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5. September 1936

Vor 80 Jahren kamen die ersten Häftlinge in das KZ Sachsenhausen

Für die Nazis war es ein modernes und perfekt am Zweck ausgerichtetes Gelände: Im KZ Sachsenhausen sollten die Insassen dem totalen Terror ausgesetzt sein. Im September vor 80 Jahren wurden die ersten Häftlinge dorthin veschleppt. Von Yvonne Jennerjahn

Der Schriftsteller Heinrich Mann hatte im Frühsommer 1936 im Exil in Paris noch einmal gewarnt: Sportler, die an den Olympischen Sommerspielen der Nazis in Berlin teilnehmen, würden dort nichts weiter sein als „Gladiatoren, Gefangene und Spaßmacher eines Diktators, der sich bereits als Herr der Welt fühlt“. Er behielt recht. Während das Sportfest vor 80 Jahren zum Welterfolg der Nazis wurde, mussten Zwangsarbeiter in Oranienburg das KZ Sachsenhausen errichten.

Rund drei Wochen nach dem Ende der Spiele war die SS dann soweit. Vom 5. September 1936 an konnten nach Mitteilung der Inspektion der Konzentrationslager Häftlinge in das KZ Sachsenhausen eingewiesen werden. Aus dem KZ Esterwegen im Emsland und aus dem Berliner KZ Columbia-Haus am Flughafen Tempelhof hatte die SS zuvor im Sommer Häftlinge nach Oranienburg verlegt, um dort auf einem 80 Hektar großen staatlichen Forstgelände ein neues Konzentrationslager aufzubauen – als Modell- und Schulungslager der SS ganz in der Nähe der Reichshauptstadt. Hier sollten die Totenkopfverbände militärisch ausgebildet und ideologisch gefestigt werden.

Vom ersten Tag an gab es Tote

„Es wurden Wälder abgeholzt“, erinnert sich später ein politischer Häftling, der den Terror in Sachsenhausen überlebt hat. „Das Zusammenschleppen der Baumstämme, fünf bis sechs Meter lang, musste im Laufschritt geschehen.“ Die SS-Männer amüsierten sich damit, auf die auf der Erde schleifenden Baumkronen zu springen und die Häftlinge so aus dem Tritt zu bringen und zu Boden zu reißen.

„Vom ersten Tag an gab es Tote“, berichtet der ehemalige Häftling Sepp Hahn: „Teils ‚auf der Flucht erschossen‘, teils unter den schweren Baumstämmen zermalmt, verunglückt oder zu Tode gemartert.“

Ein modernes Konzentrationslager

Ein „modernes, vollkommen neuzeitliches Konzentrationslager“ sollte Sachsenhausen werden, so hatte es SS-Reichsführer und Polizeichef Heinrich Himmler formuliert. Mehr als 100 Privatfirmen waren nach Angaben der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten am Bau beteiligt, oft übernahm Firmenpersonal auch die Beaufsichtigung der Häftlinge bei der Zwangsarbeit.

Mit einer fast drei Meter hohen Mauer, einem elektrisch geladenen Stacheldrahtzaun und neun Wachtürmen wurde schließlich das 18 Hektar große Häftlingslager gesichert – eine dreieckige, überall einsehbare Anlage als Ausdruck der „Geometrie des totalen Terrors“, so beschreibt es Gedenkstättendirektor Günter Morsch. Auf dem „Turm A“ mit der berüchtigten Inschrift „Arbeit macht frei“ wurde ein Maschinengewehr installiert, mit dem das gesamte Gelände beschossen werden konnte.

Sachsenhausen wurde Zentrale aller KZ’s

Zu den ersten Toten des Lagers gehörte der kommunistische Reichstagsabgeordnete Gustav Lampe, der im November „auf der Flucht erschossen“ wurde – wie es offiziell hieß – als er seine Mütze aus dem Sperrbereich holen musste. Ein SS-Mann hatte die Mütze zuvor dorthin geworfen und den Politiker gezwungen, sie zurückzuholen. Auch der evangelische Jurist und Gerichtspräsident Friedrich Weißler von der Bekennenden Kirche zählt zu den frühen Opfern, er wurde im Februar 1937 in Sachsenhausen ermordet.

Das KZ mit SS-Truppenlager, Werkstätten und Depots wurde nach 1936 stetig erweitert, bis es bei Kriegsende mit 400 Hektar rund ein Drittel der Fläche Oranienburgs einnahm. 1938 wurde Sachsenhausen zur Verwaltungs- und Kommandozentrale für alle Konzentrationslager im Deutschen Reich.

Zehntausende starben durch Misshandlungen

Mehr als 200.000 Menschen wurden bis 1945 in Sachsenhausen inhaftiert. Der Hitler-Attentäter Georg Elser und der evangelische Pfarrer Martin Niemöller wurden hier festgehalten, der spanische Ministerpräsident und sozialistische Gewerkschaftsführer Francisco Largo Caballero, der Schauspieler Erwin Geschonneck, der Verleger Peter Suhrkamp, der SPD-Politiker Rudolf Breitscheid. Zehntausende der Häftlinge starben durch Misshandlungen, medizinische Experimente, Hunger, Krankheiten und Zwangsarbeit oder wurden von der SS ermordet.

1939 wurde in Sachsenhausen das erste lagereigene Krematorium errichtet. 1942 folgte die Hinrichtungsstätte „Station Z“ – mit vier Verbrennungsöfen, Leichenhalle, Genickschussanlage und ab 1943 auch mit einer als Bad getarnten Gaskammer. Allein nach dem Überfall auf die Sowjetunion vor 75 Jahren wurden hier mehr als 10.000 sowjetische Kriegsgefangene erschossen.

Die SS hielt den Terror bis zum Kriegsende aufrecht. Mehr als 30.000 Häftlinge wurden am 21. April 1945 auf Todesmärsche Richtung Nordwesten getrieben, um ihre Befreiung zu verhindern. Rund 3.000 Kranke, Ärzte und Pfleger blieben zurück. Nur einen Tag später, am 22. April 1945, wurden sie in Sachsenhausen von der Roten Armee befreit. „Sie sahen furchterregend aus“, so beschrieben Soldaten die Häftlinge. „Bleich, blutarm, mit durchsichtigen Gesichtern, abgemagert bis auf die Knochen.“ (epd/mig)