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Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Facebook-Zionismus

Die Freunde Israels meinen es eigentlich gut

Nach diesem Artikel sollen die Menschen vielleicht ein zweites Mal überlegen, ob sie bei Facebook zum sechsten Mal die Hymne des Staates Israels posten und ein Bild am Stand von Tel-Aviv mit Falafel in der Hand machen. Von Michael Groys

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Michael Groys © privat, bearb. MiG

VONMichael Groys

Michael Groys ist Student der Verwaltungswissenschaften an der Universität Potsdam und besitzt einen Bachelor in Politik und Verwaltung/Öffentliches Recht und ist Stipendiat der Hans-Böckler-Stiftung. Darüber hinaus ist er im Vorstand der Jusos Charlottenburg-Wilmersdorf sowie Leiter des Jüdischen Studentenzentrums Berlin.

DATUM18. März 2016

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RESSORTAktuell, Meinung

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Wer glaubt, dass es in diesem Artikel um das soziale Netzwerk Facebook oder die politische Idee von Theodor Herzl geht, wird enttäuscht werden. Dieser Artikel ist ein Versuch einem jüdischen Mainstream in Hinblick auf seinen Bezug zu Israel ein Spiegel vorzuhalten ohne dabei Fakten und Probleme zu verharmlosen. Nach diesem Artikel sollen die Menschen vielleicht ein zweites Mal überlegen, ob sie nun bei Facebook oder anderen sozialen Medien zum sechsten Mal die Hymne des Staates Israels posten und ein Bild am Stand von Tel-Aviv mit Falafel in der Hand machen.

Die Freunde Israels meinen es eigentlich gut, wenn sie morgens aufwachen und als erstes Ynetnews im Internet lesen, anschließend auf die Facebookseite von Benjamin Natanyahu gehen und ein Lied von Ofra Haza veröffentlichen. Sie lieben Israel, was auch ihr gutes Recht ist und sie wollen diese Liebe mit anderen Menschen teilen. Meistens sind es die gleichen Zeitgenossen denen es gefällt, aber sei es drum. Besonders aktiv werden viele Israelfreunde in Tagen des Krieges zwischen Israelis und Palästinenser. Wenn ich mir die Nachrichten und Statusmeldungen in solchen Tagen anschaue, komme ich mir vor, wie in einem israelischen Merkava Panzer vor Gaza City. Bilder, Tonaufnahmen und Texte werden veröffentlicht. Toten wird gedacht. Helden werden hochgepriesen. Was bedeutet das eigentlich alles?

Ich bin kein Medienexperte oder dergleichen. Seit mehreren Jahren bin ich aber ein aufmerksamer Beobachter eines jüdischen Mainstreams in Deutschland, der im Internet ein vollkommen unreflektiertes Israelbild vertritt. Dabei ist Israel so vielfältig und sein Bild nach außen so einseitig. Diese Einseitigkeit befördern leider beide Seiten. Unter beiden Seiten meine ich die gängige Darstellung Israels in den deutschen Medien als grausame Besatzungsmacht a la Augstein und die fanatischen Facebook-Zionisten.

Die Behandlung Israels als heilige Kuh, hilft am wenigsten Israel selbst. Es gibt durchaus Potenzial unter deutschen Eliten mit differenzierter Auseinandersetzung mit dem Staat der Juden deutlich mehr für dieses Land zu erzielen als mit der Haltung: Die Welt gegen uns. Am Israel Haj und Basta! Viele Zusammenhänge werden den Menschen erst klar, wenn sie Israel als Puzzle entdecken. Israel ist vielfältig und bunt, was auch seine eigentliche Stärke ausmacht. Diese Vielfalt und auch streitbereite politische Kultur fehlt in Deutschland unter Israelfreunden. Es gibt Leitlinien, welche nicht einmal hinterfragt werden dürfen. Dahinter steckt meistens aber auch keine allzu tiefe Argumentation.

Unter Diskussionskultur unter Israelfreunden verstehe ich natürlich nicht die Auseinandersetzung mit den sinnfreien Provokationen der zugezogenen Israelis, die in Neukölln kein Problem mit Antisemitismus sehen. Ich möchte die Diversität der politischen Landschaft in Israel wiederspiegeln. Besonders interessant fand ich die Erfahrung bei einer jüdischen Veranstaltung zu den Wahlen in Israel. Es wurde eine Vorabstimmung vor den offiziellen Wahlergebnissen gemacht bei dem rund 40 Menschen teilgenommen haben. Zwar hat eine solche Umfrage sicherlich keinen repräsentativen Charakter, aber das Ergebnis war beeindruckend. Wir hatten ein sehr breites Spektrum an Parteipräferenzen vorzufinden den ich so sehnsüchtig in der Debatte unter Israelfreunden vermisse. Weiterhin frage ich mich wirklich, wo denn diese ganzen Facebook-Zionisten sind, wenn man im Sommer mindestens 2000 Antisemiten vor sich hat, die „Juden ins Gas„ schicken wollen. Es wäre wirklich schön, wenn die üblichen Verdächtigen mal ihre Solidarität nicht nur ausschließlich im altbekannten Kreis einer pro Israel Gruppe zeigen.

Es gibt absolut keine Erwartungshaltung an israelsolidarische Menschen in Deutschland. Jeder tut was er kann und wenn es eben nur hebräische Lieder sind, die man teilt. Dennoch kann ich eine Auseinandersetzung mit diesem Staat aus unterschiedlichen Perspektiven schon erwarten. Ebenfalls kann auch eine Kritik an bestimmten Politiken dieses Staates durchaus hilfreich sein um Menschen davon zu überzeugen, dass es moralisch richtig ist, für die einzige Demokratie im Nahen Osten einzuschreiten.

Das Leben in Israel ist mehr als nur am Tel-Aviver Strand liegen, schlechtes israelisches Bier trinken und Hummus essen. Das gilt ebenso für den Dienst in der Israelischen Armee, der eine höhere Belastung ist als nette Selfies mit der Waffe in der Hand machen. Erfahrungen in der Israel Defence Forces werden von vielen Rückkehrern als ein einzigartiges Erlebnis in ihrem Leben empfunden, aber doch eben keine Reise ins Disney Land. Sie stellen sich immer öfter Fragen auf die es nicht so einfache Antworten gibt. Macht die Armee vermeidbare Fehler? Sind alle Handlungen dieser Armee zu rechtfertigen? Sind die Kriege Israels moralisch richtig? Wer an moralische Kriege insgesamt glaubt, wird vermutlich auch an einen jüdischen Weihnachtsmann glauben. Wer zumindest den Staat Israel, seine Politik und Armee nicht hinterfragt, lebt in einer Blase.

Ich bin ein überzeugter Zionist und finde diese Idee moralisch und historisch richtig nach dem altgedienten Motto der zionistischen Bewegung „Wenn ihr wollt, ist es kein Traum“. Doch wer Zionismus von Demokratie trennt, schadet dieser grandiosen Idee. Seit dem 1. Zionistischen Weltkongress in Basel gab es viele Meinungen und Wege um zum Ziel der jüdischen Selbstverwaltung und Selbstbestimmung zu gelangen. Das Ergebnis ist der Staat Israel, ein jüdischer und demokratischer Staat.

Lasst uns für diesen sehr bunten Staat kämpfen und ihn mit allen Mitteln verteidigen. Es ist auch in Ordnung euphorische Natanyahu-Reden vor dem US-Congress auf Facebook zu verbreiten. Das alles nutzt aber nur sehr wenig, wenn es um Argumente im Bundessicherheitsrat oder anderen Gremien bei den Verhandlungen zu den so notwendigen Waffenlieferungen für den Überlebenskampf Israels geht.

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4 Kommentare
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  1. Gerd Weghorn sagt:

    Sie schreiben: „Doch wer Zionismus von Demokratie trennt, schadet dieser grandiosen Idee.“
    Das ist auch mein Thema, zu dessen Ausgestaltung ich gerne eine Rückmeldung hätte: http://www.blueprinttheorie.de

  2. Sandra sagt:

    Erstens, in Ihrer Kritik vermischen Sie munter Kritik an der Israelischen INNNENPOLITIK mit der grundsätzlichen Verteidigung von Israels AUSSENPOLITIK. Schon dies ist eine oberflächliche Sicht, und nicht wirklich dazu gehalten, Ihre Glosse sonderlich ernst zu nehmen. Natürlich braucht es, zweitens, mehr als hübsche Strandbildchen, aber die werden sowieso meist nur mit Freunden geteilt, um ein bisschen über seinen Urlaub zu braggen , so wie Karibik- Urlauber auch Urlaubsbilder teilen, ohne über die Slums und die Verschmutzung der Riffs zu reden. Drittens aber übersehen Sie die im Grunde fast schon mehrheitlich zu nennenden Anti-Israelischen Ressentiments, die in einer Kritik an Israel nur eine Bestätigung ihres Judenhasses sehen. Es geht einen Antisemiten ( auch einen „in der Wolle gefärbten “ ) schlicht nichts an, was es für Verbesserungen innerhalb der Israelischen Gesellschaft gäbe, solange das Ziel sein muss, ihn mit Fakten ebenso wie mit schlichter Werbung dazu zu bringen, seine Sicht vom „Genozid verübenden Apartheid Staat“ zu hinterfragen. Wenn es eine substanzielle Minderheit ( vielleicht sogar schon eine Mehrheit, die es nur nicht ausspricht?) gibt, die alles, was negativ ist nicht als Diskurs sondern als Wasser auf ihre Mühlen liest, ist das schlicht kontraproduktiv.

  3. Bettina Siebert sagt:

    Ja, auch ich gehöre zu den Freunden Israels, die ein gleiches Posting jeden Tag erneut posten. Das hat aber seinen Sinn. Es soll der allgemeinen Stimmungmache gegen Israel entgegenwirken. Außerdem sind Kurzbotschaften, die ständig und wiederholt gebracht werden, sehr prägend. So funktioniert Werbung. Man interessiert sich nicht für Werbung, aber weil die Botschaft kurz ist und ständig wiederholt wird, FRISST sie sich geradezu in das Gedächtnis der Leute hinein.
    Wenn ich das Gefühl habe, ich sollte was andere posten, dann mach ich das. Jaaa, ich wünschte, MEHR tun zu können, aber ich bin ziemlich weit weg von den Brennpunkten wie z,B. Berlin und bin dort eher sehr selten. Diese Jahr wird es nur ein eintägiger Aufenthalt dort, mit Glück zwei Tage. Und gegen diese Verbrecher in der Politik, die irgendwelche Gesetze verabschiieden, um die Bevölkerung besser ausweiden zu können, gegen die kann ich sowieso nix machen. Wir haben in Deutschland selber genug Probleme mit solchen Typen.

  4. Auch im Israel von Heute gibt es wie in allen anderen Staaten auf diesem Planeten Ungerechtigkeit in der Gesellschaft und auch gegen Araber. Genau genommen leben die Israelis im dauernden Alarmzustand – dass dann Überreaktionen und Fehlentscheidungen, ja manche ungerechte Urteile vollzogen werden, ist (leider) beinahe schon unausweichlich. Diese jedoch werden, nicht nur weil weltöffentlich beäugt, häufiger also anderswo soweit als möglich geregelt und korrigiert, was man von den Nachbarstaaten im Nahen Osten nicht behaupten kann, vor allem nicht, wenn es um Juden geht! Doch die Medien stürzen sich geradezu wie Aasgeier auf jeden noch so kleinen Verstoß und machen daraus ein handfestes Politikum. Ich meine, würde man auf einem Pferd so herumreiten, wie die Pro-Palästina-Lobby es auf solchen einzelnen Geschehnissen tut, eine Anzeige wegen Tierquälerei wäre die Folge!
    Die Israelhasser sind in der erschreckenden Überzahl und schütten tagtäglich kübelweise ihr schwarzes Pech der Lügen und Halbwahrheiten (was ist schlimmer?) über Israel aus. Wenn also so manch ein Israelfreund seine verbalen oder musikalischen blauweißen Israelschleifchen darüber klebt – um so besser! Und wenn z.B. ein Gruppe junger Israelurlauber von sich ein Bild in Bikinis und Badehosen mit Falafel in der Hand am Strand von Haifa postet – ganz ehrlich, wer würde solches je in einem der islamischen Nachbarstaaten Israels wagen, ohne sein Leben oder zumindest seine Gesundheit aufs Spiel zu setzen? Solche Postings, so drollig oder einseitig sie manchmal auch anmuten mögen, zeigen doch um so deutlicher, dass Israel das einzige freie Land im Nahen Osten ist, zumal nur wenige Kilometer weiter Familien aus ihren durch syrische und russische Jagdflieger oder den Mörderbrigaden des sog. IS zerbombten Häusern nach Europa fliehen müssen …
    Angesichts der durch die Palästinalobby und ihrer zumeist linken Seilschaften regelrecht verseuchten Korridore der Macht in EU und UNO, die schon „Tausendundeine“ Resolution ausschließlich GEGEN Israel verabschiedet haben, sollten wir aufpassen, dass hier bei aller „differenzierter Auseinandersetzung mit dem Staat der Juden“ unter Israelfreunden nicht den Israelhassern zugespielt oder, noch schlimmer, ihnen die Arbeit abgenommen wird – damit hat Israel schon im eigenen Lande genügend zu kämpfen!



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