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Bildung, Arbeit, Familie

Die Notlage ist für viele Vietnamesen der Antrieb

Im Gespräch mit zwei vietnamesischen Migranten kristalisiert sich heraus, warum Bildung einen hohen Stellenwert hat, warum es viele Vietnam-Läden gibt und welchen Stellenwert Familie und Sprache in der Ferne haben.

Steigt man im Passauer Zentrum aus dem Bus, fällt der erste Blick nicht auf den barocken Dom, sondern auf einen Asia-Imbiss. Jeder hat schon mal in einem solchen Imbiss gegessen, aber wer sind überhaupt die Menschen, die einem die Nudeln schnell braten und verpacken? Häufig werden die Imbisse von vietnamesischen Migranten betrieben. Selten macht man sich Gedanken darüber, wie diese ihr Leben gestalten, wie ihr Alltag in Deutschland aussieht und was sie bewegt. Mit diesen Fragen haben sich Passauer Studierende im Rahmen eines Hochschulseminars befasst. Im Sinne der „Oral History“ Methodik wurden zwei Interviews geführt. Die beiden Befragten waren die Vietnamesen Minh und Huong, die seit mehreren Jahren in der bayrischen Kleinstadt leben und arbeiten. Im Gespräch kristallisierten sich vier Schwerpunkte heraus: Arbeitsalltag, Bildungsaspiration, persönliche Entwicklung und Familie.

Eine Reise ins Ungewisse mit einem Rucksack voller Verantwortung

Wir sind mit Minh und Huong verabredet. Mit Minh reden wir in seinem Restaurant. Als wir ihn nach seinem Namen fragen, zeigt er uns seinen Ausweis – er weiß, wie schwer es für Deutsche ist, seinen Namen zu verstehen. Unser Blick fällt auf sein Geburtsdatum und wir können nicht fassen, dass er erst 27 Jahre alt ist. Er ist nicht viel älter als wir selbst und doch haben wir bei dem Gespräch mit ihm das Gefühl mit einem älteren, lebenserfahrenen Menschen zu reden. Minh hat bereits seit vier Jahren einen eigenen Imbiss und vor kurzem ein Restaurant aufgemacht. Huong hat uns an einem Sonntag, ihrem einzigen freien Tag, zu sich nach Hause eingeladen.

Minh war 16 Jahren alt, als er nach Deutschland ging. Er kam an und wurde von der Polizei mitgenommen und einen Tag später nach Berlin in ein Kinderheim gebracht. An die Zeit dort erinnert er sich gerne, Berlin sei wie seine Heimat und das Kinderheim besuche er mehrmals im Jahr. Die Entscheidung, nach Deutschland zu gehen, wurde von der ganzen Familie gemeinsam getroffen. Sie erhofften alle ein besseres Leben – aufgrund der Arbeits- und Perspektivlosigkeit in seinem Heimatort, eine strukturschwache Gegend in der Mitte Vietnams, die von jungen Leuten auf der Suche nach Arbeit verlassen wird. Die Verantwortung, die er für seine Familie in Vietnam trägt, war schon damals groß. Nach zwei Jahren brach er die Schule in Berlin ab, um zu arbeiten – noch heute steht das Geldverdienen im Mittelpunkt seines Lebens.

Auch Huong kam in sehr jungen Jahren nach Deutschland. Sie war gerade erst 18 Jahre alt geworden, als sie dem Wunsch ihrer bereits in Deutschland lebenden Schwester folgend Vietnam verließ. In Wiesbaden, ihrem ersten Aufenthaltsort, bekam sie im Asylheim die Möglichkeit zur Schule zu gehen und Deutsch zu lernen. Doch ihr Heimweh war so stark, dass sie in den ersten Jahren viel weinte und sich nur schwer auf den Unterricht konzentrieren konnte. Von zu Hause war sie es gewohnt, verwöhnt zu werden, in Deutschland änderte sich das auf einen Schlag, denn plötzlich war sie auf sich gestellt. Ihre Erzieherin wurde für sie zur zweiten Mutter, die es schaffte, die Sehnsucht nach Hause zu lindern. Am liebsten wäre sie damals zurück nach Vietnam gegangen, doch sie blieb – vor allem wegen ihrer Geschwister. Besser ging es Huong erst, als sie zwei Jahre später nach Frankfurt zog und begann, im Restaurant ihrer Schwester zu arbeiten. Dies war der Moment, als Huong endlich nach vorne schauen konnte, in die Zukunft in dem für sie so fremden Deutschland.

Minh hingegen, der sich von Anfang an alleine zurechtfinden musste, hatte lange Zeit keinen Ort, an dem er sich niederlassen konnte. Nach vielen Zwischenstationen in verschiedenen Restaurants in ganz Deutschland, kam er schließlich nach Passau, wo er zunächst in einem Imbiss angestellt war und sich zwei Jahre später mit einem eigenen Imbiss selbständig machte.

Minh sagt im Gespräch, dass er keinen freien Tag in der Woche hat, da er täglich zwölf bis 14 Stunden arbeitet. So bleibe auch keine Zeit für Hobbys oder sonstige Freizeitbeschäftigungen. Er schlafe, wenn er frei habe. Wie schwer es tatsächlich sei, in Deutschland ohne Abschluss und mit nicht ausreichenden Deutschkenntnissen Geld zu verdienen, könnten sich seine Verwandten in Vietnam nicht vorstellen. Dadurch wird der Druck, der auf ihm lastet, nicht geringer. Obwohl – oder gerade weil – sein Leben sich fast ausschließlich in Deutschland abspielt, vermisse er seine Familie sehr. Zu den Verwandten habe er viel Kontakt, sie telefonierten häufig, auch weil er der erste Ansprechpartner sei, wenn es Probleme gibt und die Familie Geld benötigt. Manchmal an Neujahr, so erzählt er uns, sei sein Heimweh so groß, dass er nicht mit seiner Familie sprechen könne.

Auch Huong vermisst ihre Verwandten sehr, doch die Tatsache, dass ihr Bruder und ihre Schwester ebenfalls in Deutschland sind, gibt ihr Halt. Frankfurt verließ sie, um ihrem Bruder nach Passau zu folgen und ein Nagelstudio zu eröffnen. Der Schritt in die Selbständigkeit und heraus aus der Gastronomie, war für sie die einzige Möglichkeit, ihre Familie zu ernähren und dennoch Zeit für ihre Kinder zu finden. So entwickelte sich das damals mutlose junge Mädchen, die sich ihre Geschwister stets als Vorbild nahm, zu einer selbständigen Frau, die es schafft durch die Arbeit ihre Familie zu ernähren.

Beide, Minh und Huong, haben sich inzwischen ein eigenes Leben und eine Existenz in Deutschland aufgebaut. Sie arbeiten hart, um anderen ein besseres Leben zu ermöglichen. Huong, damit ihre Kinder es einmal besser und einfacher haben als sie, damit sie zur Schule gehen und studieren können, was ihr sehr wichtig ist. Und Minh, um seiner Verantwortung, die er für zwei Familien trägt, gerecht zu werden: Sowohl seine Frau und seine zwei Kinder in Passau, als auch seine Familie in Vietnam, sind auf das von ihm erarbeitete Geld angewiesen. Nach Vietnam wollen beide in den nächsten Jahren nicht zurück. Vielleicht, wenn sie alt sind. Es wird deutlich, dass sich beide inzwischen gut in Deutschland eingelebt haben, obwohl ihre Erwartungen zu Beginn ihrer Reise stark von der Realität in Deutschland abwichen.

Minh und Huong, zwei unterschiedliche Migranten aus Vietnam haben allen Widrigkeiten zum Trotz schon viel erreicht. Sie mussten früh erwachsen werden, sich in einem fernen Land mit fremder Kultur zu Recht finden und lernen, Verantwortung für sich und die Familie zu übernehmen. Das machte sie zu den Menschen, die sie heute sind – voller Verantwortungsbewusstsein und Sorgen, aber auch voller Stolz.

Familie als Anker

Zu Recht gemacht, im weißen Spitzenkleid, empfängt uns Huong in ihrem Wohnzimmer. Sie ist gut vorbereitet, Obst für die Gäste steht auf dem Tisch. Wir sitzen auf einer großen Couch und Huong fordert ihre Tochter auf, sich neben sie zu setzen, doch die tippelt leisen Schrittes ins Nebenzimmer. Familie wird in Vietnam großgeschrieben. Besonders im Leben von Migranten spielt sie als einzige Konstante häufig eine übergeordnete Rolle und ist Orientierungspunkt innerhalb des Migrationsprozesses.

An Minh zeigt sich besonders gut, dass Migration manchmal ein nicht abgeschlossener Prozess bleibt und offene Wunden hinterlässt. Er betont immer wieder, wie er seine Familie vermisst und erzählt, dass er manchmal nicht mit ihnen telefonieren kann, weil die Sehnsucht nach der Heimat nur noch größer werden würde.

Huong hingegen gerne an die Familie in Vietnam zurück. Sie hatte eine große Familie, die sie verwöhnt hat, berichtet sie schmunzelnd. Nun identifiziert sich Huong sehr stark über ihre Kinder. Für sie wünscht Huong sich, was für sie selbst kaum mehr möglich ist: Gute Deutschkenntnisse und Bildung, damit ihnen später im Berufsleben sämtliche Türen offenstehen. Deshalb sprechen Huongs Kinder sowohl Vietnamesisch, als auch Deutsch und wachsen auf wie deutsche Kinder, wie Huong mehrmals betont. Dass sie die Offenheit der Kinder gegenüber der deutschen Kultur fördert und diese in ihr Leben integrieren möchte, zeigt sich in kleinen, alltäglichen Dingen, wie zum Beispiel der Gestaltung des Speiseplans. Hier dürfen die Kinder mitbestimmen: wegen ihnen wird zur Hälfte Deutsch, zur Hälfte Vietnamesisch gegessen. Aber am liebsten essen die Kinder deutsche Gerichte, fügt Huong schmunzelnd hinzu.

Den Wohnort macht sie von ihren Kindern abhängig; dort wo die Kinder sind und Huong sie unterstützen kann, will auch sie sein. Sie sind der Dreh- und Angelpunkt in ihrem Leben und Huongs Anker in Deutschland. Es stellt sich deshalb die Frage, wie sich diese Bindung mit dem Heranwachsen der Kinder entwickeln wird. Was, wenn die Kinder sich immer mehr mit Deutschland identifizieren und keinen Zugang mehr zur vietnamesischen Kultur finden, die sie hauptsächlich aus Erzählungen der Eltern kennen? Für die beiden ist schon jetzt klar, dass sie in Deutschland bleiben wollen. Doch kann Huong sich vorstellen, zurück nach Vietnam zu gehen und ihre Kinder in Deutschland zu lassen? „Das kann sein“, sagt sie, aber nicht jetzt, sondern wenn die Kinder groß sind: „Ich lasse die Kinder los.“

Minh wiederum möchte, dass seine beiden Kinder nur Vietnamesisch sprechen, was das Bestreben verdeutlicht, die eigene Vergangenheit weiterzugeben und den starken Wunsch, die Verbindung zur eigenen Kultur nicht zu verlieren. Hier zeigt sich eine nicht ungewöhnliche Tendenz: Die Kinder sollen mit denselben Werten aufwachsen, die auch die eigene Kindheit – und nicht zuletzt das ganze Leben – geprägt haben: Gehorsam und Respekt vor den Eltern sind dabei nur zwei entscheidende Schlagworte der vietnamesischen Kultur. Die deutsche Pädagogik hingegen, mit welcher die Kinder in der Schule vertraut gemacht werden, setzt vermehrt auf Ideale wie Wahrhaftigkeit und Selbstständigkeit. Durch dieses Auseinanderklaffen der Erwartungen droht sich ein Spannungsfeld innerhalb der Familien zu entwickeln, welches sich mit steigendem Alter der Kinder immer mehr herauskristallisiert.

Und auch bei Huongs Erzählungen werden Punkte deutlich, in denen sie stark an der vietnamesischen Kultur festhält. So zum Beispiel bei der Frage, ob sie sich für ihre Tochter einen vietnamesischen oder einen deutschen Freund wünschen würde. Am liebsten natürlich einen Vietnamesen, entgegnet sie spontan, entschuldigt sich aber sofort und fügt grinsend hinzu „Ich bin nicht dagegen, Ausländer oder so“. Allein wegen der Kultur und der Sprache, erklärt sie. Doch sie kann nur eine Empfehlung abgeben, „die [Kinder] entscheiden natürlich selber“.

Es verbergen sich die unterschiedlichsten Einzelschicksale hinter dem so oft verwendeten und gelesenen Begriff „Migration“. Dabei zeigen sich verbindende Elemente und wiederkehrende Muster: Manche wurden von Familienangehörigen nachgeholt, andere wurden ausgesandt, um Geld zu verdienen. Für die Einen bedeutet Migration der Verlust der Familie, für Andere ist Familie in diesem Prozess Orientierung und Stütze. Migration hat nicht ein Gesicht, sondern viele. Doch was alle verbindet, ist die Liebe zur Familie und das tägliche Bestreben, Erfahrungen weiterzugeben, um die eigenen Wurzeln nicht zu verlieren.

Keine Alternative zur Selbständigkeit

Es ist gerade Mittagspause in Minhs Restaurant. Normalerweise arbeitet er in der Pause, führt seine Bücher und erledigt alles, was zum Geschäft dazu gehört. Heute hat er sich aber etwas Zeit für uns freigehalten, nimmt dennoch, auch während wir da sind, wiederholt Anrufe entgegen und gibt seinen Mitarbeitern Anweisungen – die Arbeit lässt ihn nicht los.

In Deutschland machen sich immer mehr Migranten selbstständig, mittlerweile sogar mehr als Deutsche, die ein sicheres Angestelltenverhältnis der riskanteren Eigenständigkeit vorziehen. Davon zeugt die Vielzahl von Asia-Imbissen, Dönerläden oder von Migranten geführten Nagelstudios, die sich in jeder Kleinstadt finden lassen. Diese werden von einigen Deutschen argwöhnisch betrachtet und als Zeichen eines befürchteten Kulturverlusts gesehen. Auch wird die Befürchtung geäußert, dass durch die Läden anderen Bürgern Deutschlands Arbeitsplätze weggenommen werden, obwohl diese Unternehmen Arbeitsplätze schaffen.

Konträr dazu wird wirtschaftliche Selbstständigkeit in der Öffentlichkeit, aber auch vermehrt als eine gute Möglichkeit zur Integration in die Gesellschaft, angesehen. Immer wieder liest man in den Medien Positivbeispiele und in der wissenschaftlichen Fachliteratur über die Möglichkeiten und Voraussetzungen der Integration durch Selbstständigkeit. Für diesen Diskurs ist es essentiell zu verstehen, dass sich ein Großteil der Migranten tatsächlich aus Mangel an Alternativen selbstständig macht und nicht aus Begeisterung für das Unternehmertum. Das Angestellten-Dasein stellt oft keine echte Alternative dar, da fehlende Sprachkenntnisse, Diskriminierung, mangelnde Bildung und vor allem die Nicht-Anerkennung von ausländischen Abschlüssen dazu führen, dass die Chancen am Arbeitsmarkt schlechter sind, weil andere Bewerber vorgezogen werden.

Huong betont vor allem ihre mangelnden Deutschkenntnisse als Ursache für ihre Selbstständigkeit: „Darum wir haben auch keine schöne Chance für […] in Firma arbeiten, darum wir müssen Freiberuf arbeiten, dann muss ich mehr als euch arbeiten, und mehr bemühen“. Die Arbeit in einem Angestelltenverhältnis fände sie viel angenehmer und erstrebenswerter. Deshalb legt sie großen Wert darauf, dass ihre Kinder gutes Deutschbeherrschen, Abitur machen, wenn möglich auch studieren, um anschließend als Angestellte angenehmere Arbeitsverhältnisse zu haben.

Gleichzeitig fällt das enorme Arbeitspensum auf, das Huong und Minh auf sich nehmen. In ihrer Selbstständigkeit müssen sie immer wieder große Hürden überwinden. So hat Minh zum Beispiel damit zu kämpfen, die Kundschaft in Niederbayern von seinem Essen zu überzeugen und es ihrem Geschmack anzupassen. Wenn man bei ihm Essen geht, fragt der deutsche Kellner (dessen Arbeitsplatz Minh offensichtlich geschaffen hat) vorsichtshalber nach, ob man das Gericht schon kennt, damit man danach auf keinen Fall enttäuscht darüber ist, dass es sich um eine kalte Hauptspeise handelt.

Die immer neuen Herausforderungen der Selbstständigkeit resultieren darin, dass Minh zwölf bis 14 Stunden an sieben Tagen die Woche arbeitet – eine Arbeitsbelastung von um die 90 Stunden die Woche. Das können sich viele Menschen in Deutschland nicht vorstellen, die sich Gedanken über ihre „work-life-balance“, Gleitzeit oder Eltern-Kind-Büros machen. Aber was bleibt den migrantischen Unternehmern anderes übrig? Alternativen gibt es häufig nicht und es muss oft doppelt verdient werden: Für den Alltag in Deutschland und für die Familie in der Heimat. Minh fühlt sich zum Beispiel dazu verpflichtet, in Todes- oder Krankheitsfällen Geld zu schicken. Vermutlich wird das von ihm auch erwartet, weil Deutschland in Vietnam mit viel (und leicht verdientem?) Geld in Verbindung gebracht wird.

Deshalb sollte die Selbstständigkeit weder mit Argwohn betrachtet noch als Integrationsmöglichkeit begrüßt werden, vielmehr sollte sie als das betrachtet werden, was sie ist: Die oftmals einzige Möglichkeit der Finanzierung des eigenen Lebens und der lebensnotwendigen Unterstützung der Familie in der Heimat. Ironischerweise wären sich viele Migranten und die vermeintlichen Verteidiger der deutschen Kultur also sogar einig darin, dass die vielen Imbisse und Restaurants oder kleinen Geschäfte keinen Idealzustand darstellen – obwohl ihre Gründe vollkommen verschieden sind.

„Tiefe Bildung glänzt nicht“1

„Meine Tochter besucht ein Gymnasium – so wie ihr,“ erklärt Huong stolz. Daraus klingt nicht nur das Streben nach Gleichwertigkeit in der deutschen Gesellschaft. Das Abitur ist das erklärte Ziel, fast eine Selbstverständlichkeit. Dafür wird Einiges in Kauf genommen – eine 6-Tage Arbeitswoche, nur der Sonntag mit den Kindern, die kleine Stadt, in welcher sich die Kinder heimisch fühlen. Eigene Ambitionen sind eher unternehmerischer Natur. Warum Schulbildung in vietnamesischen Haushalten so hoch gehalten wird, hat handfeste Gründe.

In Vietnam ist die Annahme weit verbreitet, dass ein Studium, egal in welchem Fach, zu einem guten Arbeitsplatz mit hohem Einkommen führt. Ganz so falsch liegen sie damit nicht, reicht in Vietnam doch oft ein Abschluss einer namhaften Bildungsanstalt für ein gesteigertes Ansehen und eine lukrative Anstellung. Nicht umsonst bleiben Hochschulabsolventen zumeist im Land, ziehen vom Dorf in die Stadt. Den anderen jungen Leuten bleibt oft nur die Landwirtschaft oder eben der Weg ins verheißungsvolle Ausland.

So war es auch bei Minh und Huong. Ihr Bild vom Wert eines Studiums hat sich nach zwei Jahrzehnten in Deutschland jedoch gewandelt. Der Kontakt zu deutschen Studenten hat den Blick der ansässigen Vietnamesen für ein hier herrschendes Problem geschärft: Die scheinbare Ziellosigkeit mit der viele studieren, oft jahrelang und nicht immer steht am Ende ein gut bezahlter Job. Eine Ausbildung hält Huong inzwischen für ebenso wertvoll, Hauptsache den Kindern geht es einmal besser. Besser, das heißt ein Bürojob, Zeit für die Familie, eine Arbeit, die weniger anstrengend ist, als im Restaurant zu schuften oder sich im Nagelstudio die Gesundheit zu ruinieren.

Für sich selbst setzen sie oft andere Maßstäbe an. Nicht ohne Reue haben viele ihre eigenen Bildungsaspirationen in der Ferne zur Seite geschoben, um ihren Pflichten als Geldverdiener nachzukommen. Bildung ist in Vietnam nur das Geld wert, welches dadurch verdient wird. Dieses Bild wird den jungen Migranten vermittelt, welche fern der Heimat nicht zu viel Zeit in Deutschkursen oder gar in der Schule verlieren dürfen.

Aber nicht nur der Druck aus der Heimat spielt eine Rolle. Deutsch zu lernen fällt oft auch aus anderen Gründen schwer, die ersten Jahre sind von Heimweh und Kulturschock geprägt. Viele Migranten kommen als Minderjährige nach Deutschland. Allen ist klar: Ohne Deutsch geht es nicht! Aber was denn eigentlich? Geld verdienen funktioniert schon, denn das Netzwerk ist groß, Asia-Imbisse und Nagelstudios gibt es überall, das Know-how kann schnell erlernt werden. Mobilität und Ausdauer sind gefragt, Deutschkenntnisse nicht. Dafür bieten die schon länger hier wohnhaften Vietnamesen den Neulingen schnell verdientes Geld und soziale Kontakte. Es ist ein sanfter Einstieg ins Geschäftsleben. Lange Arbeitszeiten sind viele aus Vietnam gewohnt. Viele Optionen gibt es ohnehin nicht, sagt Huong. Fest eingebunden in ein Netzwerk aus Hierarchien und Abhängigkeiten steht das Geldverdienen an oberster Stelle. Sie selbst hat für sich mit ihrem eigenen Nagelstudio zumindest einen Weg gefunden, ein Hobby von ihr zum Beruf zu machen. Ihre Geschwister sind alle in der Gastronomie tätig. Minh hat sich von der Küchenhilfe zum Restaurantbesitzer hochgearbeitet. Bildung ist eben nicht nur ein Universitätsabschluss, sondern auch praktisches Wissen, welches erlernt werden kann. Das geht auch ohne formalen Nachweis. Buchhaltung, Mitarbeiterführung, Marketing – das haben sie sich nebenbei angeeignet.

Bildung ist aber auch das Wissen, wie man sich im Alltag in Deutschland behaupten kann und sich zurechtfindet. Hier lernen sie nicht selten von ihren Kindern. Im Gegenzug ermöglicht das Einkommen der Eltern den Kindern ein sorgenfreies Lernen, wenn auch nicht viel Zeit zur persönlichen Unterstützung bei den Hausaufgaben bleibt. Gleichzeitig werden die Kinder in die Pflicht genommen: Mithelfen im Haushalt, einfache Gerichte kochen, auf kleine Geschwister aufpassen, das muss funktionieren, sonst geht der Plan nicht auf. Anders als ihre Eltern in ihrem Alter müssen sie sich nicht um Geld sorgen, wachsen behütet auf. Doch es wird deutlich: Die Kinder müssen Disziplin an den Tag legen, Lernen auch hier nicht um des Lernens willens.

  1. Zitat Marie von Ebner-Eschenbach []