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Islamisierung

Heutzutage wird jeder zum Muslim gemacht

„Muslimische Politiker“ hatten in den letzten Tagen Hochkonjunktur in den Medien. Der Islam-Experte hat sich das genauer angeschaut und stellt den Medien ein schlechtes Zeugnis aus. Die Reduzierung auf „die Religion“ hat Methode und ist rassistisch.

Als Islam-Experte hat man es nicht leicht. Sie müssen schnell sein, Themen sofort mit griffigen und greifbaren Stichwörtern besetzen und die Menschen zum Zuhören bewegen. Da greifen sie natürlich auf bewährte und schwachsinnige Floskeln zurück: „Der Islam ist“, „der Islam will“, „die Muslime sind“, „die Muslime wollen“… Dieser Schwachsinn findet schnell Abnehmer, wenn sie sich dabei nicht ertappen lassen, dass es „den“ Islam eigentlich so nicht gibt und „die“ Muslime auch nicht. Doch wen interessieren schon Details? Heute warnen alle vor der „Islamisierung“ und aus Christen, Juden, Kommunisten, Marxisten und Atheisten werden Muslime gemacht.

Sie glauben ich übertreibe? Haben Sie in letzter Zeit mal die Medien beobachtet? Da wurde ganz groß über die neuen Muslime in Regierungspositionen berichtet. In London ist Sadiq Khan, ein Sohn pakistanischer Eltern, als „Erster Muslim in Europa“ zum Bürgermeister gewählt worden. Das es vor ihm auch schon Muslime als Bürgermeister gab – nebensächlich. Die Schlagzeile soll schließlich zum Lesen verleiten. Das Khan nicht wegen seiner Herkunft oder seiner Religion von den Londonern gewählt wurde – ebenfalls nebensächlich. Interessiert Niemanden. Die Schlagzeile soll nach Möglichkeit Aufmerksamkeit erreichen und auch gerne Angst vermitteln. Die Muslime übernehmen gefühlt Europa. Es dürfte jedenfalls nicht irritieren, wenn die Rechten demnächst für den Erhalt der Macht in London demonstrieren.

Unsinnige Begrenzung und Reduzierung auf das „Muslim“-Sein

Ein anderes Beispiel trat zeitgleich vor unseren Haustüren zum Vorschein. Die Grünen-Politikerin Muhterem Aras ist neue Präsidentin im Baden-Württembergischen Landtag. Was machen unsere Medien daraus? Es wird gleich mal hingetitelt, Aras sei die erste Muslimin, die als Präsidentin in Deutschland einen Landtag leite. Dabei gehört Aras zu der Minderheit der Aleviten in der Türkei und hat sich in der Vergangenheit nie mit ihrem Glauben oder ihrer Religion hervorgetan.

In einigen Medien konnte man dann auch beobachten, wie Aras im Titel zur Muslimin gemacht wurde, im kleinergedruckten Textteil aber war sie plötzlich nur noch Migrantin. Dass die Politikerin mehr ist als nur eine „Muslimin“, geht bei solch einer tendenziösen Berichterstattung, die auch noch auf dem Mist der eigentlich sehr zuverlässigen Nachrichtenagentur dpa gewachsen ist, natürlich unter. Aber das man aus einer Deutschen, eine Migrantin und dann auch noch im Gleichlaut eine Muslimin macht, ist eher ein Zeichen für institutionellen Rassismus in den Medien. Man kann zu diesem Schluss vor allem deshalb kommen, weil alle bei der dpa abgeschrieben haben, anstatt mal selbst zu recherchieren. (Von dieser Kritik sind „muslimische“ oder „islamische“ Medien übrigens nicht ausgenommen.)

Auch in Österreich hat man es schwer und wird „nur“ zum Muslim gemacht

Ein anderes aktuelles Beispiel für den Unsinn, der da getrieben wird, kommt aus Österreich – unserem liebsten Nachbarland. Muna Duzdar ist von ihren Wurzeln her Palästinenserin. Sie selbst ist aber in Wien geboren, hat in Wien ihre Reifeprüfung (Matura, ähnlich dem Abitur in Deutschland) abgelegt und hat in Wien Rechtswissenschaften studiert. Die Dame war schon jahrelang in der nationalen und EU-weiten Politik unterwegs und hat sich – auch durch ihr juristisches Fachwissen – einen großen Namen als linke SPÖ-Politikerin gemacht. Außerdem engagiert sich Duzdar als Präsidentin der Palästinensisch-Österreichischen Gesellschaft, was sie immer wieder mal ein bisschen politisch ins Abseits drängt, weil es nach wie vor ein heikles Thema ist, Israel zu kritisieren. (Wenn man bei Google ihren Namen eingibt, erscheint gleich als Vorschlag die Ergänzung Israel)

Duzdar selbst bezeichnete sich in der Vergangenheit als „nicht-religiöse Muslima“. Religion spielt für sie in ihrem Alltag so gut wie gar keine Rolle und darauf will sie auch nicht reduziert werden. Nach ihrer Ernennung zur Staatssekretärin wird sie im In- und Ausland jedoch ausschließlich als erste Muslimin im Kanzleramt erwähnt. Das ist nichts weiter als eine Ethnisierung einer Frau zur Muslima, die sich selbst als Österreicherin und nicht primär als Muslimin sieht. Ihre Verdienste, ihre Arbeit, ihre Identität werden so auf einen einzigen Nenner gebracht, der aus ihrer Sicht gar nicht stimmt: Muslima. Einen üblen Beigeschmack bekommt das Ganze, wenn man weiß, welche Rolle Duzdar beim umstrittenen Islamgesetz in Österreich hatte. Deshalb stößt ihre Ernennung gerade unter vielen jungen Muslimen auf scharfe Kritik.

Alle werden zu Muslimen gemacht – dank der Medien

Das waren jetzt nur ein paar Beispiele aus der aktuellen Politik. Doch wenn man sich ein bisschen weiter umschaut, stellt man schnell ein System fest, in der „Islamisierung“ und „Muslimisierung“ zum Alltag gehören. Aus Flüchtlingen werden, na klar, Muslime. Aus Ausländern werden, na klar, Muslime. Alle Türken, Araber und Co. sind natürlich Muslime. Eine Dunya Hayali? Klar, die muss eine Muslimin sein. Wen interessiert es da schon, woher man wirklich kommt, welchen glauben man wirklich hat und welche Fähigkeiten oder Hintergründe man eigentlich mitbringt. Die Reduzierung und Ethnisierung hat aber massive negative Folgen, vor allem für jene, die eigentlich gar nicht ihr „Muslim“-Sein in den Vordergrund stellen wollten oder wollen.

Das kann auch mit Blick auf die „Muslimisierung“ der oben genannten Personen negative Folgen für alle „Muslime“ haben. Ein Beispiel dafür ist, wenn die oben aufgezählten Politiker mit ihrer Politik scheitern. Dann wird es nicht heißen der Sadiq Khan, die Muhterem Aras oder die Muna Duzdar sind gescheitert, sondern die „muslimischen“ Politiker sind gescheitert. Wir erleben diese Form der negativen Kollektivierung ja bereits bei anderen Vorfällen. Ist ein muslimischer Schüler frech zu seiner Lehrerin wird gleich „der Islam“ dafür verantwortlich gemacht, während der christliche Schüler einfach nur schlecht erzogen wurde. Wenn irgendwelche „Nordafrikaner“ in Köln auf Frauen losgehen, sind es plötzlich allesamt „Muslime“ und der „Muslim“. Buchautoren hauen dann in Tasten, diese Täter seien ja von ihrer Religion aus bereits prädestiniert für Übergriffe auf Frauen. Und ganz ehrlich: Die Gleichsetzungen Islam=Terror und Muslime=Terroristen sind doch bereits lebendiger Alltag in Deutschland.