MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Wenn ich mir die Hauptschulen in Ballungszentren anschaue, sehe ich es als zentralen bildungspolitischen Auftrag für diese Schulart, dass sie […] Schülern ein niederschwelliges Bildungsangebot macht […]. Gerade für Jugendliche mit Migrationshintergrund.

Präsident der Kultusministerkonferenz Ludwig Spaenle (CSU), taz, 20. Januar 2010

München

Es war rechter Terror und kein Amoklauf

Polizei und Politik sprechen weiterhin vom „Amoklauf“. Damit relativieren und vertuschen sie die rechtsextreme Gesinnung des Täters. David Ali S. hatte die Tat lange geplant und gezielt Ausländer getötet. Die Hinterbliebenen warten bis heute auf eine offizielle Beileidsbekundung. Von Birol Kocaman

Amok, Amokläufer, München, Terrorist, Breivik
Der Täter schießt vor der McDonals's Filiale wild um sich.

VONBirol Kocaman

Birol Kocaman ist Volljurist und ehrenamtlich aktiv in mehreren Sozialprojekten.

DATUM29. Juli 2016

KOMMENTARE6

RESSORTAktuell, Politik

SCHLAGWÖRTER , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Bisher gesicherten Erkenntnissen zufolge war der Münchener „Amokläufer“ David Ali S. ein Rechtsextremist. Er soll Hitler angehimmelt haben und stolz darauf gewesen sein, ein deutsch-iranischer „Arier“ zu sein. Dass er zufällig Geburtstag am 20. April hatte, derselbe wie bei Adolf Hitler, habe er als „besonders positives Schicksal“ angesehen.

Wie aus den bisherigen Ermittlungen hervorgeht, soll er Türken gehasst und seine Untat bewusst am fünften Jahrestag des Breivik-Massakers begangen haben. Der Norweger hatte am 22. Juli 2011 in Oslo und Utoya aus rechtsextremen und islamfeindlichen Motiven 77 Menschen umgebracht. David Ali S. hat neun Menschen ermordet. Alle haben einen Migrationshintergrund – vier waren türkeistämmig, drei waren Kosovo-Albaner.

Wenn dem so ist, darf diese Tat nicht als Münchener „Amoklauf“ in Erinnerung bleiben, sondern als rechtsextremer Terrorakt. Der Begriff Amok bezeichnet einen psychischen Ausnahmezustand mit blindwütig zerstörerischem Verhalten einer Person, die plötzlich und willkürlich Personen angreift. David Ali S. hingegen hat seine Tat von langer Hand geplant. Er hat weder plötzlich noch willkürlich getötet, sondern gezielt Menschen mit ausländischer Herkunft.

Weil die Polizei zur Tatzeit weder Motivation des Täters noch die Hintergründe der Tat kennt, kann aus pragmatischen Gründen zunächst von einem „Amoklauf“ gesprochen werden. Aus diesem Grund ist der Amok-Begriff in den Polizeidienstvorschriften bewusst weiter gefasst. Stellt sich im Nachhinein jedoch heraus, dass kein Amoklauf vorliegt, stellt die weitere Verwendung dieses Begriffs eine Irreführung der Öffentlichkeit dar, die sowohl den Hintergrund der Tat als auch deren Gesinnung vertuscht und relativiert.

Denn „Amoklauf“ suggeriert, der Täter sei aus heiterem Himmel außer Kontrolle geraten, habe wild um sich geschossen und hätte theoretisch jeden treffen können. Das trifft auf diesen Fall nicht zu. David Ali S. handelte planmäßig, aus blankem Ausländerhass und zielte bewusst auf „Ausländer“. Es wäre wichtig für die künftige Präventionsarbeit, wenn die Bevölkerung durch die richtige Bezeichnung, es war Rechtsterrorismus, auch in diese Richtung sensibilisiert werden würde.

Dringend notwendig wäre auch eine offizielle Geste der Anteilnahme gewesen. Weder ein Repräsentant des Freistaates noch der Stadt München waren bei der Trauerfeier für die Verstorbenen anwesend. Bis heute warten die Hinterbliebenen auf ein persönliches Wort. Wie die Angehörigen der Ermordeten berichten, haben sie stattdessen Unterstützung vom türkischen Konsulat erhalten und einen persönlichen Trauerbrief vom türkischen Staatspräsidenten Recep Tayyip Erdoğan; der türkische Außenminister habe jede betroffene Familie sogar persönlich angerufen. Verwundert es da noch, dass die Toten in der Türkei beigesetzt werden?

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

6 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Leider stimmt die Aussage nicht. Erkan Dinar vom Forum Islam war da. https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=10157217560590187&id=636130186&hc_location=ufi und schreibt: „Erkan İnan war live.

    ‪#‎München‬ ‪#‎Trauer‬ ‪#‎Zusammenhalt‬

    Muslime haben bei einem Gebet am Münchner Olympia-Einkaufszentrum der Opfer des Amoklaufs gedacht. Auch Münchens OB Reiter richtete Worte an die Trauernden.

    Sowas darf in der aufgeheizten Atmosphäre nicht passieren! Bislang hatte – nicht nur – ich das Migazin für eine vertrauenswürdige Quelle gehalten…

  2. Josef Clemens Artzdorf sagt:

    Es verwundert nicht, dass die Toten in der Türkei beigesetzt werden! Über 75% der verstorbenen türkischen Menschen in Deutschland werden in der Türkei beigesetzt, weil sie nicht auf christlichen Friedhöfen beerdigt werden wollen, und sie in „heimischer“ Erde ruhen wollen. Das ist sehr schade, weil mangelndes Heimatgefühl in Deutschland dabei eine Rolle spielt, woran die deutsche Gesellschaft gewiss ihren Anteil hat, dennoch bleibt es die freie Entscheidung der einzelnen Familien. Dieses also oft übliche Vorgehen nun als beleidigte Absage an die deutsche Gesellshaft zu interprätieren ist mir unverständlich.
    Ganz entschieden entgegen getreten werden muss dem Autor im Ansinnen auf Entschuldigungen deutscher Institutionen, Es ist der Mehrheitsgesellschaft nicht zu zumuten für ein verabscheuungswürdiges Verbrechen eines iranischen Schiiten, dessen Opfer gar perfider Weise offenbar Migranten wie er selber waren, die Verantwortung zu übernehmen. Wer das Mitgefühl für die Toten und Verwundeten und deren Angehörige, dass im ganzen Land von Herzen gekommen ist, und zwar auch von höchster Stelle, bewusst negiert, damit sein einseitiges Weltblid keinen Schaden nehmen muss, dem ist keineswegs an gedeihlichem Zusammenleben unterschiedlicher gesellschaftlicher Gruppierungen gelegen. An was aber dann?
    Im Übrigen leitet er eine Menge Wasser auf die Mühlen der hasserfüllten Feinde der Einwanderer, deren es in diesem Land in der Tat mehr als genügend gibt. Daüber sollte der Autor wirklich dringend einmal nachdenken!

  3. Nachtrag: https://www.bundesregierung.de/Content/DE/Artikel/2016/07/2016-07-29-trauerfeier-zu-amoklauf-in-muenchen.html;jsessionid=C3314E85D75E77677CE328BBD0B201B6.s7t1 „Die Bundesregierung trauert mit den Angehörigen der Anschlagsopfer. Am Sonntag nimmt Bundeskanzlerin Merkel an der Trauerfeier für die Opfer des Amoklaufs in München teil. Im Anschluss wird sie beim Trauerakt im Plenarsaal des Bayerischen Landtags erwartet. „

  4. Sami sagt:

    @ Maryam

    Versteh Ihre Kritik nicht. Was steht denn im Artikel?

    „Weder ein Repräsentant des Freistaates noch der Stadt München waren bei der Trauerfeier für die Verstorbenen anwesend.“ Das stimmt.

    „Bis heute warten die Hinterbliebenen auf ein persönliches Wort.“ Auch das stimmt. Dass Merkel am Sonntag nach München reist, ändert nichts an dem Ist-Zustand. Hier ein Video des BR, die ist bestimmt seriöser als Migazin 😉

    https://www.facebook.com/BR24/videos/10154225309765336/

  5. Maryam Dagmar Schatz sagt:

    Ich widerspreche Ihnen ungerne, Erkan Inan vom Münchneer Islamforum war auf dieser Trauerfeier und hat – von mir oben bereits verlinkt – gefilmt und daS das dazu geschrieben: „Muslime haben bei einem Gebet am Münchner Olympia-Einkaufszentrum der Opfer des Amoklaufs gedacht. Auch Münchens OB Reiter richtete Worte an die Trauernden. Hier ist der Link zu Erkans Post: haben bei einem Gebet am Münchner Olympia-Einkaufszentrum der Opfer des Amoklaufs gedacht. Auch Münchens OB Reiter richtete Worte an die Trauernden. https://m.facebook.com/story.php?story_fbid=10157217560590187&id=636130186&hc_location=ufi und hier ist das Video: https://scontent-frt3-1.xx.fbcdn.net/v/t42.9040-29/10000000_1805606832986784_2101281510_n.mp4?efg=eyJ2ZW5jb2RlX3RhZyI6InNkIn0%3D&oh=8d143dea0dcb26cfefa2dc3c90dfdbf3&oe=579BBB80; dort kann man deutlich hören, daß der OB begrüßt wird.

  6. […] 22. Juli 2016 erschoss der 18-jährige David S. acht Jugendliche zwischen 14 und 20 Jahren sowie eine 45-jährige Frau, bevor er sich selbst […]



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...