MiGAZIN

Migration und Integration in Deutschland

So, wie wir mit den Minderheiten umgehen, die bei uns leben, so erwarten wir auch, dass Titularnationen mit den deutschen Minderheiten umgehen.

Angela Merkel, Aussiedler- und Minderheitenpolitik in Deutschland, 2008

Gelichter

Arierschokolade

Wieder steht ein großes Fußballturnier an und schwupps kommt der fest eingeplante Shitstorm von Rechtsaußen. Diesmal umhüllt von brauner Schokolade. Für Ferrero ist das eine Win-Win-Win-Situation, für die Politik auch. Mal sehen, was während der EM den Bundestag passiert. Von Sven Bensmann

Sven Bensmann, Migazin, Kolumne, bensmann kolumne
MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, bearb. MiG

VONSven Bensmann

Sven Bensmann (geb. 1983 bei Osnabrück) hat Philosophie, mittlere und neuere Geschichte, sowie europäische Ethnologie in Kiel studiert und einige Jahre von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt ein politisches Blog betrieben.

DATUM31. Mai 2016

KOMMENTARE2

RESSORTAktuell, Meinung

SCHLAGWÖRTER , , , , ,

DRUCKENAnsicht

MEHR ZUM ARTIKEL

DANKE,
ich möchte MiGAZIN auch in Zukunft lesen!

Es ist inzwischen eine schöne Tradition geworden: Wann immer jemand von nicht-arischer Natur auf dem heiligen Rasen eines deutschen Fußballfeldes steht, gibt es übermäßig deutsche Fans, die „Ihren“ Verein lieber im unteren Mittelfeld der Kreisklasse B als im europäischen Wettbewerb sähen, wenn dafür doch nur all die verschwinden würden, die ihrer Meinung nach nicht dazu gehören – das kann der neue ghanaische Wunderstürmer, der Gelsenkirchener Torwart in Dortmund, oder sogar der Hamburger oder Münchener vom andersfarbigen Verein sein – auch wenn man natürlich jetzt auch darüber streiten könnte, ob Borussia Dortmund oder Bayern München tatsächlich Fans im Rest von Deutschland hätten, wenn beide kaum über Kreisliga-Niveau herumtrampeln würden, so ohne Torgaranten wie Lewandowski, Robben oder Aubameyang.

Immer wieder trifft das auch, in der Mehrzahl überaus dubiose, Konzerne wie Ferrero, die Kindern gern weismachen wollen, dass Spitzensportler sich rund um die Uhr ihre Süßspeisen in den Wanst stopfen und dass diese Kinder nur genug Schokolade fressen müssen, um Fußballprofi zu werden.

Denn die Spitzensportler, die für den DFB auflaufen und damit nicht zuletzt auch Deutschland international vertreten, sind inzwischen der inkarnierte Alptraum eines jeden AfD-Wählers: Lauter „Ausländer“, die bloß hier geboren sind und weniger guten deutschen Fußballern die Arbeitsplätze in der DFB-Auswahl wegnehmen, Typen, die hier „nix verlor’n“ haben. Und diese hat nun Ferrero, passend zu den anstehenden Festspielen der schweizer Geldwäschergilde von 1954, die diesen Sommer anstehen, auf seine Schokolade geklebt – statt des Hitlerjungen, der sonst auf diesen prangt.

Und schwupps kommt der, mutmaßlich fest eingeplante, Shitstorm von Rechtsaußen, sowie die erwartbare Solidarisierung von links der Rechtsaußen. Eine Gruppe, die sich als Pegida-Ableger in Baden-Württemberg bezeichnet, hatte den Anfang gemacht und gegen die Kinderbilder der Nationalspieler gehetzt. Selbst aus dem Dunstkreis der Grünen war daraufhin verlautbart worden, man greife nun schon aus Trotz selbst mal zum „Kinderriegel“. Ferrero hat logischerweise längst draufgesattelt mit einer Pressemitteilung und einem erwartbar darin enthaltenen Statement gegen Rassismus, das vermutlich schon im Zuge der Werbekampagne selbst konzipiert worden war.

Für Ferrero ist das also eine Win-Win-Win-Situation. Auf der einen Seite macht sich das Marketing mit der DFB-Lizenz bezahlt. Fans der „Mannschaft“ werden sicherlich gern zum Merchandise greifen, selbst wenn der ein oder andere Pegidist am Ende mit nur neun Spielern auflaufen wird. Sind immerhin neun verkaufte Packungen. Zum Zweiten ist die Aufmerksamkeit für die Werbekampagne mit dem „Eklat“ nun deutlich größer, der erwartbare Verkaufserlös steigt damit an. Und dann ist da noch der Effekt auf diejenigen, die Ferrero sonst schneiden. Wer sonst über Ferreros Marketing klagt, darüber, dass sie ihre Süßigkeiten speziell für Kinder bewerben und damit zur grassierenden Fettleibigkeit beitragen und dass sie dann ihre Süßigkeiten auch noch über Sportler bewerben, greift nun, schon um sich der eigenen Liberalität zu versichern, ebenfalls zur italienischen Schokolade. So bleiben auch die Boatengs und Gündoğans nicht im Regal liegen.

Dabei is es eigentlich ganz einfach:

  1. Ja, es ist ganz schön, dass migrantische Spieler für den DFB auflaufen. Dadurch ist aber weder Fußball plötzlich interessant, noch kann es den DFB von all seinen Sünden reinwaschen.
  2. Nein, es ist nicht berichtenswert, dass Nazis sich über Fußballergesichter auf Schokolade aufregen. Nazis finden in Stadien seit Jahrzehnten Anknüpfpunkte zu „Normalbürgern“, praktisch unbehindert von den Hausherren: den Vereinen. Das ist ein Skandal: Rassistische Ausfälle in Fußballstadien sind eher die Regel als die Ausnahme. Die Rassisten treffen in der Fankurve offensichtlich den Geschmack einer breiten [sic!] Masse. Dass das außerhalb der Stadien nicht immer der Fall ist, hat dieser Vorfall gezeigt. Mehr nicht.
  3. Nein, das alles hat rein gar nichts mit Schokolade zu tun, egal wie braun diese ist.
  4. Und nein, man muss seine Kinder jetzt auch nicht mit dieser Schokolade vollstopfen, damit man kein Rassist ist. Dazu reicht es vollkommen aus, kein Rassist zu sein.

Jetzt zur Kinderschokolade zu greifen, macht einen nur zu einem: Zum Opfer einer nicht besonders originellen Marketingkampagne.

Und damit verabschiede ich mich dann auch ins Sommerloch, und zwar von all denen, die während einer „EM“ das Lesen auf die Termine der Spielpaarungen beschränken. Alle anderen werden hier in zwei Wochen dann vielleicht lesen, dass die Bundesregierung mal kurzerhand in dieser Zeit des Vergessens Milliarden für Kriegswaffen zur Flüchtlingsbekämpfung locker gemacht, den Schießbefehl erteilt oder auch die Schlachtung und den Verkauf genveränderten Laufmaises aus Käfighaltung erlaubt hat. Vielleicht sind beim Achtelfinale auch bereits CETA und TTIP ratifiziert. Lassen wir uns überraschen, diese Form von Betrug am Wähler hat ja bereits Tradition.

Testen Sie den kostenlosen MiGAZIN Newsletter:

2 Kommentare
Diskutieren Sie mit!»

  1. Han Yen sagt:

    Der Vorfall verdient mehr als Spott. Profi Fußball ist einer der vordersten Fronten der Globalisierung, und eine progressive Globalisierungskritik sollte auch hier eine intelligente Antwort haben. Es reicht nicht immer anti-rassistische Reflexe zu bedienen.

    Die Sportler sollten statt der Nationalhymne die gute alte Black Power Gruß zeigen auf dem Spielfeld, und man sollte die Fans sollten das Grundgesetz aufsagen und den Schwur von Buchenwald nachbeten gegen den rechten Spuk.

    Die AfD macht einen schweren Fehler nach dem anderen, es kommt nun darauf an, sie auszunutzen. Rassismus gegen Sportler sind ein hervorragendes Terrain für die politische Auseinandersetzung.

    Gauland und seine alten Kumpanen bei der FAZ wollen sicher die Grenzen des Sagbaren verschieben. Um Boateng geht es Gauland gar nicht. Gauland möchte den gewaltbereiten Rechtsradikalen signalisieren, dass sie in der AfD willkommen sind. Möglicherweise sollen neue Partei-Mitglieder in die AfD gelotst werden. Der Biedermeier Kurs von Petry und Meuthen sitzt keineswegs fest im Sattel. Die Junge Freiheit tobt und rauft sich die Haare, weil es fürchtet, dass sich das konservative Bürgertum abwenden will. AfD ist nach dem Weggang Lucke offen nach rechtsaußen geworden.

    Es ist jetzt keineswegs als schlimm anzusehen, wenn die AfD von Rechtsradikalen übernommen wird, weil das in der Regierung eine ähnliche Reaktion wie bei der Schießerei mit der NSU triggern wird.

    Denn die Regierung weiß nur zu gut, dass die Währungsspekulanten im Fall eines Auseinanderbrechens der Euro Zone auf den Kursverfall der nationalen Währungen wetten wird. Die Renten sind mit der AfD keineswegs sicher, weil die Pensionsfonds verpflichtet sind in Tripple A Staatsanleihen die Altersvorsorge anzulegen. Wo sollten die Pensionfonds hin flüchten in US Staatsanleihen etwa ? Größere Angriffe auf die deutsche Währung frisst auch de angehäuften fiskalischen Überschüße auf. Außerdem könnten rechtspopulistische Nachbarstaaten die militärische Schwäche der BRD ausnutzen. Der Schulterschluß der USA mit den Visegrad Staaten richtet sich nicht nur gegen Rußland. Polen hat sicher nicht vor im Falle eines Abwertungswettlaufs die Schulden bei deuschen Banken zu bedienen.

    Die Idee konservative Teile mit Hilfe der AfD der Linken Stimmen weg zu nehmen und durch rechte Kameradschaften ihre Parteibüros zu überfallen ist zwar kurzfristig aus wahl-taktischen Überlegungen sinnvoll.

    Aber spätestens wenn chinesische Bauarbeiter ins Land kommen, um die One Belt, One Road durch Ost-Deutschland nach Düsseldorf und Hamburg zu bauen, sollte es auch den Konservativen aufgegangen sein, dass ihre Allianz mit der AfD kontraproduktiv ist. Rechte Kameradschaften können nämlich Baustellen auch einfach abfackeln. Die Chinesen werden einige Projekte mit EBWE und EFSI ko-finanzieren.

    Bei der derzeitigen Stimmungslage kann es sein, dass TTIP noch vor der Ankunft von OBOR startet in Ost-Deutschland. Die Standards des Investitionsschutz sollten dann für die OBOR Projekte angewendet werden. In einem solchen Szenario kann ich mir nicht vorstellen, wie um Gottes willen die rechten Kameradschaften es gelingen soll, sich als Stimme des Volkes zu inszenieren.

    Ohne OBOR ist keine Wachstumsstrategie möglich, die die angeschlagenden EU Staaten von den Schulden befreien könnten. Der Lustmordfall an Yangjie Li sieht sehr nach Filz aus in Sachsen-Anhalt. Eine Architektur Studentin zu vergewaltigen, das Gesicht der Leiche blutig zu schlagen und hinterher durch den Oberstaatsanwalt Folker Bittmann die Täterversion zu verbreiten, riecht gewaltig nach einem Riesen Skandal. Yangjie Li wird als leichtes Mädchen dargestellt. Die chinesischen Auslandsstudentinnen sind Einzelkinder. Die chinesische Öffentlichkeit wird das nicht auf sich sitzen lassen.

    Die Linke wäre schön dumm nicht darauf herum zu reiten, um rechte Sympathisanten aus dem Polizei und Justiz Apparat heraus zu ziehen.

  2. TaiFei sagt:

    Han Yen sagt: 7. Juni 2016 um 10:01
    „Aber spätestens wenn chinesische Bauarbeiter ins Land kommen, um die One Belt, One Road durch Ost-Deutschland nach Düsseldorf und Hamburg zu bauen, sollte es auch den Konservativen aufgegangen sein, dass ihre Allianz mit der AfD kontraproduktiv ist. Rechte Kameradschaften können nämlich Baustellen auch einfach abfackeln. Die Chinesen werden einige Projekte mit EBWE und EFSI ko-finanzieren. “
    Das sehe ich noch nicht. In diesem Falle müsste sich die EU ja konsequent hinter China stellen, sprich konträr zur US-Politik agieren. Eine wichtige Rolle der Pazifikflotte würde hier in sich zusammen brechen. Mit ihrer Position um die Senkaku und Spatry-Island haben sich die Amerikaner schon zwischen alle Stühle manövriert. Die Hoheit der Pazifikflotte ist bereits taktisch gefährdet durch Chinas Missle-Programm. Eine strategische Gefährdung können sich die Amerikaner gar nicht leisten und die EU wird dem kaum Vorschub leisten.



Bitte beachten Sie unsere Netiquette. Vielen Dank!

Ihr Kommentar dazu:

MiGAZIN

Ziel und Zweck von MiGAZIN ist die Förderung der politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Partizipation von Migrant(inn)en in der Aufnahmegesellschaft. In diesem Sinne soll MiGAZIN die Kommunikation fördern und füreinander sensibilisieren. Mehr über uns...

MiGMACHEN

Die Redaktionsmitglieder von MiGAZIN haben vor allem eins gelernt: Wer über sein Wissen und seine Erfahrungen schreibt, lernt immens dazu. Die kritische Diskussion mit Lesern eröffnet neue Horizonte. Daher hat das MiGAZIN-Team die Aktion-MiGMACHEN ins Leben gerufen. Hier bieten wir allen Interessierten die Möglichkeit, MiGAZIN als Autor, Pate oder Jungautor mitzugestalten. Nähere Informationen...

GRIMME Online Award 2012

    Begründung der Jury: "Über Migranten und Migration wird in Deutschland viel gesprochen. Vor allem von Deutschen. Im Chor der vielen und oft sehr lauten Stimmen fehlen aber zumeist die der Migranten. Und genau diese Lücke füllt das MiGAZIN mit qualitativ hochwertigen Texten und verständlicher Berichterstattung." Weiter ...