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Migration und Integration in Deutschland

Wenn mir etwas Sorge macht, dann nicht Sarrazins Buch, das ich für das absurde Ergebnis eines Hobby-Darwins halte. Viel mehr Sorge macht mir, dass dieser Rückgriff auf die Eugenik in unserem Land gar nicht mehr auffällt, ja mehr noch: als »notwendiger Tabubruch« frenetisch gefeiert wird.

Sigmar Gabriel (SPD-Chef), Die Zeit, 16.09.2010

Eigenartig vertraut

Fremde Mentalität und anfällig für Extremismus

Furcht vor Flüchtlingen und Andersgläubigen gab es in Deutschland auch in den Trümmern des Zweiten Weltkriegs. Was ein späterer Landesvater 1945 in einem Brief formulierte, klingt heute absurd, aber aus der aktuellen Asyl-Debatte eigenartig vertraut.

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Briefumschlag © Arek Olek @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONKarsten Packeiser

DATUM26. Oktober 2016

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Die Vermischung „der rheinischen Bevölkerung mit Bevölkerungsmassen aus dem Osten“ trieb den Koblenzer Regierungspräsidenten im harten ersten Nachkriegswinter Ende 1945 um. In seinem Schreiben zur Flüchtlingsproblematik an die französische Militärverwaltung machte der spätere rheinland-pfälzische Ministerpräsident Wilhelm Boden (1890-1961) aus seinem Herzen keine Mördergrube. Seine Vorbehalte richteten sich nicht gegen Zufluchtssuchende aus fernen Ländern, sondern gegen die eigenen Landsleute – zumindest gegen die mit dem falschen Glauben. Keine zwei Jahre später verhagelte ihm der Text die politische Karriere.

Nach dem Zusammenbruch der Hitler-Diktatur waren Millionen Deutsche vor der Roten Armee Richtung Westen geflohen oder nach der Westverschiebung der polnischen Grenze aus ihrer Heimat vertrieben worden. Nirgendwo im Westen wurden die Habenichtse aus Schlesien oder Ostpreußen mit offenen Armen empfangen. Aber so drastische Vorbehalte von offizieller Seite wie in der ehemals preußischen Rheinprovinz waren selbst für damalige Verhältnisse ungewöhnlich.

Der fromme Katholik und ehemalige Zentrums-Politiker Boden, Mitbegründer der CDU-Vorgängerpartei CDP, formulierte Klartext: „In konfessioneller Beziehung würde der katholische Charakter des Rheinlandes durch den Zuzug der meist protestantischen Ostdeutschen stark verwässert werden, was angesichts unseres Verhältnisses zu dem überwiegend katholischen Frankreich höchst unerwünscht wäre, weil die Übereinstimmung beider Teile in der Konfession für die Zusammenarbeit in kultureller Beziehung ungemein wichtig ist.“

Zu schaffen machte ihm offenbar auch die „anders geartete Mentalität“ der Ostdeutschen: „Diese war von jeher militaristisch und nationalistisch und später nationalsozialistischer eingestellt als die Westbevölkerung. Mit dem Flüchtlingsstrom werden zugleich unzählige Nationalsozialisten aller Schattierungen hier angesiedelt werden und unerkannt als Ideenträger weiter wirken, weil alle Unterlagen für die politischen Beurteilungen fehlen und nicht zu beschaffen sind.“

Tatsächlich stand Boden so kurz nach der deutschen Kapitulation mit seinen Ängsten nicht allein da. Nur wenige Tage vor dem Versand seines Briefes hatte er gemeinsam mit einer Gruppe von Landräten bereits eine Resolution an die Franzosen verabschiedet, die mit weniger harten Formulierungen ein ähnliches Ziel verfolgte: Die Region Koblenz rechnete damals mit bis zu 150.000 Flüchtlingen aus dem jetzt sowjetischen Machtbereich und wollte diese Menschen angesichts von Versorgungsengpässen, fehlender Unterkünfte und der im Krieg bereits erlittenen „unsäglichen Opfer an Blut und Gut“ möglichst auf Abstand halten.

Die Franzosen gingen im späteren Bundesland Rheinland-Pfalz auch wirklich restriktiver mit der Aufnahme von Vertriebenen um als die Besatzer anderenorts. Das Gefasel von der andersartigen Mentalität der Protestanten holte den zum provisorischen Ministerpräsidenten aufgestiegenen Wilhelm Boden jedoch noch vor den ersten freien Landtagswahlen wieder ein, bei denen er als Spitzenkandidat der Christdemokraten antrat. Vertretern von SPD und kommunistischer KPD waren Abschriften des Briefes zugespielt worden, die sie nun auf Versammlungen genüsslich der Öffentlichkeit präsentierten.

Boden dementierte zunächst jede Verbindung zu dem kompromittierenden Schreiben und sprach von „schmutziger Wahlpropaganda“. Nach den Wahlen weigerten sich die Sozialdemokraten dennoch, unter seiner Führung Teil einer von der siegreichen CDU angestrebten Regierung aller Landtagsparteien zu werden. Und auch innerhalb der jungen rheinland-pfälzischen CDU befeuerte der „Boden-Brief“ wohl die innerparteilichen Kontroversen zwischen Katholiken und Protestanten.

Bereits wenige Wochen nach der Wahl erklärte Boden im Juli 1947 seinen Rücktritt. Unmittelbar nach der Regierungsübernahme durch seinen Parteifreund Peter Altmeier präsentierte dieser bereits eine im Hintergrund fertig ausgehandelte Allparteienregierung.

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