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Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard, NWDR-Interview vom 9. April 1954

Verschwörungstheorien

Nichts ist, wie es scheint

Ob Mondlandung, Kennedy-Attentat oder Ukraine-Konflikt – für alles gibt es Verschwörungstheorien. Forscher sind ihrer Verbreitung nachgegangen und stellen fest: In Osteuropa und in islamischen Ländern fallen solche Theorien auf fruchtbaren Boden.

Straße, leer, Weg, Kinder, leere Straße
Straße © vonderauvisuals @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONBirgit Vey

DATUM7. Juli 2016

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RESSORTFeuilleton, Leitartikel

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Sie kursieren im Netz und in den Köpfen: Verschwörungstheorien. Dass die Mondlandung gar nicht stattgefunden habe, sondern von der US-Behörde vorgetäuscht wurde, lautet eine. Eine andere, dass Lee Harvey Oswald den Anschlag auf den US-Präsidenten John F. Kennedy nicht alleine begannen habe, sondern es ein großangelegtes Komplott gewesen sei, bei dem unter anderen die Mafia, Fidel Castro und die CIA mitmischten. Beide Fälle spiegeln nach Einschätzung des Tübinger Amerikanistik-Professors Michael Butter das wider, was Verschwörungstheorien kennzeichnet: „Die Welt ist nicht, wie sie scheint“ und „Alles ist mit allem verbunden“.

Butter forscht seit Jahren über Verschwörungstheorien. Als den Beginn dieser Geschichten setzt der Wissenschaftler die Aufklärung im 17. und 18. Jahrhundert an. „Bis dahin glaubte man, Gott lenke und plane die Geschicke. Weil das religiöse Denkmuster wegfiel, hatte man Angst, im Chaos zu versinken. Man brauchte einen neuen Plan, und den lieferten die Verschwörungstheorien“, erklärt der Wissenschaftler. Mit der Säkularisierung wurde also der Nährboden für Verschwörungstheorien geschaffen.

Ein Motor waren dabei die Medien, wie John Seidler, Medienwissenschaftler an der Kölner Deutschen Sporthochschule, in seiner vor kurzem veröffentlichten Doktorarbeit aufzeigt. Denn mit der Französischen Revolution stieg die Zahl der Printprodukte: Als Reaktion auf die zunehmende Masse des Gedruckten entstanden Verschwörungstheorien, die sich selbst intensiv mit Medien beschäftigten. Es entstand ein Vorläufer des „Lügenpresse“-Vorwurfs. Der Tübinger Forscher Butter verweist jedoch auf einen historischen Wandel des Images der kruden Theorien: „Früher war es legitim, ganz normal, daran zu glauben. Heute ist Verschwörungstheorie ein Schimpfwort.“

Problematisch findet Butter, mit den Anhängern von Verschwörungstheorien eine Diskussion zu führen. Denn sie ließen Gegenbeweise nicht gelten. Entweder würden diese ignoriert oder für eigene Zwecke eingespannt. Im letzteren Fall würden Gegenbeweise als „gelenkte Fakten“ angesehen: „Sie sind also Teil der Verschwörung mit dem Ziel zu desinformieren.“

Spezialisiert hat sich Butter auf amerikanische Verschwörungstheorien. Neigen die Bürger dort eher zu solchen Theorien? „Bis vor ein paar Jahren glaubte man das. Aber eine Reihe neuerer Studien widerlegen diese Annahme“, sagt er. Bis ins 19. Jahrhundert seien solche Theorien auch in Deutschland weit verbreitet gewesen. Danach habe sich die breite Masse der Deutschen davon distanziert. In osteuropäischen Staaten und islamisch geprägten Nationen dagegen hätten diese Theorien „einen Status wie bei uns vor hundert Jahren“.

Die verschiedensten Spekulationen kursieren heute in Deutschland etwa zum Ukraine-Konflikt, zur Zuwanderung von Flüchtlingen oder zum NSU-Prozess. Einig sind sich Butter und Seidler, dass diese Theorien Anhänger in allen politischen Lagern und Gesellschaftsschichten haben. Eine deutlich stärkere Tendenz macht Butter bei Männern aus.

Geblieben ist, was schon in früheren Zeiten funktionierte: Ängste, bei denen Verschwörungstheorien Sicherheit versprechen. Eine weitere Parallele zu früher: Medien dienen als Transportmittel, heute ist es das Internet. Wobei Butter einen Unterschied erkennt: „Das Netz macht Verschwörungstheorien sichtbarer, als das frühere Medien taten.“ Denn das Internet hat eine höhere Verbreitung als Bücher und Zeitungen.

Butter befürchtet eine „Teil-Öffentlichkeit“, in der das Web gelenkte, die eigene Meinung bestätigende Seiten zeigt. Dazu kommen die sozialen Netzwerke, in denen sich oft nur Gleichgesinnte austauschen. Ob diese Entwicklungen den Glauben an und die Verbreitung von Verschwörungstheorien fördern, „wissen wir noch nicht“, sagt der Experte. (epd/mig)

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