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Es gab vor allem in der Anfangsphase der Anwerbung von Türken häufige Klagen der deutschen Arbeitskollegen darüber, dass die Türken … an ihrem Arbeitsplatz wie verrückt arbeiten und dadurch die Akkordsätze verderben.

Hans-Günter Kleff, Vom Bauern zum Industriearbeiter, 1985

Rassistischer Terror

Angst scheint im Mainstream für Pegida-Anhänger reserviert zu sein

In den letzten Jahren erleben wir europaweit eine wachsende Bewegung geflüchteter Menschen. Das Refugee-Movement formiert sich als Organisierung von unten und nimmt Einfluss auf die Öffentlichkeit. Doch trotz ihres kämpferischen und entschlossenen Bewusstseins ist es aufgrund ihrer entrechteten Position ein langer Weg zu Erfolgen. Ein Austausch zwischen Bethi Ngari, Ibrahim Danbaki und Vanessa Eileen Thompson über globale Zusammenhänge, Widerstand und Empowerment einer „most vulnerable and resistantial group“.

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Spiegelblicke: Perspektiven Schwarzer Bewegung in Deutschland © Orlando Verlag

Was bedeutet Refugee-Movement?

Ngari: Geflüchtete und Asylsuchende machen selbstbestimmt auf ihre Lebensumstände aufmerksam: über die schrecklichen Bedingungen in den Unterkünften (Lagern), Rassismus auf der Straße oder in Institutionen. Sie wünschen sich bessere Bedingungen, die den Menschenrechten entsprechen, und fordern diese Rechte ein.

Danbaki: Für mich spielt dabei auch der Ursprung der Bewegung eine große Rolle, denn die Inhalte betreffen nicht nur Geflüchtete. Aus afrikanisch-diasporischer Perspektive geht das Thema alle Schwarzen Menschen an. In Zeiten des Neokolonialismus werden unsere Heimaten immer noch ökonomisch ausgebeutet. Deshalb liegt es in meiner Verantwortung aufzuzeigen, warum Menschen ihr Leben riskieren und nach Deutschland kommen.

Thompson: Auch für mich als Person, die keine Fluchterfahrung hat, ist das Refugee-Movement eine der wichtigsten Bewegungen unserer Zeit. Bei ihrem diesjährigen Besuch in Berlin beschrieb die Schwarze US-Bürgerrechtlerin und Abolitionistin Angela Davis das Refugee Movement sehr passend als die Bewegung des 21. Jahrhunderts. Weil sie die desaströsen Effekte des globalen Kapitalismus offenlegt und Bürgerrechte für alle Menschen fordert. Weil sie nationale Grenzen kontinuierlich infrage stellt und nationale Zugehörigkeit dekonstruiert. Und weil sie bis heute nachwirkende koloniale Strukturen und Politiken des Krieges und der Enteignung kritisiert.

Kampagnen, Protestmärsche, Hungerstreiks, Konferenzen oder Tribunale für mehr Bewusstsein. Was hat der Einsatz der Refugee-Bewegung bisher gebracht?

Info: Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch

Ngari: Ich sehe Entwicklung in kleinen Schritten in Deutschland. So gibt es die Residenzpflicht in ihrer ursprünglichen Form nicht mehr, wenn sie auch noch nicht abgeschafft ist. Doch sehe ich auch den Effekt, dass die Politik uns auf der einen Seite Dinge zugesteht, uns an anderer Stelle aber Rechte oder Zugänge nimmt. Deshalb ist es so wichtig für mich, mich politisch zu engagieren. Wenn ich andere Frauen empowere, ihnen in meinen Workshops vermittle, dass sie Rechte haben, dann gibt mir das Kraft. Dadurch fühle ich mich selbstbestimmt, dass ich ein Leben habe, und das treibt mich an. Und wenn viele Refugees sich in verschiedenen Projekten organisieren ist das empowerend, weil sie ihre Lebensrealitiät sichtbar machen. Deshalb ist auch die Solidarität zwischen verschiedenen Gruppen, die für die gleiche Sache kämpfen, so wichtig, um Ergebnisse zu erzielen und kleine Veränderungen zu erreichen.

Danbaki: Was sich verändert hat, ist dass – anders als vor 20 Jahren – Refugees heute für sich selbst sprechen. Dass sie es sind, die privilegierte Menschen dazu einladen, sie zu unterstützen. Es geht um „reverse solidarity“. Eine anderes Zeichen der Solidarität zeigt der Slogan „Touch one touch all“, einer seit Jahren bestehenden Refugee-Kampagne. So weiß ich als Schwarzer Mensch, dass meine Freiheit nichts mit der weißer Europäer zu tun hat. Ich verstehe mich auch nicht als Deutsch, weil ich in Ghana aufgewachsen bin und inzwischen wieder in Ghana lebe. Die Struggles, die Schwarze Menschen erleben, haben für mich nie aufgehört, egal welchen Status ich hatte. So schützte mich auch das Privileg meines deutschen Passes nicht vor rassistischer Polizeigewalt. Und wenn ein Refugee Papiere bekommt, wird er in der gleichen Situation sein wie ich. Das zeigt, dass das Thema tiefer geht. Deshalb spreche ich immer von „verbundenen“ Perspektiven. Unsere Erfahrungen als Menschen of African descent sind interkontinental, deshalb befreit mich in diesem Kontext auch der deutsche Pass, den ich habe, nicht von meiner Verantwortung. Wenn wir als Schwarze Menschen unsere diversen Struggles separieren, ist das der Vorteil für das rassistische System. Deshalb ist es wichtig, dass wir Hand in Hand gehen, denn wir alle sind durch die Geschichte des Kolonialismus miteinander verbunden.

Wie Brücken zwischen Schwarzen Organisationen und ihren Interessen in Deutschland bauen?

Ngari: Wenn es um Solidarität geht, gibt es kein Limit. Viele von uns kommen in Deutschland an und können kein Deutsch oder kennen bestimmte Regeln noch nicht. Da braucht es Unterstützung, um anzukommen. Auf der anderen Seite ist es für mich heute wichtig, mich in meiner Arbeit auch mit der anderer Organisationen solidarisch zu zeigen, die sich beispielsweise mit der Aufarbeitung kolonialer Kontinuitäten oder Alltagsrassismus beschäftigen. Denn auch das ist meine Geschichte. So macht uns die Zusammenarbeit stärker und die Auswirkungen auch. Denn es braucht das gesamte Wissen, um zu verstehen, warum Menschen wie ich nach Deutschland oder Europa kommen.

Thompson: Schwarze politische Solidarität ist wichtig und Politiken der Solidarität haben viel mit Zuhören zu tun. Schwarze Menschen kommen aus sehr heterogenen Kontexten und aus den unterschiedlichsten sozialen Gruppen. Jeder von uns sollte über die eigenen Privilegien reflektieren und aufmerksam dafür sein, was Geflüchtete erzählen und welche Unterstützung sie sich wünschen und benötigen. Im Bereich Schwarzer Solidaritäten hat sich meines Erachtens viel bewegt in den letzten Jahren. Wenn wir auf die Geschichte der Schwarzen Bewegung in Deutschland schauen, zeigt sich, dass die 1980er und 1990er Jahre stark von den Kämpfen darum geprägt waren, dass die Existenz von „Schwarzen Deutschen“ anerkannt wird. An der Frage „Woher kommst Du?“ zeigt sich leider immer noch, dass sie aus diesem als weiß imaginierten nationalen Kontext verwiesen werden. Für viele Schwarze Aktivisten ist diese Form der Aberkennung schon lange nicht mehr die einzige Dimension, die zu politisieren ist.

Gewalttätige Übergriffe und Hassreden gegen Geflüchtete heute gespiegelt an den Attacken der 1990er Jahre: Wie bewertet ihr die Situation?

Ngari: Es sind verzerrte Bilder, die wir vorgesetzt bekommen. Politiker, die über Afrikaner reden, als ob sie in Massen einwandern würden, um die deutsche Ökonomie zu spoilern. Ich sehe darin die Trennung von „guten“ und „schlechten“ Geflüchteten und dass afrikanische Refugees damit systematisch aussortiert werden: Der Schwarze Geflüchtete als Problem. So bewegt es mich sehr, wenn ich die Attacken und Hassreden höre. Ich habe das Gefühl, viele Menschen denken nicht darüber nach, sondern sind nur genervt, dass Menschen kommen. Es bedarf mehr Einfühlungsvermögen, denn niemand verlässt seine Heimat einfach so.

Danbaki: Dieser Hass hat auch viel mit Miss- beziehungsweise fehlender Information zu tun. Diese Bilder von zu vielen Geflüchteten, deren Zahl nicht zu bearbeiten ist, entfacht das Feuer und die Wut kanalisiert sich gegen die als minderwertig und ausbeuterisch kategorisierten sogenannten „Wirtschaftsflüchtlinge“. Dabei laufen die den ihnen geraubten Ressourcen hinterher: Kakao, Kaffee, Öl oder Coltan.

Thompson: Die rassistischen Hassreden, aber vor allem die gewalttätigen Übergriffe gegen geflüchtete Menschen und ihre Unterkünfte erinnern mich sehr an die 1990er Jahre. Ich war damals noch ein Kind und habe die Bilder aus dem Fernsehen im Kopf. Ich habe meinen Vater damals aus Angst gebeten, „dass wir unbedingt von hier weggehen müssen“. Heute spreche ich von rassistischem Terror. Ich weiß, dass viele weiße Menschen hier in Deutschland rassistische Gewalt meist nur in den USA verorten. Doch wenn Alltagsrassismus hier gerade so aussieht, dass Tausende von Stimmen von Pegida-Demonstranten eine Atmosphäre von rassistischem Terror auf den Straßen schaffen und die Zahlen der rassistischen Übergriffe auf geflüchtete Menschen und ihre Unterkünfte steigen und steigen, dann nenne ich das einen Ausnahmezustand. Dabei ist besonders zu beachten, wem und wessen Sorge und Angst dabei mediale und politische Aufmerksamkeit zukommt. Angst scheint im Mainstream für die Pegida-Anhänger reserviert zu sein. Die meisten Medien und ein Großteil der Politik sprechen nicht über die berechtigte Angst der Menschen, die rassistisch terrorisiert werden: über die Angst von People of Color und Schwarzen Menschen und im Speziellen Refugees and Non-citizens of Color. Daher finde ich es wichtig, hier eine klare Position zu beziehen und sich auf die Unterstützung der geflüchteten Menschen zu konzentrieren, sich einzubringen in politische Kampagnen, in denen sie und ihre Bedingungen im Zentrum stehen, und Netzwerke zur Unterstützung weiter auszubauen, auch was Möglichkeiten des Schutzes betrifft. Jeder von uns kann und sollte in seinem Lebensbereich Anteil daran nehmen, da uns das alle angeht.

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