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Es sei denn, man würde die Lebensverhältnisse der Ausländer in der Bundesrepublik derartig nachhaltig verschlechtern, dass ein Leben am Rande des Existenzminimums in den Herkunftsländern vorteilhafter erschiene.

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“, 1979

Nach Nizza

Gelten unsere Werte auch für Muslime?

Nach dem Terroranschlag in Nizza sind sich Politiker aller Parteien einig. Das Ziel der Terroristen sei unsere Freiheit. Umso mehr müssten wir an ihr festhalten. Dazu kann ich als deutscher Muslim nur sagen: Leichter gesagt, als getan.

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Sais Rezek © Privat, bearb. MiG

VONSaid Rezek

Said Rezek ist Student der NRW School of Governance und beschäftigt sich mit Fragen der Einwanderungsgesellschaft. 2015 erhielt er die Auszeichnung der Akademischen Arbeit des Jahres. Mehr von Said Rezek auf Facebook und auf said-rezek.de.

DATUM16. Juli 2016

KOMMENTARE25

RESSORTAktuell, Meinung

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Während des Terroranschlags in Nizza saß ich zu Hause und verfasste einen Artikel über eine Muslimin in Frankreich, die aufgrund ihres Kopftuchs eine Kündigung erhalten hat. Ich schrieb bis mitten in die Nacht hinein. Wenn ich gewusst hätte, was zeitgleich geschehen ist, wäre die Nacht gewiss anders verlaufen. Wahrscheinlich hätte ich mir Gedanken gemacht, wie ich als Muslim, auf diese abscheuliche Tat reagieren sollte.

Doch warum eigentlich? Kann ich meinen Alltag nicht einfach fortsetzen? So, als ob nichts geschehen wäre? Auf diese Frage gibt es zwei Antworten. Zunächst einmal regen sich in meinem Inneren natürlich Gefühle der Trauer und Bestürzung. Gleichzeitig gibt es eine gewisse gesellschaftliche Erwartungshaltung. Nicht jeder Muslim ist sich dieser im gleichen Maße bewusst, doch sie existiert. Sie besteht darin, dass Muslime diese Tat mindestens verurteilen – und sich höchstens dafür entschuldigen sollten. Inwiefern sind diese sozial erwünschten Forderungen jedoch angebracht?

Bin ich ein schlechter deutsch-muslimischer Bundesbürger, wenn ich schweige und mein Leben nach außen hin, wie gewohnt weiter lebe? Politiker und Kommentatoren betonen nach Anschlägen wie in Nizza, die Bedeutung unserer Werte und Freiheit. Dazu zählt aus meiner Sicht auch, dass ich als Muslim, ohne schlechtes Gewissen weiterleben darf wie jeder andere nichtmuslimische Bürger auch. Das ich meinen privaten und beruflichen Verpflichtungen weiterhin wie gewohnt nachkomme. Ob und in welcher Form ich mich zu dem Terror äußere, ist die einzig und alleine meine Angelegenheit.

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25 Kommentare
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  1. posteo sagt:

    Frankreich ist ein laizistischer Staat, d.h. in Frankreich darf man auch nicht einfach ein Kruzifix tragen, wenn es dem Arbeitgeber nicht gefällt.
    Was geht sie demnach als Deutscher die Kündigung einer französischen Muslima überhaupt an? Oder wollen Sie implizit sagen, die Franzosen wären selber Schuld an dem Terror, wenn sie solche Urteile fällen?

  2. Hentiette sagt:

    provokative Frage: hat sich die Kirche einmal dafür entschuldigt, dass ab vor ca. 500 Jahren Menschen in Afrika und Amerika im Namen der Kirche getötet wurden bzw. diesen Menschen ihr eigener Glauben verboten wurde? Es ist auch im Namen einer Religion geschehen!

  3. Said Rezek sagt:

    In keinster weise habe ich den Kopftuchfall in Frankreich mit dem Anschlag in Nizza in Verbindung gebracht. Sie sehen Gespenster. Darüber hinaus bewerten Sie einerseits den Kopftuchfall und fragen was mich das überhaupt angeht? Doppelstandard? Ihre Frage ist so anmaßend und unverschämt, dass ich darauf nicht antworten werde.

  4. Claudius sagt:

    „Ob und in welcher Form ich mich zu dem Terror äußere, ist die einzig und alleine meine Angelegenheit.“
    Das sehe ich auch so. Ent“schuldigen“ können sich die Muslime ohnehin nicht für den Terror, da dieser nicht ihre Schuld ist. Die große Mehrheit der friedliebenden Muslime hat nichts, aber auch gar nichts mit dem Terror zu tun. Wer etwas anderes sagt, stellt die Muslime unter Generalverdacht. Das ist nicht zu akzeptieren. Soweit herrscht Einigkeit.

    Bedeutet das, dass auch der Islam nichts mit dem Terror zu tun hat?
    Nein, das wäre eine falsche Analogie. Zumindest aus der Sicht der Dschihadisten haben die Anschläge etwas mit dem Islam zu tun, sie legitimieren ihre Taten mit Suren aus dem Koran und meinen, dem Vorbild Mohammeds zu folgen und als Werkzeug Allahs zu töten. Wie darauf als Muslim reagieren? Schweigen – zur Tagesordnung übergehen?
    .
    Perspektivwechsel: Stellen wir uns doch mal vor, Jesus hätte zu seinen Jüngern gesagt: „Macht alle Menschen zu Christen, indem ihr sie tauft. Und wer sich nicht taufen lassen will, den tötet“. Und überall auf der ganzen Welt, wo sich das Christentum ausbreitet, würden radikale Christen Menschen töten, die sich nicht taufen lassen wollen. In allen Kulturen, überall auf der Welt würden christliche Killer sich auf diesen Satz von Jesus berufen und sagen, sie würden im göttlichen Auftrag handeln.
    .
    Wie würde ich als friedliebender Christ auf diese abscheulichen Taten reagieren? Schweigen – nein, wer schweigt, stimmt zu. Mich entschuldigen? Wieso, ist nicht meine Schuld, was in der Bibel steht. Die Taten verurteilen ? Wäre mir zu wenig, denn das Morden würde weitergehen. Ich würde was anderes machen und das auch von meinen Mitchristen erwarten:
    Ich würde als friedliebender Christ mich dafür einsetzen, dass dieser Satz, der für soviel Blutvergießen und Tränen in der Nacht verantwortlich ist, ersatzlos aus dem Neuen Testament gestrichen wird. Und wenn meine Mitchristen sagen würden „Der Satz ist aber heilig, der darf nicht abgeändert werden“ dann würde ich nicht länger zu so einer Killer-Religion dazugehören wollen.
    .
    Nun steht dieser Satz glücklicherweise nicht in der Bibel, und wer Gewalt anwendet, kann sich nicht auf den berufen, der gelehrt hat, seine Feinde zu lieben und wenn er geschlagen wird, die andere Wange hinzuhalten.

  5. Dagmar sagt:

    Sehr guter Kommentar, Claudius! Und, ja, das Verbot des Tragens von Zeichen der Religionszugehörigkeit trifft Muslima genauso wie Christinnen, ich kann Ihre Reaktion auf den Beitrag posteo nicht ganz nachvollziehen, Herr Rezek.

  6. posteo sagt:

    Hentiette sagt:
    17. Juli 2016 um 14:15
    provokative Frage: hat sich die Kirche einmal dafür entschuldigt, dass ab vor ca. 500 Jahren Menschen in Afrika und Amerika im Namen der Kirche getötet wurden bzw. diesen Menschen ihr eigener Glauben verboten wurde? Es ist auch im Namen einer Religion geschehen!

    Im Name der Religion bzw. der katholischen Kirche wurde Lateinamerika erobert. Hierfür hat sich Papst Frankziskus bei seiner Bolivienreise offiziell entschuldigt: https://jobo72.wordpress.com/tag/conquista/
    Die europäische Eroberung Schwarzafrikas geschah später und nicht im Namen der Kirche, sondern im nationalstaatlichen Wettbewerb der europäischen Großmächte.
    Was das Verbot der vorherigen Religionen angeht, haben sich sowohl in Afrika als auch in Lateinamerika naturreligiöse Bräuche neben oder zusammen mit den christlichen Praktiken weitgehend gehalten.
    Hierzu möchte ich anmerken, das auch der europäische Katholizismus mit seinen Fasnachtsbräuchen, Krauterweihen (15, August) und Feld- und Tiersegnungen viel weniger Berührungsängste mit heidnischem Brauchtum hat, als die protestantischen Kirchen.

  7. FrankD sagt:

    @Hentiette
    Um Gottes Willen, man wird sich doch nicht ausgerechnet die Kirche als Maßstab nehmen…man will doch der Beste sein und nicht nur Zweitschlechtester.

    @Said Rezek
    Bei allem Respekt, aber die Muslime tragen zwar keine Schuld an den Attentaten, aber sie tragen Verantwortung, dass sowas nicht nochmal passiert. Es gilt in den eigenen Reihen aufzuräumen, Strategien zu entwicklen. Das ist das gleiche Thema wie mit den Nazis: die Deutschen tragen keine Schuld wegen der Taten dieser Dummköpfe, aber sie tragen Verantwortung dafür, dass sowas nicht nochmal passiert (-> Antifa-Demos, Exit-Programme für Nazis, Aufklärung zu dem Thema in der Schule)
    Wenn ich mir anschaue, wie Muslime bei anderen Dingen emotional werden können, wenn der Ruf ihrer Religion oder Erdogans von Europäern (oder Westlern) in den Dreck gezogen wird, dann habe ich absolut kein Verständnis dafür, dass man bei so einem Thema still bleiben kann. Und sich obendrein auch noch mehr über ein Kopftuch-Urteil aufregen kann…

    Ich finde die Erwähnung ihres Kopftuch-Artikels, am Anfang des Artikels auch alles andere als förderlich und es gibt einem subtil schon genau das Gefühl mit auf den Weg das @Posteo beschreibt…die Erwähnung des Kopftuch-Artikels ist für den Inhalt dieses Artikels komplett unerheblich und trotzdem schreiben Sie es dahin…

  8. Said Rezek sagt:

    @Clauduis: Im Großen und Ganzen teile ich ihre Argumentation. In einem muss ich jedoch deutlich widersprechen. Wenn Sie das Schweigen einer Person, als stille Zustimmung interpretieren, dann tun sie vielen Menschen Unrecht. Möglicherweise trauert eine Person schweigend. Ich habe hierzu einen Kommentar verfasst, indem ich mögliche Reaktionen von Seiten der Muslime, nach einem Terroranschlag aufgreife. Distanzieren, verurteilen oder schweigen?
    http://www.migazin.de/2016/03/30/distanzieren-verurteilen-schweigen-muslime-terroranschlag/

  9. Said Rezek sagt:

    @ Dagmar. Die Reaktion bezieht sich nicht auf den Inhalt des ersten Kommentars. Über die Auslegung des Laizismus in Frankreich kann man unterschiedlicher Meinung sein. Es geht vielmehr um die anmaßende Frage posteos, was mich denn als Deutscher, die Kündigung einer französischen Muslima angeht. Bei solch einer Frage erübrigt sich aus meiner Sicht jegliche Antwort.

  10. Rudolf Stein sagt:

    Nachdem Sie nun zum wiederholten Mal sich über die Kündigung einer französischen Muslima den Kopf zerbrechen: was ist an diesem Fall eigentlich für Sie so wichtig? Dss einer französischen Frau in Ihren Augen Unrecht geschieht oder dass einer französichen Muslima in Ihren Augen Unrecht geschieht? Berichtigen Sie mich bitten, wenn ich argwöhne, es geht um die zweite Alternative. Nun meine Frage: hätten Sie den Artikel auch geschrieben, wenn einer christlichen Französin im öffentlichen Dienst gekündigt worden wäre, weil Sie, gut sichtbar, am Hals ein Kreuz getragen hat? Nach französischem Recht ist nämlich beides strafbar. Gehe ich recht in der Annahme, im zweiten Fall hätten Sie nichts getan? Diese meine Annahme ist gerechtfertigt, weil solche Fälle in Frankreich öfter vorkommen und ich noch nie einenArtikel Iherseits zu einer solchen Causa gelesen habe. Möchten Sie wirklich wissen, was ich über Sie als Journalist denke? Ersparen Sie mir das.


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