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Juden

Wir sind ganz normale Leute, aber keiner glaubt uns das

Für den einen gibt es zu wenig jüdische Querköpfe, für die andere sind sie überall. Maxim Biller und Mirna Funk äußern sich in einer unsinnigen Diskussion. Von Jonathan Steinke

Holocaust, Denkmal, Berlin, Juden, Völkermord, Antisemitismus
Holocaust Denkmal in Berlin © georgenell auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONJonathan Steinke

Jonathan Steinke promoviert in Berlin über Agrarentwicklung und ist Redakteur beim transform Magazin. Ein Freund sagte einmal über seine jüdische Identität: "Du gehst aber nicht gerade hausieren damit."

DATUM3. August 2016

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RESSORTAktuell, Meinung

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Wo denn die jüdischen Intellektuellen seien, erbittert sich Maxim Biller in der Jüdischen Allgemeinen, alle wollten sie nur Ärzte oder Anwälte werden und den Eltern gefallen. Hier, guck mal auf uns, ruft die Autorin Mirna Funk in einem anerkennenswerten Portrait zurück, alles Künstler, Journalisten, Schriftsteller. Dieser angestrengten Selbstvergewisserung zuzusehen, tut trotzdem weh – wie offenbar allen Beteiligten klar ist: Keinesfalls dürfen die Juden sein wie alle anderen, sie müssen irgendwie etwas Besonderes sein und bleiben. Zur Not eben, wie Mirna Funk beschreibt, indem wir das jüdisches Opfernarrativ dreimal hochleben lassen, ohne dass „Deutsche“ uns dabei in den Arm fallen.

In einem hat Funk recht: Für die meisten Menschen hierzulande sind Juden kein Ding der realen Welt. Juden, die gibt es in Geschichtsbüchern, hier und da mal in der Flüchtlingsdebatte, und natürlich in der Literatur. Vor allem aber in Geschichtsbüchern. Die meisten Deutschen würden bestätigen: Sie kennen keine Juden, haben vielleicht noch nie einen getroffen.

Aber soll man das glauben? Geschätzt jede 500. Person auf unseren Straßen ist Jude. Auch der introvertierteste Bundesbürger dürfte schon einmal mit einer jüdischen Person zu tun gehabt haben, die meisten haben ja schon mehr als 500 Facebook-Freunde.

Dass die meisten Bürger keine Juden zu kennen scheinen, liegt nüchtern betrachtet daran, dass die Religionszugehörigkeit nicht mehr an ihre Schaufensterscheiben gepinselt wird. Dass sie in gewöhnlichen Sportvereinen Fußball spielen. Dass sie zumeist auf staatliche Schulen gehen. Und nicht zuletzt: Dass sie die volle Bandbreite der Berufe ausüben, und weder an der Denkerstirn, noch an ihrer unkonventionellen Wortwahl zum Holocaust zu erkennen sind.

Ich habe Funks Gedankenexperiment einmal nachgespielt und die Berufe meiner jüdischen Bekannten gesammelt: Es sind Chemiker, Linguisten, Schreiner, Flughafenmitarbeiter, Mechatroniker, Programmierer, Hausfrauen, und so weiter. Und, ja: Auch ein Journalist, immerhin zwei Romanautoren. Dennoch, glasklar, ich befinde mich in ganz anderer Gesellschaft als Funk und Biller. Die Juden in meinem Leben sind keine angepassten Streber, die ihren Müttern qua Einkommen etwas beweisen müssen. Aber auch kein Haufen Kreativer und rebellischer Intellektueller, Sartres, Chagalls, Ahrendts. Sie sind, was Juden nicht nur in den Augen vieler medienpräsenter Juden offenbar nicht sein dürfen: Normale Leute.

Man wisse alles über die toten Juden, aber nichts über die lebendigen, fasst Funk die aktuelle deutsche Juden-Problematik treffend zusammen. Gut, wenn den Leuten dann gezeigt wird: Ihr seht Theaterstücke von Juden, ihr lest Plattenreviews und Romane, seht Filme, die von Juden gedreht werden; sie sind Teil der intellektuellen Sphäre, Teil eures Alltags.

Viel seltener wird aber gesagt: Da gibt es nicht viel zu wissen – so anders sind die nicht. Nicht alle Juden arbeiten sich ein Leben lang an dieser Facette ihrer Identität ab. Juden, das sind auch die Polizistinnen, Kellner, Französischlehrerinnen, und Leute mit Jobs in der öffentlichen Verwaltung, die keiner versteht. „Die Judenschublade„, eine Dokumentation mit Lena Gorelik aus dem Jahr 2005, zeigt zumindest ansatzweise solche jüdische Normalmenschen.

Die überwältigende Mehrheit promoviert also nicht über den Holocaust, schreibt keinen Blog über jüdisches Alltagsleben, kurz gesagt: Hat andere Prioritäten im Leben als Jüdischsein, eine Tatsache, die sich viele Juden offenbar genauso schwer vorstellen können wie Nichtjuden. Und solange Juden in Deutschland – und sogar Menschen, deren Familienbiographie, wie bei Mirna Funk, durchaus keine reine Opfergeschichte ist – ein lustvolles, gewaltiges „Wir“ gegen „Die Deutschen“ setzen, wird mancher sich nicht vorstellen können, dass die Juden normale Leute sind. Leute, für die der Tag nicht mit dem Gedanken beginnt, sie seien ja Juden in Deutschland, sondern mit Kaffee und Zähneputzen.

Wenn alle Juden offenbar nur Anwälte und Ärzte, ansonsten aber Intellektuelle und Künstler sind, ist vorprogrammiert, dass Teile der Mehrheitsgesellschaft weiterhin denken: Die sind irgendwie anders als wir. Ein Widerspruch, zugegeben, der kaum aufzulösen ist: Wie sollen die Leute auch wissen, dass die Arbeitskollegin Jüdin ist, wenn sie keinen Davidstern trägt und ihr Jüdischsein so irrelevant findet, dass sie nie darüber redet? Vielleicht hilft dieser Text. Leute, macht euch klar: Die Juden sind unter euch, auch wenn ihr es nicht wisst. Ohne „J“ im Pass, ohne Klezmerromantik, und vor allem ohne ein großes Thema daraus zu machen. Genau das haben sich Generationen von Juden in Deutschland gewünscht.

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3 Kommentare
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  1. Schlumpfinale sagt:

    Danke Jonathan Steinke, endlich ein vernünftiges Statemant zu diesem Thema.

  2. Etinka sagt:

    Danke, Jonathan Steinke, das mußte gesagt werden.

  3. Sebaldius sagt:

    Guter Artikel, aber nicht ganz folgerichtig. Die Juden sind unter euch, aber keiner soll es merken – sowas kann doch nur funktionieren, wenn die Juden keine mehr sind.

    Das ist irgendwie faszinierend: Viele Juden beschwören ja immer ihre „jüdische Identität“ und ihr „jüdisches Leben“ in Deutschland. Aber was das überhaupt sein soll, und was sie damit meinen (und meistens wohl auch befürchten und heimlich beklagen), ist doch eigentlich nur ihre eigene Integration und „Assimilation“ in der deutschen Gesellschaft bis hin zur totalen Unsichtbarkeit.

    „Jüdische Identität“ und „Assimilation“ stehen in einem knallharten Gegensatz zueinander und schliessen sich gegenseitig aus. Wo das eine ist, kann das andere nicht sein. Und es ist docch bemerkenswert, dass sich kein einziger der beteiligten Autoren hier auch nur einmal getraut hat, dieses Wort „Assimilation“ auch nur zu erwähnen. Weder Maxim Biller in seinem Interview mit der Jüdischen Allgemeinen, noch Mirna Funk in ihrem Zeit-Artikel, noch der Autor dieses Migazin-Artikels Jonathan Steinke. Da nutzt es auch nichts, die berühmte „jüdische Identität“ durch Holocaust und Antisemitismus der Deutschen begründen zu wollen.

    Tatsache ist aber doch, dass das Judentum in Deutschland auf dem besten Weg ist zur vollständigen Assimilierung. Sogar Jonathan Steinkes jüdische Freunde sind keine ortodox jüdisch Gläubigen mehr, sondern nur noch „normale Leute“, also Chemiker, Linguisten, Schreiner etc, also nicht mehr unterscheidbar zu anderen „normalen Leuten“.
    Weit mehr als die Hälfte aller Juden heiratet in Mischehen mit Nichtjuden, ihre Kinder sind zum allergrössten Teil nichtjüdisch. Auf die Geburt eines jeden einzelnen jüdischen Kindes hier in Deutschland kommen sechs Sterbefälle von älteren Juden. Ob das „jüdische Leben“ in Deutschland nun in Auflösung begriffen ist durch Assimilation, ist demographisch gesehen also nur nur eine Frage der Zeit.

    Lesenswert dazu Rafael Seligmann:
    http://www.berliner-zeitung.de/interview-mit-dem-schriftsteller-rafael-seligmann-ueber-judentum-und-antisemitismus–assimilation-und-diverse-befangenheiten-in-deutschland-wer-hat-israel-gegruendet–16702554



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