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[Die Verhinderung der Sesshaftmachung] würde den Vorteil haben, dass das Interesse an einer Familienzusammenführung zurückgeht und damit uns erheblich geringere Infrastrukturkosten entstehen würden.

Ein Vertreter der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände, Weber, 1974

Auf der Bühne

Junge Flüchtlinge und ihre Geschichten

Manchmal muss es laut gesagt werden. Unter der Überschrift „Say it out loud“ wollen sich Flüchtlinge Gehör verschaffen und von ihren Erlebnissen erzählen. Sie gehen dafür nicht auf die Straße, sondern auf die Bühne.

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Die Bühne © alancleaver_2000 auf flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

Es war gegen zwei Uhr nachts, irgendwo im Mittelmeer, als das Glück doch noch auf Osamas Seite war. Zehn Stunden trieb er im Wasser, dann entdeckte ihn die Polizei. An eine Rettung habe er damals nicht mehr geglaubt, sagt Osama heute. „Manchmal träume ich davon, was ich auf meiner Flucht aus Syrien erlebt habe. Und jetzt muss das alles mal raus.“

In einer großen Halle im Osten Dortmunds, zwischen alten Kulissen, Mischpulten, Kabeln und ein paar Sesseln, beginnt der Flüchtling Osama von seinen Erlebnissen zu berichten. Er ist nicht der Einzige, der gehört werden möchte. Da sind Mohammed, Abdul, Ahmed, Ilias und viele andere. Sie kommen aus Syrien, dem Irak, Albanien, Mazedonien und Eritrea.

Es sind zwölf Menschen und zwölf Geschichten. Gemeinsam haben sie ein Ziel: Ein Theaterstück auf die Bühne zu bringen – über ihre Fluchterfahrungen, ihre Erlebnisse in der Heimat, ihre Hoffnungen in Deutschland und ihre persönlichen Botschaften. „Say it loud“ heißt das Projekt des Kinder- und Jugendtheaters, das Andreas Wrosch als Regisseur mit den 13- bis 32-Jährigen inszeniert.

„Diese Arbeit ist ganz anders als das, was ich bisher gemacht habe. Sie hat eine besondere Tiefe“, sagt Wrosch. Fremde Welten trafen aufeinander, als der Regisseur und die Flüchtlinge sich im August das erste Mal begegneten. Für sie war die Theaterbühne neu und ungewohnt, für Wrosch waren die Erlebnisse der jungen Menschen erschreckend. Was er an den ersten Tagen gehört habe, davon habe er sich später erholen müssen, sagt Wrosch heute. „Erst wollte niemand von seinen Erfahrungen berichten und dann alle am liebsten gleichzeitig. Da sind traumatische Erlebnisse zum Vorschein gekommen. Über ihrer Jugend liegt ein großer Schatten.“

Osama zum Beispiel erinnert sich immer wieder an seine Reise über das Mittelmeer. Vor vier Monaten flüchtete er aus Syrien. Ein Schleuser versprach damals, ihn und ein Mädchen per Jetski über das Mittelmeer zu bringen. „Irgendwann hat er uns einfach ins Meer geworfen und ist weggefahren. Zum Glück hatten wir eine Rettungsweste an, und immer wenn mir kalt geworden ist, habe ich versucht zu schwimmen.“

Dass die Schleuser schlecht seien, dass Christen und Muslime friedlich zusammengelebt hätten, bis der IS kam, dass das Volk in Syrien sich nach Frieden sehne und dass die Probleme dort alle angingen, davon möchte Osama erzählen. „Hier habe ich endlich die Freiheit, meine Meinung zu äußern. Das fühlt sich gut an“, sagt er. Sich Gehör verschaffen, darum geht es bei diesem Theaterprojekt. Die Flüchtlinge wollen in einen Dialog mit dem Publikum treten, wollen wahrgenommen werden.

Und Wrosch möchte ihnen helfen, sich mit ihrer Vergangenheit auseinanderzusetzen. „Ein Theaterstück ist dafür doch eine ganz andere Motivation, als zu einem Psychologen zu gehen. Wir sind deshalb auch so etwas wie eine Selbsthilfegruppe.“ In den vergangenen Monaten habe er manche vor der Abschiebung bewahrt, anderen eine Wohnung vermittelt, sagt der Theatermann. Als vor Weihnachten einer der Teilnehmer einen nahen Verwandten in Syrien verloren habe, hätten sie gemeinsam Trost gespendet.

All die Geschichten sind Stoff für die Bühne. Aber wie inszeniert man sie? „Wir haben jetzt noch sechs Monate Zeit. Dann ist unsere Premiere“, kündigt der Regisseur an, wartet ab, bis der Dolmetscher neben ihm seine Worte ins Arabische übersetzt hat und sieht dann in die erwartungsvollen Gesichter. „Osama, du bist ein hervorragender Tänzer“, sagt Wrosch. „Ich möchte, dass du in unserem Stück tanzt.“

Eine Mischung aus Verblüffung und Vorfreude macht sich in Osamas Gesicht breit. Mohammed, der neben ihm sitzt, klopft ihm anerkennend auf die Schulter. „Das macht mich sehr glücklich. Endlich wieder tanzen!“, sagt Osama. In seiner Heimat hat er viel und gerne getanzt. Ilias soll Gedichte vortragen, Abdul und Ahmed einen Boxkampf initiieren. „Haha. Tatsächlich?“ – die Zwei schubsen sich an, kneifen sich in die Seite, Gelächter in der großen Runde.

Jede einzelne Geschichte will Wrosch als eine Reise erzählen lassen, als eine Reise nach Hause, als eine Geschichte vom Ankommen. „Eure Reise hat zu dem Zeitpunkt begonnen, als ihr euer Land verlassen habt.“ Heimat? Zuhause? Osama und all die anderen schauen sich fragend an. Zuhause zu definieren, ist in diesen Tagen nicht leicht. Osama überlegt lange, lächelt dann verlegen. „Gerade fühle ich mich hier in Deutschland sehr wohl, auch wenn ich meine Eltern in Syrien zurücklassen musste. Aber dort sehe ich einfach keine Zukunft für mich.“

Nur noch wenige Monate bleiben ihnen bis zur ersten Aufführung am 3. Juni. Keiner weiß, was bis dahin geschehen wird, ob sie alle in Deutschland bleiben dürfen, wohin sie die Reise führen und wo ihr Zuhause sein wird. (epd/mig)

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