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Erwerbsquoten der inländischen (43 %) und ausländischen (70,8 %) Bevölkerung der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1970.

Friedrich Heckmann, Die Bundesrepublik als Einwanderungsland?, 1981

Islamexperte

Muslime müssen politisch sein

Müssen Islam und Muslime in Deutschland unpolitisch sein? Und wenn ja, warum? Das sind alte Fragen, die an Aktualität nichts eingebüßt haben. Akif Şahin ist überzeugt: Muslime müssen ihren Glauben politisieren.

Akif Şahin, Islamexperte, Blogger, Kolumne, Migazin
Akif Şahin, IslamExperte © privat, bearb. MiG

VONAkif Şahin

Akif Şahin, 1982 in Hamburg geboren, war über 16 Jahre in der muslimischen Jugend- und Studentenarbeit aktiv. Er arbeitet heute überwiegend freiberuflich als Blogger, Journalist und Media-Consultant. Außerdem hält er als freiberuflicher Dozent Vorträge zu verschiedenen Themen.

DATUM5. August 2016

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RESSORTAktuell, Meinung

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Der Vorwurf, Muslime würden sich politisch einmischen, ist nicht neu. Damit einhergeht häufig auch der „Islamismus“-Vorwurf. Auch aktuell stellen sich „liberale“ und Pseudomuslime auf und kritisieren, der Islam sei politisch geworden. Und dieser politische Islam sei das eigentliche Übel unserer Zeit. Selbst aus Kreisen der Wissenschaft und auch aus der konservativen muslimischen Community werden solche Vorwürfe erhoben. Hier scheint es ein Wahrnehmungsproblem zu geben.

Es ist verständlich, dass man Abneigungen gegen Konzepte hat, die aus dem Nahen Osten kommen. Aber diese Konzepte haben wenig mit dem „politischen Islam“ in Deutschland zu tun. Schauen wir uns doch hierzu einfach unsere bestehende Realität an. Wir leben in einem säkularen Staat, der keine Staatskirche kennt. Die Gesetze in diesem Land gelten für alle Menschen, egal welches Geschlecht und welche Religion sie haben. Allein deshalb entstehen aber Probleme. Denn die Gesetze decken das Spektrum des Islam und der Muslime nicht ab – sie sehen muslimisches Leben in diesem Staatswesen eigentlich gar nicht vor.

Ist Religion Privatsache?

Dieser Staat kann beispielsweise keinen „islamischen“ Religionsunterricht ohne muslimische Religionsgemeinschaften erteilen. Dieser Staat kann keine Steuern von Muslimen einziehen, um sie für die muslimische Gemeinschaft auszugeben. Dieser Staat kann keine Imame ausbilden, einstellen und verbeamten. Die Feiertage in diesem Land sind christlich dominiert. Der Bau von Moscheen stellt Gemeinden vor Probleme. Das Gebet ist immer wieder neben der muslimischen Bekleidung, Streitthema in Betrieben und Gerichten. Selbst das Schächten ist eigentlich in Deutschland gar nicht vorgesehen.

Angesichts solcher Grundvoraussetzungen, die im Übrigen nicht neu sind, ist es gar nicht möglich, sich unpolitisch zu verhalten, wenn man religiöses Leben in Deutschland organisieren möchte. Als Muslim und muslimische Gemeinschaft ist man dazu gezwungen seinen Glauben zu politisieren und Forderungen an den Staat zu stellen, damit muslimisches Leben überhaupt möglich wird. Anderenfalls wären heute viele Freiheiten, die man als Muslime in Deutschland genießt, gar nicht vorhanden. Man hätte sich nämlich auf die Formel „Religion ist Privatsache“ berufen können. Wie weit das reicht, sehen wir mit Blick auf das Verfassungsgericht, das neben Klagen zu Kopftuch, Gebet und Schächten auch über grundsätzliche Fragen der Religionsausübung entscheiden musste.

Ohne Politisierung gäbe es viele Freiheiten nicht

Als Muslim hatte man keine Rechte, die ausreichend waren, um das muslimische Leben zu organisieren. Deshalb hat man sich politisiert. Deshalb hat man Forderungen gestellt und der Kampf der ersten und zweiten Generation von Muslimen mit Migrationshintergrund hat an vielen Stellen Früchte getragen. Sonst gäbe es heute vermutlich deutlich weniger Möglichkeiten, das muslimische Leben in Deutschland zu gestalten und zu verbessern.

Anhand neuer Projekte sieht man, wie Vielfalt in der muslimischen Community, dank der Menschen, die ihre Forderungen ausformulieren und politisieren, weiter zunimmt. Man stelle sich vor, wie dies wohl ausgesehen hätte, wenn man den blinden Forderungen nach einem „unpolitischen Islam“ in Deutschland gefolgt wäre. Hätten Muslime ihren Scheffel unter den der Kirchen stellen sollen? Hätten sie sich Unterordnen und einfach hinnehmen sollen, dass sie Menschen zweiter Klasse sind? Hätten sie einfach schweigen sollen, wie es viele gefordert haben?

Unpolitischer Islam und Moderne Form von Macht

Ein Freund aus früheren Tagen bemühte immer den türkischen Spruch „Wer nicht weint, bekommt keinen Schnuller!“, um die muslimische Gemeinschaft in Deutschland zu verorten – vor fast zwanzig Jahren. Man sollte deshalb genau hinsehen, für was die Leute, die einen „unpolitischen Islam“ fordern, eigentlich stehen. Es geht bei der Debatte nicht um unpolitische Muslime oder den unpolitischen Islam. Es geht darum, sie mit falschen Vorstellungen und Behauptungen ihrer Möglichkeiten und Rechte zu berauben.

Interessanterweise sind diejenigen, die Forderungen nach einem unpolitischen Islam aufstellen, meistens auch diejenigen, die selbst politisch „den Islam“ und „die Muslime“ missbrauchen. Entweder dient die Floskel dem Versuch, sich innerhalb der Gesellschaft anzubiedern oder dem Bücherverkauf, oder es dient tatsächlich der Machtgewinnung als Staat.

Levent Tezcan beschreibt es in seinem Buch „Das muslimische Subjekt“ wie folgt: Wie Religiosität gelebt und gelehrt wird, ist von zentraler Bedeutung für die moderne Form von Macht. Und damit auch eine Frage der Debatten um die Integration von Muslimen in Deutschland. Doch leider wird die Debatte weiterhin nur so geführt, dass die meisten Menschen davon nichts mitbekommen. Wir führen Scheindebatten um Symbole, die im Grunde nichts mit dem ursprünglichen Problem zu tun haben: Wie kann die Integration von Muslimen, aus staatlicher Sicht, in eine Gesellschaft gelingen?

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Ein Kommentar
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  1. Lynxx sagt:

    Mit dem grundgesetzlich verankerten Recht auf frei Wahl und ungestörte Ausübung der Religion empfindet man sich als Muslim in der BRD häufig getäuscht: Da ist man auf der Grundlage dieser Religionsfreiheit zum Islam konvertiert, doch „die Gesetze decken das Spektrum des Islam und der Muslime nicht ab – sie sehen muslimisches Leben in diesem Staatswesen eigentlich gar nicht vor“, und wenn man das beanstandet, wird einem vielleicht geantwortet: „Wenn Sie als Muslim leben wollen, müssen Sie in ein muslimisches Land auswandern.“ Vor langer Zeit schrieb jemand noch: „Die Muslime gehören zu den Stillen im Lande.“ Wer berechtigte Forderungen nicht einmal stellt, der wird auch nicht gehört und nicht beachtet.



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