MiGAZIN

Buchmesse Kuratorin Wilke

„Asylpolitik ist nur der Auslöser für eine Debatte über Europa“

Die Zukunft eines ganzes Kontinentes bildet in diesem Jahr den Schwerpunkt der Leipziger Buchmesse vom 17. bis 20. März. „Europa21“ lautet der Titel des Sonderprogramms, das die Literaturkritikerin Insa Wilke für die Buchmesse kuratiert hat. Im Gespräch erklärt sie, warum dringend über die gesellschaftlichen Veränderungen diskutiert werden muss.

Im Titel des Messeschwerpunktes taucht weder das Wort „Flucht“ noch „Migration“ auf. Wie passt das zusammen, sind dies doch die Themen, die Europa bald wohl am stärksten verändern werden?

Insa Wilke: Die Debatten um Asylpolitik und um Zuwanderung sind nur die Auslöser für die Frage, wie sich Europa organisieren soll und nach was für Grundsätzen wir hier zusammenleben wollen. Wir führen damit Diskussionen, die in Europa eigentlich seit 1989 hätten geführt werden müssen. Sie gären seit Jahren in der Bevölkerung. Auch schon zu Zeiten, als noch von einer „Müdigkeitsgesellschaft“ die Rede war.

Es ist fatal, wie sich viele Fragen derzeit überlagern: Asylpolitik wird mit Sicherheitspolitik vermischt, Fragen der Zuwanderung werden nicht unterschieden von der Verpflichtung, Bürgerkriegsflüchtlingen humanitäre Hilfe zu gewähren. Parteipolitische und europapolitische Interessen werden auf dem Rücken dieser Flüchtlinge ausgetragen. Bei „Europa21“ wollen wir versuchen, solche Fragen auseinanderzuhalten und uns spezifisch damit auseinanderzusetzen. Im Übrigen hat sich Europa schon verändert. Auch das gilt es zu beschreiben.

Wie sind Sie als Kuratorin der Herausforderung begegnet, diese vielen großen Fragen in ein Konzept zu gießen?

Insa Wilke: Bei der Planung der Gespräche war es wichtig, gerade nicht auf eine Konfrontation zu setzen, wie wir sie im Moment in vielen Talk-Shows erleben. Da weiß man vorher schon, wer welche Position hat und am Ende hat man nichts Neues erfahren und kommt auch nicht vorwärts. Unsere Gäste kommen aus den verschiedensten Ländern, sie sind dazu eingeladen, laut zu denken. Wir haben die Hoffnung, dass so echte Gespräche, eine echte Auseinandersetzung zustande kommt, die bitter nötig ist. Es ist derzeit einfach keine Option, den Kopf in den Sand zu stecken und den Vereinfachern das Feld zu überlassen.

Wir wollen die Debatten auch nicht durch einfache Pseudolösungen abschließen. Dazu muss jedem aber auch erst einmal die Möglichkeit gegebenen werden, mitzudenken – immer die Bereitschaft vorausgesetzt zu akzeptieren, dass wir es mit komplexen Zusammenhängen zu tun haben, denen man sich stellen muss. Bei aller scheinbaren Überinformation brauchen wir auch nach wie vor Aufklärung und genaue Information. So geht es mir persönlich und ich bin sicher damit nicht allein.

Bei diesen Themen spielen persönliche Erfahrungen meist eine große Rolle. Wie nähern sich aktuell die Schriftsteller den Fragen von Flucht, Migration und Gesellschaft?

Insa Wilke: Was die Literatur angeht, ist momentan sehr interessant, wie unterschiedlich Autorinnen und Autoren sprachlich und erzählerisch mit dem Thema umgehen: Abbas Khider („Ohrfeige“) erzählt in gewisser Weise dokumentarisch und unterhaltsam. Wir erfahren von Problemen und Lebenswelten, von denen die meisten Menschen in Deutschland überhaupt nichts wissen. Shida Bazyar („Nachts ist es leise in Teheran“) bietet durch ihre Familiengeschichte Identifikationsmöglichkeiten an.

Senthuran Varatharajah („Vor der Zunahme der Zeichen“) übt hingegen erzählend Sprachkritik und unternimmt den Versuch, für die spezifischen Lebensläufe von Menschen, die gezwungen waren, das Land zu wechseln, und deren Nachkommen, eine angemessene und tatsächlich auch neue Ausdrucksform zu finden. Sein Buch kann man auch als Reaktion lesen auf die rhetorische Verflachung und sprachliche Inkompetenz in den gegenwärtigen Debatten, die so furchtbare Auswirkungen hat. Aufregend ist die Vielfalt der aktuellen Werke, um so etwas wie eine rote Linie geht es dabei nicht. (epd/mig)