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Migration und Integration in Deutschland

Wenn wir Millionen von Menschen die doppelte Staatsbürgerschaft geben, die sie weitervererben, werden wir eine dauerhafte türkische Minderheit in Deutschland haben. Das bedeutet eine langfristige Veränderung der Identität der deutschen Gesellschaft. Ich bin dagegen.

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), Münchner Merkur, 6.11.2013

Gelichter

Flüchtlingskatastrophen

Eigentlich gibt es nur eine Katastrophe: Dass ein Land wie Deutschland, das in Sachen Bürokratie und Wohlstand weltweit Maßstäbe setzt, vor dieser vergleichsweise noch überschaubaren Gruppe von Asylsuchenden kapituliert.

Sven Bensmann, Migazin, Kolumne, bensmann kolumne
MiGAZIN Kolumnist Sven Bensmann © privat, bearb. MiG

VONSven Bensmann

Sven Bensmann (geb. 1983 bei Osnabrück) hat Philosophie, mittlere und neuere Geschichte, sowie europäische Ethnologie in Kiel studiert und einige Jahre von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt ein politisches Blog betrieben.

DATUM8. März 2016

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Deutschland steht aktuell vor einer großen Herausforderung, eine, von der behauptet wird, Deutschland habe nie vor einer größeren Herausforderung gestanden, auch wenn man das bezweifeln muss, denn selbst Flüchtlinge gab es in Deutschland zu mehreren Zeiten in größerem Maße, und immer fand man Gründe, warum das alles nicht funktionieren könne, von rechter Seite jedenfalls. Seien es nun die selbsternannt „Vertriebenen“ nach dem zweiten Weltkrieg, bei der Annexion der DDR oder während der Neunziger, als viele „Spätaussiedler“ vom damaligen Bundeskanzler Kohl Heim ins Reich geholt wurden – stets waren sie nicht integrierbar und eine Naturkatastrophe, die in das Land schwappte, ebenso flankiert von jenen inkarnierten Beweisen dafür, dass Hirnversagen nicht automatisch zum Tod führen muss.

Woran es wirklich krankt, ist aber, das zwar immer wieder eine Integration in Deutschland und seine Kultur eingefordert wird, dass es hierfür aber, bisher jedenfalls, keine vernünftige Perspektive gibt. Nicht nur, weil dem gemeinen Flüchtling ein Recht, dass einst hunderttausende Deutsche in Anspruch nehmen wollten und großzügig gewährt bekamen, heute möglichst weitgehend vorenthalten werden soll – man muss hier natürlich konstatieren, dass die, die heute gegen das Asylrecht populisieren, damals wohl auch nicht zu denen gehört hätten, die es in Anspruch hätten nehmen müssen: So ein Sigmar Gabriel ist eben längst kein Willy Brandt, der mit der SPD brach, weil die, damals wie heute, eben keine linke Politik machte, sondern vor allem rechte Politik duldete, der in den Untergrund ging, um gegen das Dritte Reich zu kämpfen, der seinen Namen ändern und aus Deutschland fliehen musste und der stets zu seinen Überzeugungen stand. Nichts von solchem Charakter kann man heute noch in der Führungsriege der SPD finden.

Sondern natürlich auch, weil jedem Fremden immer auch eine Welle der Ablehnung, gar des Hasses entgegen schlägt, weil er es wagen konnte, vor Krieg und Bomben zu fliehen und nun dieses Recht auf Asyl in Anspruch nehmen will.

Vor allem aber, weil jeder zwar Integration fordert, niemand aber sagen kann, worin denn eigentlich. Die Letzten, die ungestraft von deutscher Kultur sprechen konnten, waren die Nazis, die eine solche erfinden wollten, irgendwo zwischen Thule-Gesellschaft, Ahnenerbe und Bücherverbrennungen – ansonsten herrschte und herrscht in Deutschland der pure Tribalismus. Wo man auch hinkommt, Tradition und Kultur unterscheiden sich teils gewaltig. Soll sich der geneigte Syrer nun in Lederhosen gewandet, schuhplattlernd in die inzestuösen Almtäler einheiraten, bis sein Schwiegervater auch sein Sohn, sein Cousin und seine Mutter ist, um als deutsch zu gelten, oder muss in großen Menschengruppen marodierend in Köln Frauen sexuell belästigen, um deutsch zu sein? Letzteres scheint ja zu Silvester irgendwie in die Hose gegangen zu sein, betrachtet man aber die Ereigniss zur Mitte des Februars, so scheint es zuvor insbesondere an den Kostümen gescheitert zu sein.

Sprache wird auch immer wieder genannt, doch ein Syrer, der in einem holsteinischen Dorf auf deutsch daherplaudert fällt gleich doppelt auf: Denn der Holsteiner neigt nicht nur dazu, plattdeutsch oder auch friesisch zu schnacken, sondern vor allem dazu, den Zugewanderten am freundlichen „Moin-Moin“ zu erkennen – denn ein Eingeborener würde niemals ununterbrochen so viel quasseln.

Oder um es noch drastischer zu sagen: der Bayer ist bereits dem Franken so fremd, dass er ihm in Bezug auf die politische Repräsentanz nicht mehr über den Weg traut, daher gibt es eine extra Franken-Quote in der CSU, die sich einer Frauenquote hingegen weiter verwehrt. Über barbarische Pfälzer, die nichtmal die Kehrwoche kennen, kann der Schwabe nur die Nase rümpfen und wie sehr sich das Temperament der Deutschen allgemein tatsächlich unterscheidet, konnte man spätestens dort verfolgen, wo sich ebenjene zugewanderte Schwaben nicht ins fremde Berlin integrieren wollten: Bevor Flüchtlingsheime brannten, bestimmte dies die Schlagzeilen über Integration: die Berliner Türken sind wohl nie so unintegriert und ungewollt gewesen, wie Stuttgarter und Tübinger, wohl, weil man sich deutlich fremder war.

Nietzsche sagte zu Lebzeiten, dass es die Deutschen kennzeichne, dass bei Ihnen die Frage „Was ist deutsch?“ niemals aussterbe. Einfach war es immer nur zu sagen, was denn nicht deutsch ist. Gerade in Identitätskrisen, und eine solche scheinen wir gerade zu erleben, ist es dem Deutschen daher offenbar notwendig, sich von allen anderen abzusondern, um zu wissen, wer er eigentlich ist. Auch die Witze, die aktuell darüber gemacht werden, man solle Bayern zu einem sicheren Herkunftsland erklären, um endlich eine Abschiebung Horst Seehofers veranlassen zu können, spricht ebendiese Instinkte des Deutschen an: Der Deutsche will gern unter seinesgleichen sein, und je vertrauter der Fremde ist, desto fremder muss der Vertraute gemacht werden: Wer in einem Dorf irgendwo in der deutschen Provinz aufgewachsen ist, weiß, dass im Falle des Falles bereits der Nachbarort so fremd ist, dass eine Durchmischung nicht mehr opportun ist.

Und wenn man sich nun anschaut, dass gerade die Sachsen seit ihrem ersten Auftreten eigentlich immer auf der „falschen“ Seite der Geschichte gestanden haben, als Feinde der Zivilisation in Form des römischen Imperiums, als Feinde der Merowinger und Karolinger als der „ersten Europäer“ und im Krieg mit Karl dem Großen, oder auch als Feinde des „Westens“ als Vertreter demokratischer Werte, ist nur klar, dass sich aus diesem gestörten Selbstbewusstsein jedenfalls derer, die sich auch heute noch nicht als Europäer begreifen können, eine besondere Ablehnung aller Nicht-Sachsen konstituieren muss, bei der es letztlich bloß Zufall ist, ob sie sich gegen Araber und oder gegen andere Deutsche richtet – denn als Deutsche scheinen sich die Sachsen inzwischen immerhin zu verstehen, unabhängig davon, ob die Deutschen das genau so sehen und ob Deutschland sich nicht nach einer Zukunft sehnt, in der alle selbsternannten „Freistaaten“ ihr eigenes Ding machen, und zwar außerhalb der Grenzen eines pro-europäischen, demokratischen Deutschlands.

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Ein Kommentar
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  1. Hans P. sagt:

    „Soll sich der geneigte Syrer […], um als deutsch zu gelten, oder muss in großen Menschengruppen marodierend in Köln Frauen sexuell belästigen, um deutsch zu sein? Letzteres scheint ja zu Silvester irgendwie in die Hose gegangen zu sein, betrachtet man aber die Ereignisse zur Mitte des Februars, so scheint es zuvor insbesondere an den Kostümen gescheitert zu sein.“

    Was möchte uns der Autor denn damit sagen ?



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