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Migration und Integration in Deutschland

Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Integration braucht Zeit

Flüchtlingskinder in der Schule

Mit Beginn des neuen Schuljahres beginnt auch für viele Flüchtlingskinder in Deutschland wieder der Alltag im Klassenzimmer. Aber nur wenige können schon den regulären Unterricht mitmachen. Majd und Leen haben es geschafft.

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Schule © onnola @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Majd hat seit kurzem einen neuen Freund: Christian. „Wir fahren zusammen im Bus zur Schule“, erzählt der Elfjährige leise. „Ich spreche jeden Tag mit ihm“, schiebt er dann etwas lauter hinterher. Seine Augen strahlen. Vor einem Jahr kam Majd mit seiner Familie aus dem syrischen Aleppo nach Deutschland. Mit seiner Mutter, seiner Schwester Farah (17) und seinem Bruder Ahmed (20) lebt er in einer Wohnung in Osnabrück. Sie hoffen, dass der Vater bald nachkommen kann.

Weil Majd schon so gut Deutsch spricht, besucht er seit den Sommerferien eine Regelklasse am Ratsgymnasium. Christian, Benjamin, Kai und die anderen aus der 6c haben ihn gut aufgenommen – ihn und Leen, ein gleichaltriges Mädchen, das ebenfalls aus Syrien stammt. „Die gehörten schon gleich am zweiten Tag richtig mit dazu“, sagt Benjamin.

Die meisten besuchen Willkommensklassen

Was die Kinder der 6c erleben, ist ein Jahr nach Angela Merkels Satz „Wir schaffen das“ noch immer eher die Ausnahme. Die meisten vor allem der älteren Kinder und Jugendlichen sind noch nicht im regulären deutschen Schulalltag angekommen, gehen je nach Bundesland noch in Vorkurse, Sprachlern- oder Willkommensklassen. Auch am Osnabrücker Ratsgymnasium sind außer Majd und Leen noch fast alle Flüchtlingskinder in der Sprachlernklasse von Bianca Mischnick.

So wie Karim (12) und Ammar (11). Die Cousins haben bis vor einem Jahr noch in einem Flüchtlingslager in der Türkei gelebt. Ihre Familien stammen aus dem irakisch-syrischen Kurdengebiet. Ammar hält es im Unterricht von Lehrerin Mischnick kaum auf seinem Stuhl. Immer wieder springt er auf, lacht, redet einfach drauflos. „Ich heiße Ammar und spiele gerne Fußball“, stellt er sich in gut verständlichem Deutsch vor. Doch das Lesen und das Schreiben der ungewohnten Schrift fallen ihm noch schwer.

Lehrer unzureichend vorbereitet

In der Alltagssprache finden sich die meisten Schüler relativ schnell zurecht, sagt Hermann Funk, Professor für Didaktik und Methodik am Institut für Deutsch als Fremd- und Zweitsprache der Universität Jena. Der Übergang zur Bildungssprache sei aber deutlich schwerer.

„Im Unterricht in den Regelklassen müssen sie Sätze mit Nebensätzen verstehen, Ursachen und Konsequenzen ausdrücken oder Einschränkungen und Widersprüche formulieren.“ Die Lehrer seien aber nicht dafür ausgebildet, diese Lücke zu schließen, kritisiert der Germanist. Auch auf die Aufgabe, Kinder mit extrem unterschiedlicher Vorbildung differenziert zu unterrichten, seien sie völlig unzureichend vorbereitet.

Klasse mit 32 Kindern

Ivonne Brauer, die neue Klassenlehrerin von Majd und Leen, kann bei 32 Kindern in der Klasse kaum besonderes Augenmerk auf die beiden legen. Sie setzt darauf, dass die Mitschüler helfen. Und das tun sie. Leen haben sie gleich zur Klassensprecherin gewählt. Alexander meint, es sei „fair, dass sie zu uns kommen durften und jetzt mit uns gemeinsam lernen“. Und Mattis fände es „cool, wenn Majd und Leen uns auch mal was von Syrien erzählen würden“.

Ammar verbringt seine Freizeit meistens mit Cousin Karim. Deutsche Freunde hat er nicht, sagt er und senkt den Blick. „Die meisten unserer Kinder sind sehr schüchtern und scheu, solange sie die Sprache noch nicht gut beherrschen“, sagt Mischnick.

Nur Wenige haben eine gute Vorbildung

Wenige können wie Majd und Leen schon Englisch oder haben eine gute Vorbildung. Viele kommen ohne Kenntnisse der lateinischen Schrift. Sie wissen nicht, wie man eine Mappe anlegt oder selbstständig Aufgaben löst. Auch gewaltfreie Konfliktlösung mussten die meisten erst lernen, sagt die in Ungarn ausgebildete Lehrerin für Deutsch als Fremdsprache. „An normalen Unterricht nach Schema F ist da nicht zu denken. Am besten klappt es, wenn Eltern oder Kollegen ehrenamtlich mit einspringen und wir zu zweit unterrichten können.“ Auch Schülerpaten bemühen sich um die Flüchtlingskinder.

Etwa im Sport-, Musik- oder Kunstunterricht gehen sie schon nach einigen Wochen stundenweise in eine Regelklasse, sagt Mischnick: „Sie bekommen dann wenigstens einen Eindruck, wie eine Klasse hier in Deutschland funktioniert.“

Lehrerin: Mit Traumatisierungen kenne ich mich nicht aus

Es kam auch schon vor, dass ein Junge plötzlich minutenlang ins Leere starrte, nicht ansprechbar war, berichtet die Pädagogin: „Da kann ich nur abwarten. Mit Traumatisierungen kenne ich mich nicht aus.“ Für den Experten Funk ist das ein Alarmsignal. Lehrer müssten in diesem Bereich fortgebildet werden. Zudem bräuchten die Schulen dringend mehr Sozialpädagogen und Psychologen.

Das sieht auch Gaby Grosser so, Leiterin der Regionalen Arbeitsstelle zur Förderung von Kindern und Jugendlichen aus Zuwandererfamilien (RAZ) in Osnabrück. „Es reicht nicht, diese Kinder in den Schulen nur unterzubringen. Wir werden uns mit den Folgen von Flucht und Vertreibung noch in den nächsten zehn Jahren und wahrscheinlich auch noch in der zweiten Generation auseinandersetzen müssen.“

Lehrerin Mischnick, die selbst aus Ungarn stammt, ist trotz aller Schwierigkeiten mit ganzem Herzen dabei, macht den Kindern Mut, auf dem Schulhof auf die deutschen Mitschüler zuzugehen. „Denn eine Sache vereint alle Flüchtlingskinder“, sagt sie: „Sie wollen. Sie sind begierig, Deutsch zu lernen und sich hier zu integrieren.“ (epd/mig)

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