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Soziale Medien

Gerüchte, die Hoffnung auf ein besseres Leben machen

In sozialen Netzwerken gibt es viele Gerüchte über Deutschlands Asylpolitik. Deutsche Behörden versuchen, diese zu entkräften. Migrationsforscher Pott glaubt nicht, dass man dadurch viele Menschen von der Flucht abhalten kann.

Facebook, Like, Daumen, Daumen hoch, Teilen
Facebook, der weltweit größte soziale Netzwerk im Internet © west.m @ flickr.com (CC 2.0), bearb. MiG

In Deutschland sollen Flüchtlinge Anspruch auf ein Gehalt haben. Ägyptische Staatsbürger mit Studienabschluss sollen kein Visum mehr für die Bundesrepublik benötigen. Oder: Jedem Flüchtling soll in Deutschland ein Haus zustehen. Solche Gerüchte machen in einigen Ländern, zum Beispiel in Nordafrika, die Runde.

„Flüchtlinge haben eine mythische Vorstellung von Europa“, sagt Melita Sunjic. Sie baut für das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR eine Abteilung auf, die Flüchtlinge vor der Flucht über die Situation in Europa informieren soll. Die allermeisten seien in keiner Weise auf die Realität vorbereitet, erläutert Sunjic. Gerüchte über Asylpolitik hätten eine lange Tradition: „Menschen, die verzweifelt sind, sind bereit, diese Gerüchte zu glauben“, sagt Sunjic. „Sie wollen nichts von Problemen einer Flucht hören, deshalb sind Gerüchte für sie so attraktiv.“ Durch soziale Netzwerke verbreiteten sich die Gerüchte nun viel schneller.

Flüchtlinge informierten sich aus zwei Quellen über das Zielland ihrer Flucht, berichtet Sunjic. Informationen stammten zum einen von Schleusern. „Für diese ist das ein Millionen-Business und entsprechend sind ihre Botschaften: Sie sagen, die Flucht ist kein Problem und in Europa ist das Leben für euch einfach.“ Wichtig seien zum anderen Kontakte zu Verwandten, die bereits nach Europa geflohen sein. Diese stünden in der Heimat unter enormem Druck. Deshalb erzählten viele Lügen – auch wenn es ihnen sehr schlecht geht, sagt Sunjic.

Die deutschen Behörden reagieren mit Informationskampagnen auf die Gerüchte und Falschinformationen. Carsten Wieland leitet das Deutschland-Zentrum in Kairo. Diese Zentren haben die Aufgabe, über Deutschland zu informieren und für deutsche Positionen zu werben, heißt es auf der Homepage des Auswärtigen Amtes. Asyl-Gerüchte verbreiteten sich hauptsächlich über Facebook: „Sie werden vielfach geteilt“, sagt Wieland. „Außerdem gibt es einschlägige Gruppen, in denen sich Informationen für Flüchtlinge finden, darunter Wahrheiten und Gerüchte unerkennbar nebeneinander.“

Wer hinter Gerüchten steht, sei schwer zu ermitteln, erklären die Experten. „Wir stellen fest, dass Gerüchte über die deutsche Flüchtlingspolitik oft gezielt gestreut werden. Damit wird das Ziel verfolgt, Menschen mit falschen Versprechungen anzulocken“, sagt Wieland. Es liege sehr nahe, dass Menschen solche Gerüchte streuen, die mit Flüchtlingen Geschäfte machen wollen, zum Beispiel Schleuser. Das Deutschland-Zentrum Kairo hat unter anderem eine Übersicht mit Fakten zusammengetragen, mit der es Gerüchten widerspricht. „Es ist wichtig, realistische Erwartungen zu vermitteln und darzustellen, wie die Wirklichkeit in Deutschland momentan aussieht“, erläutert Wieland.

Auch in anderen Regionen sind deutsche Behörden aktiv. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) kommuniziert nach Angaben des Bundesinnenministeriums insbesondere im Westbalkan. Ziel sei, die Zahl der aussichtslosen Asylanträge aus der Region zu reduzieren, sagt ein Sprecher des Ministeriums. Zu den Maßnahmen gehörten unter anderem Facebook-Anzeigen in Albanien und Serbien in den Landessprachen. In Afghanistan ist das Auswärtige Amt mit der Kampagne „Rumours About Germany“ („Gerüchte über Deutschland“) aktiv. Dazu gehören unter anderem eine Plakataktion und ein Informationsportal.

Der Migrationsforscher Andreas Pott ist skeptisch, ob diese Kampagnen viel bewirken können. Gerüchte und Bilder von bestimmten Ländern oder Regionen könnten für Flüchtlinge eine gewisse Rolle bei der Entscheidung spielen, wohin sie fliehen: „Aber man darf die Bedeutung nicht überschätzen – das ist nur ein Faktor unter vielen“, sagt der Direktor des Instituts für Migrationsforschung und Interkulturelle Studien der Universität Osnabrück. „Flüchtlinge haben gewichtige Gründe, warum sie ihre Heimat verlassen, beispielsweise weil dort Krieg herrscht.“ Man solle Aufklärungskampagnen nicht mit der Hoffnung verbinden, Fluchtbewegungen unmittelbar zu beeinflussen. (epd/mig)

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