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Es waren vor allem die übrig gebliebenen einheimischen Geringqualifizierten, die die Gastarbeiter als ungeliebte Konkurrenten empfanden.

Stefan Luft, Staat und Migration, 2009

Gelichter

Nationalismus als Event

Menschen, die in Ihrem Leben nichts auf die Beine gestellt haben, wird es wohl immer geben. Und wer nichts anderes hat, auf das er stolz sein kann, hat immer noch die Nationalmannschaft. Von Sven Bensmann

Sven Bensmann, Migazin, Kolumne, bensmann kolumne
MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, bearb. MiG

VONSven Bensmann

Sven Bensmann (geb. 1983 bei Osnabrück) hat Philosophie, mittlere und neuere Geschichte, sowie europäische Ethnologie in Kiel studiert und einige Jahre von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt ein politisches Blog betrieben.

DATUM14. Juni 2016

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Wer sich noch immer fragt, woher eigentlich all diese Ritter von jämmerlicher Gestalt kommen, die da gegen die Windmühlen des Multikulti anrennen und der AfD zu ihren hohen Umfragewerten verhelfen, der muss dieser Tage nur mal auf die Straße schauen.

Nunja, es sei denn, er kommt aus Bad Segeberg: Zur dort angemeldeten Demo gegen „Asylmissbrauch“ am vorvergangenen Samstag kamen nämlich nur Polizisten und Gegendemonstranten. Weil eine Demonstration qua Gesetz eine Versammlumng mehrerer (genauer: mindestens dreier) Personen ist und Gegendemonstranten dabei dummerweise aber nicht mitgezählt werden, musste der einzig erschienene Demonstrant, der Veranstalter höchstselbst, die Demo nämlich schweren Herzens absagen. Nichts wars mit einem Marsch der Selbstgerechten gewesen.

Was man dieser Tage aber fast überall sieht, ist dieser halbgare Event-Nationalismus der Massen von sonst fast schon normal erscheinenden Gestalten, die dieser Tage weitgehend unwidersprochen die fragwürdige Hypothese „Deutschland = DFB, DFB = Deutschland“ in den Raum gröhlen und dabei jede chauvinistische Beißhemmung verlieren.

So ist es inzwischen ja in verschiedenen Milieus üblich geworden, das eigene Automobil üppig wie dereinst des Führers Mercedes beim Karnevalszug zu Köln anno Neunzehndreiunddreißig mit Fahnen zu verzieren. Andere haben Türen und Fenster derart beflaggt, dass man auch gerade nach Nordkorea hineingestolpert sein könnte. Und über allem thront Kim Jon Jogi.

Was vielen dieser Tage noch als, wenn auch arg suspekte, fußballerische Folklore durchgehen soll, die vor allem demjenigen Bürger unzugänglich ist, der sein Mutterland nicht durch einen mafiösen Scheißverein vertreten sehen will oder mit Fußball generell nicht viel anfangen kann, wirkt spätestens dann zwei Wochen nach Turnierende bloß noch wie eine billige Entschuldigung, den eigenen chauvinistischen Nationalismus auf der Straße Gassi zu führen. Dann noch soll es wohl einfach überflüssige Aufmerksamkeit unter all denjenigen Eventnationalisten vermeiden, die im wirklichen Leben dann doch jene zuvor angesprochene Beißhemmung wiederentdecken, die sie davor bewahrt, gegen Lügenpresse und Asylantenflut, für Blut und Boden auf den die Straße zu gehen oder eben nicht so ganz viel Sympathie für Schwarzweißrot aufbringen lässt, wie für affige Wimpeln. Die Nazis feiern jedenfalls seit jeher das Fußballstadion als Verknüpfungspunkt in die breite Gesellschaft, ein innerer Reichsparteitag den Nazis, dass Fußballfans neuerdings ihren Nationalismus als angeblich unverkrampft aus dem Stadion heraustragen.

Sicher nicht denkbar wäre jedenfalls ein Björn, pardon, Bernd – oder doch Björn? – Höcke, der in einer öffentlich-rechtlichen Talkshow trotz Alkoholverbot mit Fahne auftaucht, noch vor 2006 gewesen. Ebensowenig die Pegida, die von fern sicher nicht ganz zufällig wie eine Fanmeute beim öffentlichen Fernsehen wirkt: „Die Selbstermächtigung des Rassisten in seinem Rassismus in der Affirmation durch den Anderen“ könnte man das nennen, wenn man clever erscheinen will. Die Zielgruppe kennt das als simpler „Affen machen alles nach“ – womit wir auch wieder im Stadion wären: Rein akustisch ähnelt der Inhalt der Stadien doch stark einer Affenmeute im Dschungel. Nur das Affen nicht so bescheuert sind, sich gegenseitig grundlos zusammenzuschlagen.

Was aber soll man machen?

Menschen, die in Ihrem Leben nichts auf die Beine gestellt haben, wird es wohl immer geben. Und wer nichts anderes hat, auf das er stolz sein kann, wird immer die finden, die ihm erklären, er könne doch stolz sein auf sein Land. Wer nämlich nichts hat, der hat immer noch eines: Ein Land, in dem er geboren wurde. Und dann kann man seins ja immer noch für besser halten als das der anderen. Dazu braucht es schließlich nicht mehr, als selbst darin geboren zu sein. Irgendwas wird sich dann schon finden, was diesen Glauben stützt. Und sei es nur, dass dort Menschen gelebt haben und leben, die mehr auf die Beine gestellt haben, als man selbst.

Die Antwort auf die obige Frage sind übrigens die drei Bs: Bildung, Bildung und Bildung. Sämtliche Untersuchungen zum Thema bestätigen eine allgemeine statistische Tendenz: Je dümmer, desto rechts. Wer komplexe Probleme nicht versteht, braucht nunmal einfache Lösungen.

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11 Kommentare
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  1. Mike sagt:

    Warum „beglückt“ uns der Autor regelmäßig mit seiner ermüdenden linken Sichtweise und seinem gestörten Verhältnis zu seinem Herkunftsland ?

  2. tina sagt:

    Sorry, aber das stimmt nicht, und es ist auch gefährlich, anzunehmen, Rechte wären einfach nur ungebildet und man müsste sie nur mal in die Schule schicken. Viele, die momentan die rassistische Bewegung anführen, haben Doktortitel; viele der Leute, die mit mir in Seminaren an der Uni saßen, waren zutiefst konservativ und rassistisch. Man muss diesen Rassismus als Rassismus ernst nehmen und nicht auf die Bildung schieben. Es gibt auch eine rechte explizit intellektuelle Bewegung, die in den letzten Jahren an Aufwind gewonnen hat (dazu nur mal „neue Rechte“ googeln).

  3. religiöser Atheist sagt:

    ist wie die Mär des „dummen Islamisten“ denen man mit mehr Bildung beikommen könnte. Die sind dann halt einfach „Stolz auf ihre Religion“ weil sie sonst nichts geschafft hätten. Es sind aber eben nicht nur die Deppen die den Rechtsextremisten/Linksextremisten/Islamisten/x-isten hinterherlaufen.

    Und eine Mannschaft anzufeuern hat immer noch nichts mit „wir sind besser als ihr“ zu tun. DAs sehe ich jedenfalls bei den wenigsten die Fussball schauen.
    Übrigens die letzten beiden Autokorsos die ich hier gesehen habe in meiner Stadt in Norddeutschland waren Türkische wenn man den vielen roten Flaggen so glauben kann – zum letzten großen Fussball-Event und zwar hie in Deutschland.

    Menschen waren schon immer vom Gedanken des „Wettbewerbs“ getrieben. Den um die größere Beute, die bessere Partnerin oder andere beliebige Ziele. Und grundsätzlich ist es auch dieser Wettbewerb der uns immer wieder weiter bringt.

    Fortschritt durch Wettbewerb!

  4. Matthias sagt:

    Ich bin stolz auf unsere Nationalmannschaft, weil sie ein Paradebeispiel für fehlenden Rassismus ist. Sie ist bunt und für meine Kinder ist Mustafi genau so ein Held wie Schweini.

    Ich hab oft den Eindruck, dass der Autor sich selbst seinen Nichtrassismus durch massiven Destruktivismus glaubhaft machen will.

    Das ist fast so, also ob die Linke Petra einen Afrikaner heiratet, nur um zu beweisen wie links und antirassistisch sie ist.

    Was hier in Deutschland passiert sieht in meinen Augen so aus:

    Die Linken suchen in jedem Detail einen unterschwelligen Rassismus, den man dann laut aussprechen muss. In der Masse der Rassismen geht der echte Rassismus unter. Und der AFD werden immer mehr Menschen in die Arme getrieben, weil ja ohnehin jeder Deutsche kraft Geburt den Rassistenmakel trägt.

    Ehrlich: Das ist gequirlte Kacke. NIRGENDS auf der Welt habe ich beim Fussball ein so friedliches Nebeneinander gesehen, wie auf deutschen Fanmeilen. Abgesehen von Tibet. Die zwei dort waren NOCH friedlicher.

    Ich empfehle dem sichselbstalsintellektuellenbezeichnenden Autor eine Ausbürgerung und die Annahme einer Staatsangehörigkeit seiner Wahl in einem wahrlich reinen und absolut unrassistischen Staat. Ich hörte mal vom Schlumpfenland…. dort sei man sehr unrassistisch…..

  5. AFD-Wählerin sagt:

    Naja den Nationalismus als Grundübel aller Dinge anzusehen halte ich für falsch. Ohne den Nationalismus gäbe es in Europa keine Demokratie und schon gar keine Volkssouveränität. Aber um das zu erkennen, müsste man halt etwas weiter denken …

  6. Anne sagt:

    „Je dümmer, desto rechts“ Es müsste wohl eher heißen je dümmer, desto rechter. Abgesehen davon beweist doch gerade die AFD, dass es mit solchen PAuschalurteilen nicht sehr weit her ist. Der Akademikeranteil in dieser Partei ist immer noch hoch.

  7. Heyder Bra sagt:

    Leider ist es nicht so, dass Rassismus nur bei der ungebildeten deutschen Unterschicht vorkäme. Den Rassismus der intellektuellen Rechten sehe ich als weitaus gefährlicher an. Leider ist die AfD bereits die bürgerliche Mitte. Allzu gerne bedient man sich dem sog. scientific racism wie es Sarrazin seinerseits mit seinem Buch hoffähig gemacht hat.
    Ansonsten gebe ich Ihnen Herr Bensmann Recht, wenn Sie die aktuelle EM als Nationalismus als Event umschreiben. Ich merke es in meinem Arbeitsumfeld bei so einigen Kollegen, die ihrem unterdrückten Nationalismus endlich mal mit Hilfe des Fußballs Ausdruck verschaffen können.
    Und obwohl ich keinen Bezug zu Fußball habe, wünsche ich mir bei jeder WM oder EM, dass Deutschland verliert. Eigentlich ist mir völlig egal, wer gewinnt, aber Hauptsache Deutschland verliert. Mein privates Umfeld besteht genauso wie meine Person auch zum größten Teil aus Menschen mit visiblem Migrationshintergrund und egal wen ich in meinem Freundeskreis frage, fast ausschließlich alle teilen mit mir diese Meinung. Ich glaube auch, die immer verlautbarte Botschaft, dass wir für die deutsche Nationalmannschaft mitfiebern würden, nichts anderes ist als mediale Propaganda. Ich kenne zumindest in meinem Umfeld keinen.

  8. Josef Clemens Artzdorf sagt:

    Lieber Autor, Sie wissen gar nicht was Sie mit solch verquastem Geschreibe für dummes Zeug reden.
    Ich selbst fühle mich mit vielem auf dieser Seite ausgedrücktem solidarisch und unterstütze eine Reihe der zu uns gekommenen Flüchtlinge (ehrenamtlich) mit Übersetzerdiensten. Und mein Lebtag habe ich noch nichts für Chauvinisten und Dumpfbacken übrig gehabt. Und ja, es ist ja nur zum geringsten mein Verdienst, ich bin gut ausgebildet und war beruflich erfolgreich. Beste Voraussetzungen also, ihrer Argumentation nach, keiner patriotischen „Ersatzbefriedigung“ zu bedürfen.
    (Und von wegen ungebildete Rechte, schauen Sie sich mal die Laufbahnen der hiesigen AfD-Landtagsabgeordneten an (RLP), Sie werden staunen, noch so ein gepflegtes Vorurteil von uns Linken. Die allermeisten „einfachen“ Menschen, mein Lieber, aber sind überzeugte Demokraten.)
    Allerdings flattert auch bei mir Schwarz-Rot-Gold auf der Terrasse. Und zwar guten Gewissens! Kennen Sie eigentlich nicht die Bedeutung und Herkunft unserer Fahne. Kommen Sie mal zum „Hambacher Schloss“ in die Pfalz, danach werden Sie´s wissen. Ein schöner Intellektueller sind Sie mir.
    Im Übrigen bin ich auch mit Mitte Sechzig noch vom Fußball begeistert und freue mich an den Erfolgen der deutschen Mannschaft. Und Sie werden es mir nicht glauben, weil Sie es sich offenbar, wie auch User „Heyder Bra“ (warum eigentlich leben Sie in einem Land, das Ihnen so zuwider ist?) nicht vorzustellen vermögen, wir saßen beim ersten Spiel mit einer großen Gruppe afghanischer Gäste auf eben dieser Terrasse und schauten GER-UKR. Und ich selbst war der mit Abstand „sachlichste“ Zuseher. Gerade zu begeistert waren die Afghanen über den Sieg des DFB-Teams. Und meine Freunde und ich werden alles daran setzen, dass diese zu uns gekommenen Menschen sich hier weiter wohl fühlen und eine gute Zukunft haben sollen.
    Schließlich, dass Äußerungen wie die Ihrigen so richtig „Fett in die Pfanne“ der Rechtsradikalen sind, weil sie alle ihre Verleumdungen der Linken scheinbar bestätigt bekommen, scheint Ihnen offenbar völlig egal zu sein.
    Warum so viele deutsche Linke (und nur und ausschließlich deutsche) ihr eigenes Land so verachten und ihm selbst im Fußball alles Üble wünschen, werde ich in diesem Leben nicht nicht mehr zu begreifen vermögen.

  9. Muji sagt:

    Gott Leute,
    wenn Weihnachten ist, dann beleidigt Herr Bensmann Christen und wenn Fussball EM ist, dann beleidigt er Fussballfans.

    Der Artikel enthält keine Wahrheiten sondern ist lediglich die ganz persönliche Meinung von Herrn Bensmann und mich persönlich interessiert seine Meinung nicht, da sie kein Bezug zur gelebten Realität hat. Natürlich und offensichtlich ist es falsch was er hier schreibt. Wir normal Menschen müssen uns mit diesem Text nicht auseinander setzen, weil er zu unwichtig ist.

  10. Serin sagt:

    Bei dem Thema Multikulti wird man wohl nie einen Konsens finden. Ich bin trotz Migrationshintergrund selbst gespalten. Aber ich stehe da wohl nicht alleine da, wie ein Artikel hier zeigt. Lesenswert, weil total ehrlich. Für Interessierte: http://www.benguaydogdu.com/multikulti-nein-eher-ein-multicrash/


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