MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

Letztlich haben einige Industriestaaten ihren Bedarf an zusätzlichen Arbeitskräften … dadurch gedeckt, dass sie bei der Einstellung von irregulären Arbeitsmigranten ein Augen zudrücken.

Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen, Migration in einer interpedenten Welt, 2004

Ein EU-Gespenst

Keine Macht der Integration

Stellen Sie sich vor, alle wären integriert. Was für eine grausame Vorstellung: keine Kopftücher mehr, keine Komplimente mehr aufgrund der Sprachkenntnisse, keine Ausweiskontrollen mehr… Nein, nein. Wir wollen ihn behalten, unseren Migrationshintergrund. Von Selim Özdoğan

Keine Macht der Integration, Integration, Macht
Keine Macht der Integration © MiG

VONSelim Özdoğan

Selim Özdoğan, geboren 1971 in Köln, debütierte 1995 mit dem Roman "Es ist so einsam im Sattel, seit das Pferd tot ist" und hat seither zahlreiche Romane und Erzählungen veröffentlicht. Sein neuester Roman trägt den Titel "Wieso Heimat, ich wohne zur Miete" und beschäftigt sich auf satirische Art mit Rollenzuschreibungen, Klischees und Identitäten. Mehr über das Buch gibt es hier.

DATUM5. Juli 2016

KOMMENTAREKeine

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Integration, gelungene Integration, allein die Vorstellung ist schrecklich. Vermieter würden nicht mehr auflegen, wenn du am Telefon einen Namen mit Üs und Ös sagst, Polizisten würden dich nicht anhalten, um deinen Ausweis zu kontrollieren, ihr Ton würde sich nicht ändern, nachdem sie bei der Verkehrskontrolle deinen Namen gesehen haben. Du würdest nicht sofort überall als gefährlich gelten, als Drogendealer. Du würdest keine Komplimente mehr für deine Sprachkenntnisse bekommen und nicht mehr gefragt werden, wo du denn herkommst.

Es würde niemand mehr Kopftuch tragen oder Gebetskappe, es würde niemand mehr etwas anderes reden auf den Straßen und Schulhöfen außer Deutsch und Hessisch und Bayerisch und Sächsisch und Fränkisch und Platt und Sorbisch. Nach der Integration wären alle deutsch und stolz darauf, auch die Schwarzköpfe mit der olivfarbenen Haut.

Nein, nein. Wir wollen uns nicht integrieren, wir wollen ihn behalten, unseren Migrationshintergrund, unseren Migrationsvordergrund, unseren Mimimi (Mitmenschen mit Migrationshintergrund) und all die Fragen. Wir wollen uns nicht integrieren, da haben diese Nazis recht. Das mit der Integration ist ein Betrug, den wir längst durchschaut haben.

Wenn wir integriert wären, dann wären wir arbeitslos. Integration ist unser Gras, und wir lassen uns das Dealen nicht verbieten. Und erst recht nicht legalisieren. Wenn wir integriert wären … diese ganzen Comedians, deren Witze nur darauf beruhen, dass es kulturelle Unterschiede gibt, hätten mit einem Schlag keine Auftritte mehr, und ganz Deutschland hätte weniger, worüber es lachen kann. Die ganzen Frauen, die putzen gehen, die polnischen und türkischen und serbischen, wenn die integriert wären, würden sie kein Geld mehr verdienen und ganz Deutschland würde nicht nur weniger lachen, sondern auch dreckiger werden. Und die Integrationsbeauftragte. Und die von den Nachrichtenmagazinen, die immer Kopftuchfrauen auf das Cover nehmen oder Halbmonde.

Wir wollen uns nicht integrieren, das ist richtig, aber es geht dabei nicht nur um uns, die Integration ist eine Katastrophe für alle. Nicht nur die ganzen Verbände, die Brückenbauer, die sich für ein interkulturelles Verständnis einsetzen, die Kulturvereine und die gesamte Belegschaft von Funkhaus Europa hätten mit einem Mal nichts mehr zu tun. Aber auch Sarrazin, Buschkowsky, Alice Schwarzer hätten ein Problem, worüber sollen die sich definieren, wenn wir alle integriert sind, denen würden wir auch den Job wegnehmen. Alice Schwarzer passt vielleicht nicht in diese Reihe. Die gehört ja eher zu den Comedians. Sie hat geschrieben: “Wo also bleibt die Empörung der politischen Klasse über die Forcierung von Parallelgesellschaften mitten in Deutschland oder die Frau im Tschador mit dem verschleierten Mädchen im deutschen Baumarkt? Auch dagegen müsste demonstriert werden.”

Wir müssen uns empören. Im Baumarkt. Wenn wir eine Frau im Tschador sehen, die dort eine Bohrmaschine kauft. Was hat sie damit vor. Will sie sich etwa integrieren, indem sie zu Hause Löcher bohrt, um eine Kuckkucksuhr aufzuhängen? Im Baumarkt. Ich bitte Sie, stellen Sie sich vor, wie es nach der Integration im Baumarkt aussähe: Nur noch säkularisierte Christen, keine unterdrückten Frauen im Kopftuch mehr. Und Alice Schwarzer müsste nach neuen Feindbilder suchen.

Integration hört sich vielleicht schön an, aber sie würde schaden, allen. Ganze Industrien bauen darauf auf, dass es Unterschiede gibt. Wenn wir erst mal alle integriert sind, was wird dann aus den Türkenläden, den Asiashops, den Shishabars? Mit dem italienischen Eiscafé? Mit der Pizzeria? Dönerimbiss? Wenn man in ein chinesisches Restaurant geht und der Kellner spricht perfekt Deutsch, fühlt man sich dann nicht um eine authentische Erfahrung betrogen? Auch kein prego, kein grazie, kein signora, buenasera und per favore, keine dolce vita.

Integration muss verhindert werden, um jeden Preis. Deshalb müssen wir sie kriminalisieren. Es sollte ein Gesetz geben, das es Polizisten verpflichtend vorschreibt, Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe und Erscheinung zu kontrollieren. Es sollten gesetzlich in jeder Stadt Viertel festgelegt werden, in denen man mit ausländischem Namen keine Wohnung bekommt. Arbeitgeber sollten verpflichtet werden, bei gleicher Qualifikation den Bewerber mit dem deutschen Namen und Aussehen zu bevorzugen. Wir brauchen ein Gesetz, dass Beamte mit Migrationshintergrund ein gebrochenes oder zumindest vereinfachtes Deutsch sprechen müssen. Kinder aus anderen Kulturen sollte nach der Grundschule nur in absoluten Ausnahmefällen Gymnasialempfehlungen bekommen.

Wenn jemand mit Migrationsvordergrund fehlerfrei Deutsch spricht, sowohl im Dialekt als auch auf Hochdeutsch, sollte das eine Ordnungswidrigkeit sein, so ähnlich wie Falschparken. Wenn er zum Christentum konvertiert und anfängt, Schweinefleisch zu essen, sollte er Hausverbot in Kirchen bekommen, und es sollte Ausweiskontrollen bei Bibelverkäufen geben, damit nicht jeder sich eine zulegen kann.

Aber es sollten natürlich nicht nur Verbote geben, es sollten auch positive Anreize geschaffen werden, sich nicht zu integrieren. Einem Ausländer etwa, der immer pünktlich ist, sollte man anbieten, seine Aufenthaltsdauer in Deutschland um seine Verspätungen zu verlängern, damit er motiviert ist, es nicht so genau zu nehmen. Es sollte eine Auszeichnung für die Mitgliedschaft in einer Parallelgesellschaft geben, eine kleine Prämie verbunden der Abbildung auf Plakaten, die in Ubahnstationen ausgehängt werden. Kriminellster Ausländer des Jahres sollte eine begehrte Auszeichnung sein, die mit Abschiebung und völliger Heimatlosigkeit belohnt wird. Es sollte überall bekannt gemacht werden, dass 100% aller straffälligen Ausländer kriminell sind. Besonders faule Sozialschmarotzer sollte eine staatlich gesicherte Dönerflat bekommen und sich dick fressen dürfen.

Wir wollen uns nicht integrieren, wir wollen Gesetze, die Integration effektiv verhindern. Wir fordern, dass Integration verboten wird, da sie das Allgemeinwohl,  Arbeitsplätze und Adrenalinausschüttungen gefährdet. Der Gesetzgeber sollte beim geringsten Anzeichen von Integration Ausgrenzungsmaßnahmen zur Hand haben. Zum Beispiel sollten Schüler dazu angehalten werden, sich auf dem Schulhof nur noch in ihrer Landessprache zu unterhalten. Wer Deutsch spricht, dem droht ein Verweis. Man muss das Übel an der Wurzel packen, an der Sprache. Jeder, der besser Deutsch spricht als die Sprache seiner Vorfahren, sollte bestraft werden, indem er auf der Arbeit, in der Schule, in der Öffentlichkeit, im Kulturleben oder wo er sich sonst aufhält, stärker ausgegrenzt wird. Man sollte keine Gelegenheit auslassen, auf seine Herkunft hinzuweisen.

Ein Gespenst geht um in Europa, das Gespenst der Integration. Tun wir unser Bestens, um es zu vertreiben.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:
Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...