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Migration und Integration in Deutschland

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Niedersachsens Ministerpräsident David McAllister, Anlässlich „50 Jahre deutsch-türkisches Anwerbeabkommen“, 28.03.11, Hannover

Vom Container zur Paulskirche

Frankfurter bieten Stadtführungen für Flüchtlinge an

Den oft tristen Alltag von Flüchtlingen in Notunterkünften wollen Stadtführer in Frankfurt am Main unterbrechen: Sie führen Flüchtlinge seit Anfang Juli durch die City und erklären ihnen dabei Grundlagen der Gesellschaft. Das Angebot kommt gut an.

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Eine Kirche in Frankfurt © friedenspanzer @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Eine Menschentraube bildet sich vor dem Kühlregal im Supermarkt. Kinder und Erwachsenen aus Syrien, Irak und Afghanistan nehmen Limonaden- und Saftflaschen heraus und betrachten die Etiketten. Ein Vater fragt, ob in „Red Bull“ Alkohol ist. Schließlich wählt jeder eine bunte Flasche mit süßem Inhalt, Wasser ist nicht dabei. Die Gruppe von 30 Flüchtlingen stattet sich für eine Stadtführung in Frankfurt aus.

Die Idee, Flüchtlingen alle 14 Tage für drei Stunden die Frankfurter City näherzubringen, stammt von Stadtführer Dieter Wesp und Stadtteilhistoriker Hans Zimmermann. „Wir haben im Verein Frankfurter Stadt- und Gästeführer überlegt, wie wir Flüchtlingen die Integration erleichtern können“, berichtet Wesp. „Wir wollen ihnen an historischen Orten zeigen, wie wir Toleranz, Gleichheit der Geschlechter und Demokratie praktisch leben.“ Die Führer arbeiten ehrenamtlich. Für Fahrkarten, Getränke und Imbiss stellt die Frankfurter Stiftung Polytechnische Gesellschaft 6.000 Euro im Jahr zur Verfügung.

Am Start betrachten die Familien und jungen Männer die historischen Gebäude der evangelischen St. Katharinenkirche und der Hauptwache, hinter der Bankenhochhäuser aufragen. Früher hätten sich Katholiken und Protestanten bekämpft und getötet, erklärt Wesp. Das sei heute anders, die Konfessionen lebten friedlich miteinander. Nasser (40) zieht sein Handy heraus und zeigt Fotos: An der Stelle seines Hauses im syrischen Daraa liegen nur Trümmer, der Straßenzug ist zerbombt.

Er habe eine Bäckerei gehabt, sagt er in gebrochenem Deutsch. Mit zwei Kindern sei er hier, seine Frau und zwei andere Kinder lebten noch zu Hause bei Nachbarn. Die blinkende Frankfurter City ist ihm doppelt fremd. Die Containerunterkunft im Stadtteil Sachsenhausen, in der er seit einem halben Jahr lebt, sei schlecht, klagt er. 14 Personen müssten sich einen Container teilen, es gebe zu wenige Duschen und Toiletten. Sein Sohn Mohammed (13) scheint sich schon gut eingelebt zu haben. Er besuche die Schule und habe dort sechs Freunde aus verschiedenen Ländern, erzählt er in recht gutem Deutsch. An Frankfurt gefallen ihm die Hochhäuser.

Die ehrenamtlichen Stadtführer geleiten die Gruppe über die Kleinmarkthalle zur Paulskirche. „In diesem Gebäude wurde die deutsche Demokratie erfunden“, erklärt Wesp. Er zitiert einige der dort 1848 aufgeschriebenen Rechte: „Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Alle Menschen dürfen ihre Meinung frei äußern. Alle Menschen dürfen ihre Religion frei wählen.“ Viele hören interessiert zu, einige junge Männer ziehen es vor, sich im Hintergrund zu unterhalten oder auf ihre Handys zu drücken.

Wesp erklärt auf Deutsch. Die Flüchtlinge sollten zur Integration auch die Sprache lernen, begründet er. Zur Hilfe bekommen sie Blätter in die Hand, auf denen die wichtigen Sätze neben Deutsch auf Arabisch, Paschto, Tigrigna und Englisch mitzulesen sind, Farsi soll demnächst dazukommen. Auch eine Vokabelliste in diesen Sprachen ist angefügt.

Ferass aus dem syrischen Aleppo ist mit seiner Frau und seinem zweijährigen Sohn im Kinderwagen dabei. Er nehme teil, um Frankfurt kennenzulernen, sagt er auf Englisch. Sein Geschäft zu Hause als Modedesigner habe er verloren. Auch er kam im vergangenen Herbst nach Deutschland und lebt seit einem halben Jahr in der Sachsenhäuser Containerunterkunft. „Das Camp ist sehr schlecht“, beklagt er sich. Drei Familien müssten sich einen Raum teilen, das Essen schmecke nicht und sein kleiner Sohn sei ständig krank. „Ich würde nicht noch einmal hierherkommen“, sagt er.

Die Gruppe geht weiter zum Rathausplatz, dem Römerberg. Wesp macht auf den Gerechtigkeitsbrunnen aufmerksam und erklärt den Sinn der Justizia-Figur mit der Waage in der einen und dem Schwert in der anderen Hand. „Aber heute wird nicht mehr mit dem Schwert bestraft“, fügt er an.

Als letzte Attraktion steuert der Führer das Weltkulturen-Museum an. „Hier erfährt man vieles über Menschen aus der ganzen Welt, fremde Sitten und Vorstellungen“, erläutert Wesp. „Es gibt für den Menschen viele Möglichkeiten, das Leben zu gestalten.“

„Salam Aleikum“, begrüßt die Kustodin Mona Birgit Suhrbier die Gruppe und wünscht jedem Einzelnen mit Handschlag „Guten Tag“. „Wer übersetzt?“, fragt sie. Zwei Jungs im Schulalter melden sich, der eine übersetzt den Erwachsenen auf Arabisch, der andere auf Paschtu. Suhrbier sagt einige Sätze über die aktuelle Ausstellung mit Kunst aus Südafrika und den Hintergrund der Apartheid, kleine Kinder quaken. Einige der Gäste sehen sich dann die Kunstwerke an, andere unterhalten sich lieber draußen. Erschöpft soll keiner in die Unterkunft zurückkehren: Zum Abschluss kehren alle auf dem Dönerschiff am Main ein. (epd/mig)

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