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Migration und Integration in Deutschland

Nur die wenigsten dieser deutschen Arbeiter werden in dieser Situation mit den Ausländern solidarisch sein. Die meisten werden sich aggressiv von den Ausländern abgrenzen und bei ihnen die Verantwortung für die eigene schlechte Position suchen.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Integration von Flüchtlingen

Sozialkompetenz ist wichtiger als Landeskunde

Seit der Silvesternacht in Köln werden Antisexismuskurse für Flüchtlinge gefordert. „Wie in Norwegen“ – denn dort wurden nach einer Vergewaltigungsserie entsprechende Schulungen schon vor fünf Jahren eingeführt.

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Integrationskurs © cdsessums auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

VONMiriam Bunjes

DATUM22. März 2016

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RESSORTAktuell, Gesellschaft

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In Norwegen sind Gleichberechtigungstrainings für Asylbewerber Pflicht. „Wer Werte und Regeln im neuen Land nicht kennt, kann sie auch nicht einhalten“, lautet die Grundidee. In deutschen Integrationskursen habe hingegen die Arbeit an sozialen Kompetenzen zu wenig Priorität, kritisiert der Dortmunder Erziehungswissenschaftler Ahmet Toprak: „Es wird viel gefordert, aber wenig angeboten.“

Die Mädchen tanzen nachts in der Disco, plaudern mit Männern, trinken Alkohol. Sie sind an Sex interessiert, glaubt mancher junge Einwanderer. „Wie kommst du darauf? Wer sind die Mädchen? Was bedeutet die Situation?“ Mit solchen Fragen müssen sich in Norwegen alle anerkannten Asylbewerber auseinandersetzen: Norwegische Werte sind Teil eines verpflichtenden Informationsprogramms. Kristian Nicolai Stakset-Gundersen von der norwegischen Einwanderungsbehörde UDI sagt: „Wir vermitteln unsere Werte und Lebensweise mit Vorträgen, Rollenspielen und Gruppengesprächen.“ Der Umgang mit Frauen und Sexualität gehöre dazu.

Das ist seit 2011 so. In Norwegen begann nach einer Serie von Vergewaltigungen in der 130.000 Einwohner zählenden Stadt Stavanger eine einschneidende Debatte. Viele Täter waren „Asylsuchende, aus Ländern mit viel Gewalt und einem völlig anderen Frauenbild“. Der größte norwegische Flüchtlingsheim-Betreiber Hero startete daraufhin Kurse gegen sexuelle Gewalt: Gesprächskreise, in denen auch die „unausgesprochenen Regeln im Umgang der Geschlechter“ entschlüsselt werden: Wer abends weggeht, kann auch liiert sein, kurze Röcke sind keine Einladung, zum Beispiel. Elemente dieser Kurse sind jetzt im Pflichtprogramm.

„Wer die gesellschaftlichen Regeln im neuen Land nicht versteht, kann sie auch nicht einhalten“, sagt Jannicke Stav von der Organisation Alternatif til Vold – Alternativen zu Gewalt. Ihre Kurse für männliche Flüchtlinge liefen bis 2014 in allen 104 norwegischen Asylzentren, dann strich der Staat das Geld – trotz „großem Erfolg“. „Wir überlegen, das jetzt wieder einzuführen“, sagt UDI-Sprecher Stakset-Gundelsen. „Die Teilnehmer berichteten, dass sie die Lebensweise Norwegern jetzt besser verstehen“, sagt Psychologin Stav. „Auch das Zusammenleben in der Unterkunft wurde konfliktärmer.“

Die Gesprächsgruppen knüpften an Erfahrungen und Werte aus dem Heimatland, machten vorhandene Rollenbilder und ihre Wirkung bewusst. „Viele kommen aus autoritären Staaten, wo sie die Erfahrung gemacht haben, dass sie und ihre Haltungen nichts bewirken“, sagt Stav. „Hier werden sie bestärkt, dass jeder einzelne etwas gegen Gewalt und für eine gleichberechtigte Gesellschaft tun kann.“

Gleichberechtigung ist auch offizielles Lernziel der verpflichtenden deutschen Integrationskurse, die aus 600 Stunden Sprachkurs und 60 Stunden Orientierung bestehen. Der Orientierungsteil solle einen höheren Stundenanteil bekommen, einzelne Aspekte intensiviert werden – „nicht als Reaktion auf Köln“, betont eine Sprecherin der Bundesamts für Migration und Flüchtlinge. „Gleichberechtigung fließt in alle Kursinhalte ein, auch weil Frauen dort in verschiedenen Rollen auftreten“, sagt auch Simone Kaucher vom Volkshochschul-Verband.

Ahmet Toprak hält das nicht für ausreichend. „Sozialkompetenz zu trainieren ist viel wichtiger für Einwanderer, als zu wissen, wie die Hauptstadt von Sachsen-Anhalt heißt“, sagt der Erziehungswissenschaftler, der zu Gewaltbereitschaft muslimischer Jugendlicher forscht. „Informationen kann man nachlesen, gesellschaftliche Regeln einer neuen Kultur muss man gemeinsam erarbeiten.“ Es würden falsche Prioritäten gesetzt. Sprach- und Orientierungskurs sollten getrennt werden, „ohne Deutschkenntnisse funktioniert der Orientierungsteil nicht“. Verpflichtend sollte beides sein. „Bei der aktuellen Debatte um die Integrationspflicht geht aber unter, dass es derzeit weder ausreichende Sprachkursangebote noch ein schlüssiges Konzept für einen Wertekurs gibt“, sagt Toprak. (epd/mig)

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2 Kommentare
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  1. Lehrkraft sagt:

    „Bei der aktuellen Debatte um die Integrationspflicht geht aber unter, dass es derzeit weder ausreichende Sprachkursangebote noch ein schlüssiges Konzept für einen Wertekurs gibt“, sagt Toprak. (epd/mig)

    Welche „Werte“, besonders welches Frauenbild soll denn vermittelt werden? Welche Rolle hat denn die Frau in Deutschland? Sie ist beruflich chronisch benachteiligt, bekommt weniger Rente, ist durch die Kinder benachteiligt und auch durch das Steuersystem. Im Niedriglohnsektor sind Frauen überrepräsentiert, das sieht man an den zumeist weiblichen Lehrkräften in den Integrationskursen. Und alleinerziehende Mütter leben in deutschland sehr oft in Armut. Wenn man den MigrantInnen das vor Augen hält, dann könnte es sein, dass sie doch bei ihrem eigenen, traditionellen Frauenbild bleiben. Wahrscheinlich sind viele von ihnen dann eher enttäuscht von Deutschland, weil sie geglaubt haben, dass Frauen hier gleichberechtigt sind.

    Mich würde mal interessieren, welches Frauenbild den MigrantInnen gezeigt werden soll. Wie wäre es mit Sophie Scholl? Jung, dynamisch, für die gute Sache. Oder bekannte große Damen wie Marlene Dietrich oder Magda Goebbels? Die erste hat aber geraucht (schlechtes Vorbild) und die zweite stand auf der falschen Seite. Nehmen wir die jungen Frauen: wie wäre es mit Christiane F? Die hat es geschafft, mit den Drogen aufzuhören. „Wir Kinder vom Bahnhof Zoo“ wäre doch ein guter Film, um MigrantInnen auch mit den problematischen Seiten Deutschlands bekannt zu machen. Oder wie wäre es mit einem alten schwarzweiß-Film über den „Bund deutscher Mädel“? Hier sieht man kerngesunde Mädchen fechten, reiten und vom Zehnmeterturm springen – kopfüber, und zwar ohne Kopftuch. Oder wie wäre es mit Marilyn Monroe, die dem Präsidenten ein Happy-Birthday-Ständchen vorstöhnt? Oder wie wäre es mit der Erfolgsstory der Beate Uhse? Oder der Kampagne „Wir haben abgetrieben!“ Oder mit Rosa Parks …. ? Wofür stehen all diese Frauen?

    Um diese Vielschichtigkeit westlicher, weiblicher Mentalitäten zu verstehen müsste man zuerst die europäische Geschichte seit 1789 (besser noch seit Kolumbus) und die westliche Philosophie der letzten 2400 Jahre kennen. Galilei, Kopernikus, Darwin, Descartes und Nietzsche sind Voraussetzungen, um sowas wie „westliche weibliche Mentalität“ zu verstehen.

    Für solche Themen braucht man Geschichts- und Sowi-Lehrer, aber leider kann der herkömmliche Integrationskurs das nicht leisten, weil dort nur DaZ-LehrerInnen arbeiten. An Berufsschulen könnten dagegen nicht nur gute Sprachkurse, sondern auch „Wertekurse“ von anderen FachlehrerInnen, sowie auch eine gute Berufsorientierung, die Vermittlung von Berufspraktika und ein Schulabschluss angeboten werden. Ein „Wertekurs“ auf der Grundlage eines frauenfeindlichen Integrationskurssystems, in dem LehrerInnen systematisch ausgebeutet werden, kann nicht funktionieren.

    http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/2695232/Ausgenutzt-Sprachlehrer-fuer-Fluechtlinge

  2. Josef Özcan sagt:

    Werte müssen erlebt und gelebt werden … ein „Wertekurs“ kann nur sinnvoll sein, wenn er Werte erlebbar d.h. spürbar werden lässt … wir haben es hier mit zentralen Aspekten kultureller Praxis zu tun … die auch praktisch erarbeitet werden müssen … es fehlt gegenwärtig in der Praxis nicht nur an Geldern, sondern auch an praktischer Orientierung und praktikabler Integration … und was die theoretische Vermittlung von Werten betrifft, so muss diese ein Mindestmaß an dialektischer Disziplin aufweisen … wer Werte vermitteln möchte sollte immer auch um die Mitte von unterschiedlichen Werten bemüht sein … dazu gehört natürlich auch die Position der „westlichen Frau“ nicht mit einem Glorienschein zu versehen … ganz einfach weil es nicht den psychischen, sozialen ökonomischen usw. Fakten entspricht …es gilt für den Kursteilnehmer die Brüche der eigenen und der noch fremden Kultur zu erfassen und dabei stellen sich vielleicht erstaunliche Gemeinsamkeiten heraus … gerade in den Brüchen … Josef Özcan (www.mig-gesundheit.com)



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