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"Muslim-Bashing"

Streit über Beteiligung von Ditib an Religionsunterricht

Die Diskussion über die Beteiligung des türkisch-islamischen Verbands Ditib am Religionsunterricht ging am Wochenende weiter. Der Einfluss von Erdoğan wird vermutet, nachgewiesen ist es nicht. Ditib spricht von „Bashing von Muslimen“. So würden Muslime entfremdet.

In der Diskussion über Kooperationen mit dem Türkisch-Islamischen Union der Anstalt für Religion (Ditib) haben deutsche Bundespolitiker den Verband erneut zur Distanzierung von der Politik des türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdoğan aufgefordert. Unionsfraktionschef Volker Kauder sagte, Ditib sei „offenbar Sprachrohr von Präsident Erdoğan“ und sollte deshalb keinen islamischen Religionsunterricht in Schulen gestalten. Stephan Mayer (CSU) verlangte von Ditib, die „Eigenständigkeit unter Beweis zu stellen“. Ein Beleg, dass die Ditib von Ankara gesteuert wird, liegt bislang allerdings auch nicht vor.

Kerstin Griese (SPD) sagte, es könne nicht geduldet werden, „dass Erdoğans Politik in deutsche Moscheegemeinden hineingetragen wird“. Für die Grünen betonte Volker Beck, es sei gut, dass die „deutsche Politik“ im Umgang mit der Ditib „ihre Naivität“ ein Stück weit abgelegt habe.

Politiker besorgt

Kauder sagte, er beobachte mit Sorge „Versuche der Einflussnahme“ der türkischen Regierung auf die in Deutschland lebenden türkischstämmigen Bürger. Eine Zusammenarbeit könne nur fortgesetzt werden, wenn sich Ditib nicht als „unkritisches Sprachrohr instrumentalisieren lässt“, sagte der innenpolitische Sprecher der CDU/CSU-Bundestagsfraktion Mayer der „Welt“.

Griese, kirchen- und religionspolitische Sprecherin der SPD-Bundestagsfraktion und Ratsmitglied der Evangelischen Kirche, sagte der Welt, sie erwarte, dass der Verband die türkische Politik nach dem Putschversuch nicht „rechtfertigt oder gar unterstützt“. FDP-Chef Christian Lindner forderte laut Bild am Sonntag von allen Islamverbänden, „eine deutlich entschlossenere Arbeit gegen jede Form der Radikalisierung“.

Hessen hält an Ditib fest

Ditib, der größte Islamverband in Deutschland, ist mit der türkischen Religionsbehörde Diyanet verbunden, die zum Beispiel die Imame für die Ditib-Moscheen schickt und bezahlt. Kritik daran gibt es schon seit vielen Jahren. In mehreren Bundesländern arbeitet die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib) am Religionsunterricht mit.

Hessen beispielsweise arbeitet seit mehr als drei Jahren mit der Ditib und spricht von einer „bewährten Zusammenarbeit“. Die Landesregierung überprüfe regelmäßig den von Ditib-Leuten erteilten Religionsunterricht. Dabei habe sich bislang gezeigt, dass es keinen Einfluss des türkischen Staats gebe. Die FDP-Generalsekretärin und frühere hessische Kultusministerin Nicola Beer sieht den Islamunterricht an 46 hessischen Grundschulen nicht gefährdet.

Ditib beklagt „Bashing von Muslimen“

Ditib-Sprecher Zekeriya Altug hatte gegenüber dem Evangelischen Pressedienst von „Bashing von Muslimen“ gesprochen. Durch das Verhalten mancher Politiker würden die Muslime genau zu dem gedrängt, was man ihnen unterstelle: Dass sie sich von Deutschland weiter entfremden. Ditib habe „stets zu Ruhe und Entspannung aufgerufen“, sagte er.

Griese und Beck forderten am Wochenende aber auch dazu auf, mit Ditib im kritischen Gespräch zu bleiben. Bisher habe der Islam in Deutschland keine repräsentativen Vertretungsformen, sagte Griese. Das liege daran, dass der Islam zwar eine Religion, aber keine Kirche sei. Dennoch könne sich der Islam in Deutschland demokratisch repräsentativ organisieren.

Laschet: Ditib war Garant

Beck forderte eine „bekenntnisförmige Neuorganisation“ der Muslime zu Glaubensgemeinschaften. Bisher bezögen sich die islamischen Verbände in ihrer Abgrenzung untereinander nicht auf religiöse, sondern auf politische und sprachliche Unterschiede. Auch der stellvertretende CDU-Bundesvorsitzende Armin Laschet forderte im Deutschlandfunk, Ditib müsse „sich völlig neu organisieren und auch unabhängig machen“.

Laschet verwies aber auch darauf, dass deutsche Behörden über Jahrzehnte froh gewesen seien, dass Ditib sich um die türkischen Gläubigen gekümmert habe. Weil Ditib vom türkischen Staat abhängig sei, sei damit auch garantiert gewesen, „dass ein Islam in den Moscheen gepredigt wurde, der mit dem Grundgesetz vereinbar ist“, sagte er.

Die rheinland-pfälzische Landesregierung hatte am Freitag angekündigt, die Gespräche mit den islamischen Verbänden, auch Ditib, vorerst auszusetzen. Beck lobte das Modell in Nordrhein-Westfalen, wo beim islamischen Religionsgesetz ein Beirat unter Beteiligung der Verbände und Sachverständigen die Rolle der Religionsgemeinschaften ersetze. (epd/mig)