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Angela Merkel, an die Türken nach der Rede des türkischen Premiers Erdogan in Köln, März 2008

Sorgen

Zwischen (Schein)lösungen

Sorgen von Bürgern sollte man ernst nehmen. Man sollte auf sie eingehen und die Sorgen auflösen. Wenn jemand beispielsweise Angst davor hat, Opfer eines Terroranschlags zu werden, sollte erklärt bekommen, dass es wahrscheinlicher ist, an einer Fischgräte zu sterben.

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Sais Rezek © Privat, bearb. MiG

VONSaid Rezek

Said Rezek ist Student der NRW School of Governance und beschäftigt sich mit Fragen der Einwanderungsgesellschaft. 2015 erhielt er die Auszeichnung der Akademischen Arbeit des Jahres. Mehr von Said Rezek auf Facebook und auf said-rezek.de.

DATUM15. August 2016

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RESSORTAktuell, Meinung

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Die Nöte besorgter Bürger besonders ernst zu nehmen ist richtig und wichtig. Das ist keine Polemik. Jede Sorge, ist aus der Sicht jeder Person berechtigt. Es stellt sich jedoch die Frage, ob es objektiv überhaupt Grund zur Sorge gibt.

Nehmen wir eine weit verbreite Sorge: „Muslime stellen bald die Mehrheit in Deutschland, dann herrscht hier die Scharia und wir Deutschen haben dann nichts mehr zu sagen“. Klingt komisch, aber solche Ängste gibt es wirklich. Man begegnet ihnen überproportional oft bei Pegida-Demonstrationen und deren Ablegern. Eine andere, nicht weniger ernstzunehmende, Sorge ist die gefühlte Gefahrenlage nach Terroranschlägen.

Im Prinzip sind Politiker gut beraten, auf solche Sorgen einzugehen. Es kommt jedoch wie so oft auf das „Wie“ an. Eine Möglichkeit wäre, den Menschen diese Sorgen zu nehmen, indem man sie aufgreift und widerlegt, wenn sie mit der Realität im Widerspruch stehen. Alternativ können die Sorgen verstärkt werden, indem irrationale Ängste geschürt werden. Das macht vor allem die AfD. Aber nicht nur.

Vor allem Wahlkämpfer neigen zu dieser Methode, weil sie sich einen kurzfristigen Erfolg in Form von Wählerstimmen versprechen. Die Kehrseite der Medaille ist ein vergiftetes gesellschaftliches Klima.

Die Burkaverbotsdebatte ist ein Paradebeispiel dieser plumpen Manöver. Einige Unionspolitiker haben sie im Kontext der Terrorbekämpfung auf die politische Agenda gesetzt. Es handelt sich dabei um nicht mehr oder weniger als eine Scheinlösung und Symbolpolitik auf Kosten des gesellschaftlichen Friedens.

Ehrlicher wäre es, den Bürgern die Wahrheit zu sagen. Eine Formulierungshilfe: Es wird niemals eine absolute Garantie geben, um Anschlägen vorzubeugen. Wir werden die Sicherheitsbehörden aber bestmöglich ausstatten, damit sie gewappnet sind. Und nicht vergessen darf: Die Wahrscheinlichkeit durch einen Terroranschlag ums Leben zu kommen ist niedriger, als durch eine Fischgräte zu sterben.

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3 Kommentare
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  1. Josef Clemens Artzdorf sagt:

    Ein mit uns seit Jahren eng befreundetes persisches Ehepaar ist aus dem Iran weg gegangen, unter anderem auch deshalb, weil sie den, für eine gebildete Frau, Zitat, „unerträglichen“ Kleidungsvorschriften dort, ein für alle mal aus dem Weg gehen wollten, und ihren Töchtern diesen, Zitat, „Unsinn“ ersparen wollten. Auch unsere türkische Nachbarsfamilie, durchaus gläubige Muslime, lehnen weibliche Kleidungsvorschriften, und es handelt sich ja immer um solche, strikt ab.
    Ich kenne den Islam immer noch zu wenig um die Problematik wirklich beurteilen zu können, alle diese Leute aber versichern mir, dass ihre Religion ihnen das nirgendwo vorschreibt.
    Ich gestehe, auch für mich sind Männer, die diese Kleidung von ihren Frauen erwarten, ziemliche „Chauvis“. Und als westliches „männliches Wesen“ fühle ich mich auch persönlich sehr unwohl gegenüber Leuten, die glauben, dass ich über jede Frau, deren eventuell unbekleideter Unterarm mit zu Gesicht kommt, potentiell das Bedürfnis habe herzufallen. Welch ein Männerbild!
    Im Übrigen, ich muss es leider sagen, das Argument mit den „Fischgräten“ ist eine peinliche Missachtung der Getöteten von Nizza, Paris und anderswo, und dem Leid der hinterbliebenen Angehörigen. Und das, obwohl ich in der Sache zustimme. Es ist durchaus möglich diese offensichtliche Tatsache auch ohne Kränkung zutiefst betroffener Menschen anzusprechen!

  2. President Obama sagt:

    Die Wahrscheinlichkeit mit der Gräte mag zwar höher sein, aber das ist ja nun nicht der Maßstab. Der Einzelne kann den Schadenseintritt vermeiden, er isst entweder keinen Fisch oder zerpflückt den sehr sorgfältig.

    Wie vermeidet der Einzelne nun Terrorismus? Er trifft keine Terroristen ist da eher eine schlechte Lösung. Er meidet Menschenmengen, Züge, Flugzeuge, Konzerte, Urlaube…..

    Die Angst vor Terror ist weniger fassbar. Aufklärung ist gut, aber auch nicht Allheilmittel.

    Die Burkadiskussion ist doch schon wieder durch. Da spricht doch Niemand mehr so ernsthaft drüber. Sie steht dennoch wurde die subjektive Angst, weil viele Menschen diese Art befremdet. Fremdes und Angst sind schlechte Partner.

  3. Robert Eich sagt:

    Herr Rezek, Respekt vor Ihrer Meinung, aber haben Sie sich, da Sie ja darüber schreiben, auch einmal so ein Gewand angezogen, vielleicht nur einen Tag lang? Einfach nur wie jemand, der wissen will, worüber er schreibt. Für mich liegt es auf der Hand, schon beim Anblick dieser Menschen, dass sie in ihrem Menschsein reduziert wurden wie Amputierte, Gedemütigt und amputiert, Vollverschleiert. Was Ist Ihre Meinung zu diesem Argument?



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