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Vereinte Nationen

Immer mehr Flüchtlingskinder kommen alleine in Europa an

Neun von zehn minderjährigen Flüchtlingen, die in diesem Jahr in Italien ankamen, waren unbegleitet. Allein in den ersten fünf Monaten 2016 kamen rund 7.500 Minderjährige in Europa an. Unicef fordert von Deutschland Standards für Kinderschutz in Flüchtlingsheimen.

Immer mehr Kinder fliehen nach UN-Angaben ohne ihre Eltern über das Mittelmeer nach Europa. Mehr als neun von zehn minderjährigen Geflohenen, die in diesem Jahr in Italien ankamen, waren unbegleitet, erklärte Unicef am Dienstag in Genf. Sie liefen damit ein großes Risiko, ausgebeutet und missbraucht zu werden oder zu sterben. Etwa 7.000 Mädchen und Jungen seien alleine von Nordafrika nach Italien geflohen, das seien doppelt so viele wie in den ersten fünf Monaten 2015 (3.060), hieß es in einem entsprechenden Bericht.

Unbegleitete minderjährige Flüchtlinge werden laut Unicef häufig von Schmugglern geschlagen, sexuell missbraucht, als Arbeitskräfte ausgebeutet und in die Prostitution gezwungen. Einige Mädchen seien bereits in Libyen als Prostituierte ausgebeutet worden und bei ihrer Ankunft in Italien schwanger gewesen.

In den ersten fünf Monaten 2016 schafften demnach 7.570 Kinder mit und ohne Begleitung die Passage über das Mittelmeer nach Italien. Die meisten von ihnen stammten aus Ägypten, Gambia, Guinea und der Elfenbeinküste. Im Vergleichszeitraum des vergangenen Jahres kamen laut der Internationalen Organisation für Migration insgesamt rund 4.570 Kinder mit und ohne Aufsichtsperson nach Italien. Viele der unbegleiteten Kinder seien von Beginn ihrer Flucht an auf sich alleine gestellt gewesen, andere hätten auf der gefährlichen Reise ihre Eltern oder ein Elternteil verloren, hieß es.

Unicef fordert Standards für Kinderschutz in Flüchtlingsheimen

Derweil fordert die Unicef bundesweit einheitliche Standards zum Schutz von Flüchtlingskindern in Gemeinschaftsunterkünften. „Es darf nicht vom Zufall abhängen, ob nach Deutschland geflüchtete Kinder und Frauen in Gemeinschaftsunterkünften sicher sind“, betonte Sebastian Sedlmayr, Leiter der Abteilung Kinderrechte und Bildung bei Unicef, am Montag in Köln. Die Ministerpräsidentenkonferenz müsse bei ihrer Tagung am Donnerstag in Bremen bundesweit verbindliche Standards für den Kinderschutz per Gesetz einführen und die Einhaltung dann auch überwachen.

Im vergangenen Jahr sind nach Angaben des UN-Kinderhilfswerks schätzungsweise 300.000 Flüchtlingskinder nach Deutschland gekommen. In Gemeinschaftsunterkünften seien Kinder und auch Frauen besonders gefährdet und müssten vor Übergriffen und Gewalt geschützt werden. Unicef forderte, dass jede Einrichtung ein internes Schutzkonzept einführen sowie Personalschulungen anbieten und Beschwerdestellen einrichten müsse. Das Kinderhilfswerk entwickelt nach eigenen Angaben zurzeit gemeinsam mit dem Bundesfamilienministerium, Wohlfahrtsverbänden und Kinderrechtsorganisationen bundesweit anwendbare Standards.

Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland

Unicef verwies darauf, dass EU-Mitgliedstaaten nach der 2013 erlassenen EU-Aufnahmerichtlinie minderjährige Flüchtlinge vor Gefahren schützen müssen. Weil diese Richtlinie noch nicht ausreichend in nationales Recht umgesetzt wurde, leitete die EU-Kommission im vergangenen Jahr Vertragsverletzungsverfahren gegen Deutschland und mehrere weitere EU-Mitgliedstaaten ein. Das UN-Kinderhilfswerk rief Bund und Länder auf, sich bis zur Ministerpräsidentenkonferenz am Donnerstag auf eine bundesweite gesetzliche Regelung zu einigen. (epd/mig)