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Migration und Integration in Deutschland

Wenn Ausländer […] von der einheimischen Bevölkerung als Konkurrenten um Arbeitsplätze […] und als Bedrohung der Sicherheit […] wahrgenommen werden, dann erhöht die vermehrte Sichtbarkeit der Migranten dieses Gefühl […]

Forschungsverbund „Probleme der Ausländerbeschäftigung“ / 1979, 1979

Mit oder ohne Job

Armutsrisiko bei Einwanderern viel höher

Einwanderer sind einer Studie zufolge besonders stark von Armut betroffen. Erwerbsarbeit könne das Armutsrisiko senken, es reiche aber nicht, irgendeinen Job zu finden. Ungleiche rechtliche Rahmenbedingungen erschwerten die Arbeitsmarktintegration zusätzlich.

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Menschen © János Balázs @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Erwerbsarbeit ist für Männer und Frauen, die zugewandert sind, eine wichtige Voraussetzung für wirtschaftliche und soziale Integration. Das zeigt der Vergleich der Armutsquoten unter Eingewanderten mit und ohne Job. Allerdings ist es bislang insbesondere Migrantenhaushalten aus Nordafrika und dem Orient oft nicht gelungen, mit ihrer Erwerbsarbeit ein Einkommen oberhalb der Armutsschwelle zu erzielen.

Neben der Qualität der Beschäftigung insgesamt ist die Arbeitsmarktintegration der Frauen ein entscheidender Faktor, um die Situation zu verbessern. Zu diesem Ergebnis kommt eine aktuelle Analyse des Wirtschafts- und Sozialwissenschaftlichen Instituts (WSI) der Hans-Böckler-Stiftung.

Nach den neuesten verfügbaren Zahlen aus dem Mikrozensus, die das WSI ausgewertet hat, lebten 2014 von den Menschen, die aus den Ländern des Orients eingewandert (Irak, Iran, Syrien, Afghanistan, Pakistan) waren, 54,8 Prozent in Armut. Unter den nordafrikanischen Einwanderern (Ägypten, Libyen, Tunesien, Algerien, Marokko) waren es 41,1 Prozent und damit ebenfalls weitaus mehr als in anderen Einwanderergruppen und im Durchschnitt der Gesamtbevölkerung (15,4 Prozent).

Erwerbstätigkeit mindert Armutsrisiko

Als arm gelten nach gängiger wissenschaftlicher Definition Haushalte, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des bedarfsgewichteten mittleren Einkommens beträgt. Bei einem Alleinstehenden lag die so definierte Armutsgrenze im Jahre 2014 bei 917 Euro. „Ein Einkommen oberhalb der Armutsgrenze stellt eine wichtige Voraussetzung für die Teilnahme am gesellschaftlichen Leben dar“, sagt WSI-Sozialexperte Dr. Eric Seils.

Ein Vergleich zwischen Personen mit und ohne Erwerbsarbeit zeigt, dass Erwerbstätigkeit das Armutsrisiko erheblich mindert. So sinkt die Armutsquote erwerbstätiger Einwanderer aus dem Orient und aus Nordafrika auf 32,8 bzw. 22,9 Prozent. Allerdings machen diese Zahlen nach Seils´ Analyse auch deutlich, dass Erwerbstätigkeit bei einigen Einwanderergruppen bislang oftmals nicht ausreichte, um die Armut zu überwinden.

Es reicht nicht, irgendeinen Job zu finden

Dabei gibt es erhebliche Unterschiede je nach Herkunftsregion. So sind von den erwerbstätigen Personen, die aus dem ehemaligen Jugoslawien einwanderten, 15,5 Prozent von Armut betroffen. Bei Zuwanderern aus Russland beträgt die Quote der „Working Poor“ 12,3 Prozent. Die Armutsbelastung erwerbstätiger Rumänen liegt mit 10 Prozent relativ nahe am Durchschnitt der Gesamtbevölkerung (7,6 Prozent).

„Es reicht also ganz offensichtlich nicht, irgendeinen Job zu finden, um aus der Armut herauszukommen“, sagt Seils „Entscheidend“, so der Forscher, sei neben dem „Umfang und der Qualität der Erwerbsarbeit“ aber auch der „Anteil der Erwerbstätigen an den Haushaltsmitgliedern“.

Unterschiedliche rechtliche Möglichkeiten

Generell gilt nach der WSI-Analyse: Je höher die Erwerbstätigenquote in einer Bevölkerungsgruppe ist, desto niedriger ist die Armutsquote. So standen im Jahre 2014 über 79 Prozent der Migranten aus Rumänien in Beschäftigung, während es bei den Zugewanderten aus Nordafrika nur 55,3 Prozent waren. Das Schlusslicht bildeten hier die Migranten aus den Ländern des Orients, von denen nur etwas weniger als die Hälfte (48,6 Prozent) einer Beschäftigung nachging.

Als mögliche Gründe für die unterschiedlichen Quoten nennt der Forscher unterschiedliche qualifikatorische Voraussetzungen, aber auch unterschiedliche rechtliche Möglichkeiten von Migranten aus EU- und Nicht-EU-Staaten, Arbeit aufzunehmen. „Herkunftsregionen sind letztlich nur Namen, hinter denen sich rechtliche und individuelle Probleme wie Sprachschwierigkeiten verbergen“, so Seils.

Frauen sind entscheidender Faktor

Eine differenziertere Analyse zeigt, dass die Unterschiede bei der Erwerbsbeteiligung vor allem auf die Frauen zurückzuführen sind. Während die Erwerbstätigenquote der eingewanderten Rumäninnen 73,6 Prozent erreicht, liegt der entsprechende Wert bei den Frauen aus dem Orient und Nordafrika bei 30,9 bzw. 34,4 Prozent. Unter den erwerbstätigen Frauen aus diesen Regionen sei zudem der Anteil der geringfügigen Beschäftigung weitaus höher als unter den weiblichen Erwerbstätigen insgesamt.

Der Forscher hält es daher für absolut notwendig, bei Maßnahmen, die die Arbeitsmarktintegration von Zugewanderten fördern sollen, auch die Qualifizierung von Frauen im Fokus zu haben: „Es kommt darauf an, die Frauen in den Stand zu setzen, eine Erwerbstätigkeit aufzunehmen und damit substanziell zum Haushaltseinkommen beizutragen“, sagt Seils. Andernfalls sei eine Fortschreibung der Muster bei Erwerbstätigkeit und Armut zu befürchten. (wsi/bk)

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