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Unattraktiver Job

Noch ein langer Weg zum „deutschen“ Imam

In Deutschland ausgebildete Imame sind ein Wunsch der Politik. Mit den Flüchtlingen werden Moscheen mehr und mehr zu Orten der Integration. Doch die Hoffnung, deutsche Unis würden muslimische Geistliche hervorbringen, erfüllt sich derzeit noch nicht.

Radikale Prediger oder Geistliche aus der Türkei: Vermehrt wird in Deutschland gefragt, wer in den Moscheen hierzulande vorbetet. Viele Politiker wünschen sich mehr Einblick und Kontrolle. Dem Imam wird zunehmend auch eine Schlüsselrolle bei der Integration der Flüchtlinge zugeschrieben. Rufe nach Imamen „made in Germany“ werden laut – in Deutschland ausgebildet, auf deutsch predigend. Hoffnungen liegen dabei auf den 2011 gegründeten Lehrstühlen für islamische Theologie an deutschen Hochschulen. Doch ein Blick in die Praxis zeigt: Ein Ausbildungsmodell für Imame sind die akademischen Einrichtungen – zumindest noch – nicht.

Zwar steigt die Studentenzahl an den fünf etablierten Zentren in Tübingen, Münster, Osnabrück, Erlangen-Nürnberg und Frankfurt am Main kontinuierlich – 1.800 „Erstis“ waren es nach Angaben des Bundesbildungsministeriums im Wintersemester 2015/16. Ein sechstes Institut soll in Berlin eingerichtet werden. Doch nur wenige starten das Studium derzeit mit dem Berufsziel Imam.

Keine klare Berufsperspektive

In Münster, wo der Islam-Professor Mouhanad Khorchide lehrt, gibt es beispielsweise je 100 Plätze für Religionslehrer und islamische Theologen. Für das Pädagogikstudium gab es laut Khorchide 1.500 Bewerbungen, es gibt einen Numerus Clausus und eine klare Berufsperspektive. Bei den Theologen sind es viel weniger Bewerber, nur eine Minderheit will außerdem Imam werden. „Viele wollen im akademischen Bereich bleiben oder streben Beratertätigkeiten an“, sagt Khorchide.

Auch in Tübingen hat nur ein Bruchteil der Studenten nach Worten des wissenschaftlichen Leiters des Zentrums für islamische Theologie, Ruggero Vimercati Sanseverino, das Berufsziel Imam im Blick. In Osnabrück ist nach Schätzung des Dozenten Jörg Ballnus zwar ein Drittel der Studenten bereit, in die Gemeinden zu gehen. Es fehle aber an einer klaren Berufsperspektive.

Job als Imam unattraktiv

„Der Job als Imam ist für die meisten Studierenden nicht so attraktiv, wie er derzeit gestaltet ist“, erklärt Khorchide. Man brauche neue Modelle, „bei denen es nicht nur darum geht, am Freitag die Predigt zu halten oder vorzubeten“. Anders als bei Pfarrern ist der Beruf eines islamischen Geistlichen nicht zwangsläufig mit seelsorgerlicher Arbeit verknüpft.

Ein weiteres Problem ist die noch fehlende Verbindung zwischen Studium und Praxis. „In den Verbänden steht die Einbindung von Absolventen der Lehrstühle für islamische Theologie noch ganz am Anfang“, sagt Jörg Ballnus vom Institut für islamische Theologie in Osnabrück.

Keine praktische Ausbildung

Bei evangelischen Pfarrern und katholischen Priestern schließt sich nach dem Theologiestudium das innerkirchliche Vikariat beziehungsweise Priesterseminar an. Bei den Muslimen in Deutschland übernehmen diese praktische Ausbildung die Verbände – bislang in der Regel ohne vorheriges Studium. Sie könnten Theologie-Studenten einbinden. Aber: „Die Etablierung der islamischen Theologie an Hochschulen mit dem Ziel der Ausbildung von Imamen wird von manchen als Konkurrenz zu der eigenen Ausbildung gesehen“, sagte Khorchide. Die Verbände und Moscheegemeinden sind es am Ende, die Imame einstellen und bezahlen.

Die Verbände äußerten sich auf Anfrage prinzipiell aufgeschlossen. Die Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion (Ditib), die in Deutschland die meisten Imame – ausgebildet in der Türkei – stellt, verwies auf ein Pilotprojekt, in dem Studenten einen Monat lang das erlernen sollen, was zur Arbeit eines Imams gehört. Es diente dazu, Konzepte für die Aus- und Weiterbildung von Uni-Absolventen zu testen, sagte eine Sprecherin des Verbands in Köln.

Imam-Beruf neu erfinden

Derzeit wird es ausgewertet. „Es ist geplant, das Projekt auszuweiten und ortsnah zu den Zentren für Islamische Theologie anzusiedeln“, erklärte sie. Sie betonte allerdings auch, dass Ditib mit den derzeitigen Lehrstühlen „nicht immer darüber einig ist“, für welche Ausbildungsteile jeweils Universität oder Religionsgemeinschaft zuständig sein sollen. Der Zentralrat der Muslime erklärte, er würde es begrüßen, wenn die Zahl der hierzulande ausgebildeten Imame Überhand gewinnt – „nicht nur, weil sie ein besseres Verständnis für unsere Gesellschaft entwickeln können“.

Offen bleibt am Ende auch die Bezahlung der Imame. Bis auf die Islamische Gemeinschaft Milli Görüş (IGMG) oder der Verband Islamischer Kulturzentren (VIKZ) haben die meisten Organisationen bislang nicht die finanziellen Mittel, um im größeren Umfang etwa über Mitgliedsbeiträge Imame zu bezahlen. Darin sieht der kirchenpolitische Sprecher der Grünen im Bundestag, Volker Beck, ein Problem, „dass der Islam organisationsrechtlich noch nicht richtig in Deutschland angekommen ist.“ Khorchide, Ballnus und Sanseverino hoffen auf baldige Modelle. Spätestens im kommenden Jahr werden nämlich die ersten Absolventen der Studiengänge für islamische Theologie erwartet. Bis dahin, so Sanseverino, müsse der Beruf des Imams in Deutschland „vielleicht neu erfunden werden“. (epd/mig)