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Gelichter

Armutsflüchtige

Seit Menschen in Not zu uns nach Deutschland kommen, reden wir von Armutsflüchtlingen. Das suggeriert, als seien die Menschen selbst schuld an ihrem Schicksal. Dabei trägt unser Wohlstand maßgeblich mit dazu bei, dass diese Menschen nichts haben. Von Sven Bensmann

Wenn besonders negativ über „Flüchtlinge“ geredet werden soll, fällt früher oder später der Begriff „Armutsflüchtlinge“, mit dem vom ordinären „Kriegsflüchtling“ abgelenkt und die Auswanderung auf eine persönliche Fehlleistung zurückgeführt werden soll.

Aber „Armutsflüchtlinge“? Ist ein verarmter Bauer oder Fischer irgendwo in Afrika, der sich nicht als Facharbeiter in Deutschland eine neue Karriere suchen will, sondern einfach keine Lebensperspektive hat, wirklich selbst dafür verantverantwortlich?

Ausgehend vom Kolonialismus, der den Grundstein für die Gesellschaftsstrukturen von heute gelegt hat, könnte man endlos ausholen, um zu zeigen, wie wenig der einzelne für sein Schicksal verantwortlich ist – aber wer in Deutschland zur Schule gegangen ist, weiß ohnehin längst, dass er auf keine andere Schule gegangen ist, als seine Eltern: In wenigen so entwickelten Ländern wie Deutschland hängt die eigene Schulbildung mehr von der Herkunft ab, wie hierzulande.

Daher nur eine kleine Bestandsaufnahme: Fangflotten der EU, der USA und Japans fischen seit Jahrzehnten systematisch die Küstengewässer von Staaten leer, die nicht über die staatlichen Strukturen verfügen, diese Form der Piraterie zu verhindern.

Unter der Schirmherrschaft deutscher Entwicklungshilfe wiederum werden andererseits Fleischreste nach Afrika exportiert, die, fragwürdig gekühlt, auf Märkten landen, wo sie billiger zu kaufen sind, als beispielsweise jedes dort gemästete Huhn. Die Hühnermast ist schließlich bereits mit Brust und Keule finanziert – der Rest ist Kollateralfleisch.

Fischerei und Landwirtschaft sind so jedoch kaum möglich, von Exportwaren mal abgesehen. Landwirtschaftlicher Export eignet sich jedoch nur bei großem Maßstab. Die Folge sind beispielsweise Kakao-Großplantagen in weltweiter Konkurrenz und damit unter extremem Preisdruck – von den Kindersklaven auf solchen Plantagen hat inzwischen jeder gehört.

Auch nur zu implizieren, der Kindersklave an der Elfenbeinküste, der somalische Fischer oder ghanaische Kleinbauer sei selbst dafür verantwortlich, arm zu sein, oder dass es ihm nicht zustehe, von mehr als drückender Armut zu träumen, ist, wenn schon leider nicht justiziabel, so doch zumindest widerlich.

Der Westen müsse die Ursachen der Armut bekämpfen, heißt es ebenso oft. Schon richtig. Nur: Wer will von einem Land, dass nichtmal zur Wahrung des eigenen Wohlstands 10 Euro pro Jahr zusätzlich in den Kauf tierischer Lebensmittel investieren will, erwarten können, dass es zum Wohle anderer auf „Entwicklungshilfe“, Raubfischerei und Billigschokolade verzichtet? Der Klimaschutzplan der Bundesregierung hatte nämlich auf Drängen aller Experten die Anpassung der Mehrwertsteuer von 7% auf 19% für tierische Lebensmittel gefordert, um die klimaschädliche Landwirtschaft in die Klimaziele einzubinden und gleichzeitig den Fleischkonsum der Deutschen auf ein international als „gesund“ anerkanntes Maß zu reduzieren. Mit den Deutschen war das natürlich nicht zu machen.

Übersetzt heißt das alles: Unser Lebensstil ist für deren Armut verantwortlich. Armutsflüchtlinge sind Flüchtlinge unseres Wirtschaftssystems, nicht deren persönliches Versagen. Dies umzukehren und den Opfern jede Solidarität zu verweigern, ist das Ende der Zivilisation. Es ist Barbarei.