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Nach Istanbul

Terrorzellen – in den Köpfen

Nach dem Terroranschlag in Istanbul wurde das Brandenburger Tor als Zeichen der Solidarität mit den Farben der türkischen Flagge angestrahlt. Dennoch: es gibt diese Empathie-Verzerrung. Die Betroffenheitsrituale wirken aufgesetzt, wenn Bomben in Istanbul hochgehen. Von Murat Kayman

Nach dem jüngsten Terroranschlag in der Türkei wiederholen sich öffentliche Rituale, die als irritierend über abstoßend bis hin zu degoutant eingeordnet werden können. So fragmentarisch diese Eindrücke aus der öffentlichen Berichterstattung, aus sozialen Medien und persönlichen Gesprächen sind, so schlaglichtartig soll dieser Text sie beleuchten. Er ist zugespitzt, vielleicht provokativ.

Betroffenheit wird wieder mit der Änderung von Profil- oder Hintergrundbildern zum Ausdruck gebracht. Die Ikonisierung von Anteilnahme, Trauer, Bestürzung usw. mag die Überwindung von Sprachlosigkeit und die Übersetzung dieser Gefühle in eine weltweit verständliche Formen- und Bildersprache bedeuten. Sie verengt jedoch auch den Fokus auf die Details. Und sie ritualisiert die Reaktion auf Terroranschläge derart, dass Sprache über und differenzierte Auseinandersetzung mit den Ereignissen zu plakativer Folklore zu verkümmern droht.

Spürbar wird das in den Bildern von symbolhaft angestrahlten Sehenswürdigkeiten. Wenn das Brandenburger Tor oder andere berühmte Bauwerke in den türkischen Nationalfarben beleuchtet werden, soll damit Solidarität vermittelt werden. Zu dieser „Je suis“-isierung der Stunden und Tage nach Terroranschlägen gehört dann auch eine verbitterte Diskussion – oft in den Sozialen Medien geführt – über das Unterbleiben entsprechender Symbolik, mit dem Verweis auf die unterschiedliche, gar fehlende Empathie, wenn die Opfer nicht Westeuropäer sind.

Ja, es gibt diese Empathie-Verzerrung. Nein, es ist kein ausschließlich antimuslimisches oder antitürkisches Phänomen. Es ist ein allgemeingültiges. Es hat weniger mit kalkulierter Distanz zu tun, als vielmehr mit dem Phänomen der Identifikation – oder eben ihres Gegenteils. Aus deutscher Perspektive gibt es eben mehr Übereinstimmung, mehr persönliche Identifikation, mehr „Das hätten auch wir sein können“ wenn die Opfer Briten, Franzosen oder Belgier sind.

Nein, es gibt keine deutsch-türkische Freundschaft, die zum Beispiel vergleichbar wäre mit der deutsch-französischen Freundschaft. Deutsche und Franzosen haben seit 1870 in drei Kriegen einander schweres Leid zugefügt, ihre Länder wechselseitig besetzt, verwüstet, sich immer wieder durch Erniedrigungsgesten zu dominieren versucht. Aus diesen Erfahrungen sind Aussöhnung und Freundschaft entstanden. Mit gegenseitiger Annäherung, Wertschätzung für Lebensart, Sprache und Kultur.

Türken und Deutsche haben in etwa der gleichen Zeitspanne als Waffenbrüder gekämpft und zusammen verloren. Vielleicht liegt darin auch ein gewisses Maß an Enttäuschung und Misstrauen in die Fähigkeiten und Absichten des jeweils anderen. Türken haben als „Gastarbeiter“ zu Hunderttausenden die deutsche Drecksarbeit erledigt. Sie leben seit über 50 Jahren in direkter Nachbarschaft zueinander, ohne dass ein vergleichbares Maß an gegenseitiger Wertschätzung und Identifikation entstanden wäre. Die Ursachen hierfür liegen gewiss auf beiden Seiten. Und darüber sollten alle intensiver nachdenken.

Vor diesem Hintergrund haben die Betroffenheitsrituale den Geschmack des Aufgesetzten, der Halbherzigkeit. Das soll nicht vorwurfsvoll, sondern nüchtern feststellend klingen. In vielen Berichten zum jüngsten Terroranschlag in Istanbul schwingt dann auch nicht nur als Subtext, sondern teilweise auch verklausuliert ausgesprochen der Anwurf des „selbst Schuld“ mit. Dem schließen sich selbst Politiker an, denen man aufgrund ihrer Herkunft etwas mehr Empathie für türkische Terroropfer zugetraut hätte. Dem ist offensichtlich nicht so. Und das kann auch kein noch so grell angeleuchtetes Brandenburger Tor überstrahlen.

Als politischer Scharfsinn wird da verhökert, was man vorsichtig nur als Pietätlosigkeit bezeichnen kann. Es gibt in der politischen Landschaft eine sehr janusköpfige Koalition aus Fachleuten, die meinen, sie seien mit Blick auf die Ereignisse in der Türkei reich an Geist. Bei näherem Hinsehen muss aber konstatiert werden: Sie sind nur arm an Takt.

Der Vorwurf, politische Fehler seien die Ursache für Terroranschläge und somit eigentlich die politische Führung der Türkei verantwortlich für die Terroropfer, ist in seiner Singularität eben keine scharfsinnige politische Analyse, sondern eine menschenverachtende Verhöhnung der Opfer. Denn er entspricht exakt der Gewaltlegitimation der Attentäter. Auch sie sprechen die Verantwortung für ihre Taten den politischen Entscheidern in den Ländern ihrer Anschlagsziele zu. Auch sie deklarieren ihre Mordtaten als Reaktionen auf politische Fehler.

Dieser Vorwurf ließe sich – vielleicht sogar mit schlüssigerer Begründung – auch im Zusammenhang mit Al-Qaida/9-11 erheben. Schließlich ist der ideologische Nährboden, die technische Ausstattung und Ausbildung der Attentäter in einer logischen Linie bis hin zum antisowjetischen Widerstand in Afghanistan zurückzuführen. Er wird aber von den gleichen Kreisen, die sich keine 48 Stunden nach dem Anschlag in Istanbul mit politischen Schuldzuweisungen Richtung Türkei produzieren, nicht erhoben. Und das auch mit guten Gründen. Denn Terror lässt sich nicht rechtfertigen. Es gibt keine „guten Terroristen“. Es gibt keinen „gerechten Terror“.

Kein politischer Fehler rechtfertigt Terroranschläge. Das muss die geschlossene Haltung – gerade auch in der Politik – sein. Es gab keine politische Schuldzuweisung an die Regierungen Frankreichs, Belgiens und Englands für die Anschläge in Paris, Brüssel und London. Und das gleiche darf man auch erwarten, wenn es um Anschläge in Ankara oder Istanbul geht.

Alles andere ist eine moralische Flexibilität und ein politischer Euphemismus, der sich mit dem Anspruch auf Rechtsstaatlichkeit und politische Glaubwürdigkeit nicht verträgt.

Es ist in diesem Zusammenhang nämlich auch ein politischer Fehler, die PKK weiter zu verharmlosen. Es mag eine stillschweigende (?) Übereinkunft geben, öffentliche Symbole und Aktivitäten einer Terrororganisation zu dulden, solange sie Deutschland nur als Rückzugs- und Rekrutierungsraum nutzt. Aber es ist ein Fehler, ihre in Deutschland angeworbenen oder nach Deutschland zurückkehrenden Terroristen nicht als Gefahr zu sehen, ihr Gewaltpotential auch für Ziele hier in Deutschland zu unterschätzen. Und es ist auch ein Fehler, im öffentlichen Sprachgebrauch ihren Mordtaten eine scheinbar ideologische Legitimität zu verleihen. Denn die PKK ist so wenig eine „Arbeiterpartei“, wie es die NSDAP gewesen ist.

Es ist auch ein politischer Fehler, eine rechtsextremistische Terrorgruppe so intensiv mit V-Leuten zu durchsetzen, bis man das Ausmaß des politischen Versagens nur noch anhand der ermordeten Familienväter, vernichteten Akten und überraschend verstorbenen Zeugen erahnen kann.

Es ist auch ein politischer Fehler, in der neosalafistischen Szene V-Leute einzusetzen, die gerade durch ihre Agitation daran mitwirken, dass sich in Gewaltphantasien verirrende Wirrköpfe zu anschlagsbereiten Terroristen entwickeln.

Keiner dieser politischen Fehler kann rechtfertigen, dass Terroristen Anschläge verüben. Und das sollte man nicht erst dann sagen, wenn man als türkischstämmiger Deutscher muslimischen Glaubens und DITIB-Vertreter gleich dreifach im Fokus mehrerer Terrorgruppen und gewaltbereiter Hetzer steht. Das sollte man auch als Medienschaffender und Politiker öffentlich eindeutig und entschieden vertreten. Das gebietet nicht nur die politische Räson. Das gebietet der menschliche Anstand.