ Das sei zwar völlig illusorisch, wirke aber stark. (epd/mig)